Studentenbewegiung 1968

50 JAHRE DANACH – ERFAHRUNGEN IN UND MIT DER 68ER-BEWEGUNG, TEIL 2

Die allgemein politische Ebene: Antifaschismus, antiautoritäre Gegenbewegung und Antiimperialismus

Auf der allgemein politischen Ebene war im Hintergrund – immer mitschwingend – die Auseinandersetzung mit der unaufgearbeiteten Nazivergangenheit der Vätergeneration. Die antifaschistische Kritik machte sich politisch etwa an der Wiederwahl Heinrich Lübkes zum Bundespräsidenten im Juni 1964  (und das mit den Stimmen der SPD) fest. Lübke wurde von Ostberlin nicht nur der Einsatz von KZ-Häftlingen als Zwangsarbeiter vorgeworfen, in einer danach von der DDR herausgegebenen Broschüre wurde ihm sogar der Bau von Konzentrations-Lagern unterstellt.

Die Anklagen von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und der erste Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965 vor dem Landgericht Frankfurt brachte erstmals das Vernichtungssystem der KZs vor Gericht und – wenngleich kontrovers – den Holocaust ein Stück weit ins öffentliche Bewusstsein.

Im ersten Band des von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen  „Kursbuches“ (1965) wurde ein Dossier über diesen Prozess veröffentlicht.

Durch den Einzug der NPD in die Landesparlamente von Hessen und Bayern und vor allem auch durch die Wahl des früheren NSDAP-Mitglieds und stellvertretenden Leiters der Rundfunkpolitischen Abteilung, Kurt Georg Kiesinger, zum Bundeskanzler (1966) gewann die Debatte um ehemalige Nazis in Politik und Wirtschaft zusätzliche Schubkraft.

Pflichtlektüre für uns linke Studenten waren damals die Texte über die „Faschismus-Theorien“ in der Zeitschrift „Das Argument“, etwa die Artikel des Argument-Mitbegründers Wolfgang Fritz Haug „Ideologische Komponenten in den Theorien über den Faschismus“ in Das Argument Nr. 33, 7.Jg. S. 1 – 34, 1965, oder Bernhard Blanke, Reimut Reiche und Jürgen Werth „Faschismustheorie der DDR“ ebd. S. 35 – 48

In diesem historischen Kontext stand die Anklage über das Versagen der Universitäten gegenüber dem Nationalsozialismus und die damalige Schrittmacherrolle der Studenten beim Aufstieg der Nazis. Deshalb wurden von uns Studenten, wie etwa in den vom Soziologen und FDP-Politiker Ralf Dahrendorf initiierten Tübinger Ringvorlesungen über „die „braunen Universitäten“ nach braunen Flecken bei der Professorenschaft gesucht.

Aus dieser antifaschistischen Perspektive wurden von uns die als „Schubladengesetze“ bekannt gewordenen Pläne für Notverordnungen und die verfassungsändernden Notstandsgesetze betrachtet. Die Einschränkung des Postgeheimnisses, der Freizügigkeit, der freien Arbeitsplatzwahl und der Einsatz der Streitkräfte im Innern im Spannungsfall galten aus unserer Sicht geradezu als eine Neuauflage des „Ermächtigungsgesetzes“ von 1933 galten. („Kein zweites 1933“ lautete eine der  Parolen.) Musste man dagegen nicht den Widerstand leisten, den die Väter bei der Machtergreifung Hitlers versäumt hatten?

Mit der Notstandsverfassung im Zusammenhang diskutiert wurde die vom damaligen Bundeskanzler Ludwig Erhard in die politische Debatte eingeführte Konzeption einer „Formierten Gesellschaft“. Viele von uns sahen darin eine autoritäre Verschwörung des „CDU-Staates“.

Wie das Reinhard Opitz, Mitglied der (angeblich kommunistisch unterwanderten) Deutschen Friedensunion in einem damals kursierenden Sonderdruck aus den Blättern für deutsche und internationale Politik (1965) an die Wand gemalt hat.
Vgl. auch Johannes Agnoli/Peter Brückner, Die Transformation der Demokratie, Berlin 1967

Als den Versuch der Schwächung der demokratischen Teilhabe sahen wir darüber hinaus die öffentliche Debatte um ein Mehrheitswahlrecht, mit dem die kleinen Parteien aus dem Parlament gedrängt sollten. Wir sahen darin den Versuch einer Einschränkung der pluralen Repräsentanz im Parlament.

Auch in der SPD gab es Unterstützung für eine solche Wahlrechtsänderung. Die Sozialdemokratie hat diese Pläne erst fallen gelassen, als die (kleine) FDP 1969 zu einer sozial-liberalen Koalition bereit war.

Die autoritäre Formierung fand in unseren Augen ihren konkreten Ausdruck in der Bildung der ersten großen Koalition am 1. Dezember 1966. Den 450 Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU standen gerade mal 49 Oppositionsabgeordnete der FDP gegenüber. Diese Schwächung der innerparlamentarischen Opposition, war geradezu ein Nährboden für eine antiautoritäre Gegenbewegung und ein wichtiges Motiv dafür, dass sich die Studentenbewegung mehr und mehr als „außerparlamentarischen Opposition“ (APO) verstand. Auch die Medien haben dem studentischen Protest zunehmend diese Rolle zuerkannt.

Im linken politischen Spektrum wurde – ganz ähnlich wie in den USA selbst – die Kritik an der amerikanischen Kriegsführung in Vietnam immer lauter. Die amerikanische Politik des „Containments“, also der Eingrenzung des Kommunismus, fand gerade in der west-berliner Bevölkerung starke emotionale Unterstützung. Die USA, zumal der ikonenhaft verehrte John F. Kennedy („Ich bin ein Berliner“), galten als Schutzpatron gegen „die Russen“ im Osten der Stadt. Dementsprechend stießen Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg auf wütende Ablehnung bei den Westberlinern.

Aufgrund der Insellage innerhalb der sowjetischen Besatzungszone herrschte eine rigide, ja geradezu aggressive antikommunistische Stimmung, die auch auf alle Kritiker an der herrschenden Politik übertragen wurde. („Geht doch nach drüben!“)

Ein besonderes Merkmal der West-Berliner Situation war die dort ansässige Presse, zumal die Springer-Presse, die knapp 70 Prozent des Westberliner Pressemarktes beherrschte.

Jens Hager, Die Rebellen von Berlin, S. 62

In diesen Blättern wurde penetrant antikommunistische Propaganda betrieben und teilweise geradezu zu Hetzjagden gegen die „Jung-Roten“  geblasen. Die Parolen und die Wortwahl der demonstrierenden Jugend mögen radikal und aggressiv geklungen haben, aber genauso demagogisch, gelogen und verunglimpfend waren die Erklärungen von Politik und Polizei. Das ging ja sogar soweit, dass der Tod Benno Ohnesorgs  zunächst den demonstrierenden Studenten zugeschrieben wurde. Der  Prozess gegen den Todesschützen war geradezu ein Justizskandal.

Mein Beginn als Studenten-„Funktionär“

Meine nachbarschaftliche Jugendfreundschaft mit den Zwillingen Ulf und Niels Kadritzke und die Schulbekanntschaft mit Hartmut Häußermann, führten mich schon kurz nach Beginn meines Studiums zur Gruppe des Sozialdemokratischen Hochschulbundes (SHB) an der FU.

Niels Kadritzke ist heute noch Redakteur der deutschen Ausgabe von „Le monde diplomatique“. Er studierte Anglistik, Politikwissenschaft und Soziologie war u.a. Ressortleiter Ausland der 1996 eingestellten „Wochenpost“, freier Journalist, Dozent an der FU Berlin, Lektor bei Rotbuch und Übersetzer. Er ist Experte für Zypern und Griechenland und betreibt auf der Website der LMD das Blog Berichte über die griechische Wirklichkeit.

Noch 1964 bin ich auch in die SPD eingetreten. Keineswegs aus politischer Überzeugung, der Anlass war vielmehr, dass ich – zusammen mit einer größeren Anzahl anderer SHB-Mitglieder mit einem Masseneintritt in die SPD – Kurt Mattick als Berliner Landesvorsitzenden abwählen wollte. Was bekanntlich misslang, mir aber eine nun schon weit über 50-jährige Mitgliedschaft in dieser Partei bescherte. Mattick galt uns als Rechtsaußen in der Partei, er war Nachfolger von Willy Brandt, der Anfang 1964 zum Bundesvorsitzenden der SPD aufgerückt war.

Die Umgebung einer politischen Hochschulgruppe bewirkte bei mir eine Art von persönlicher „Kulturrevolution“. Bis dahin ging ich immer noch mit einem weißen Nylonhemd und einer schmalen schwarzen Lederkrawatte zur Uni. Ich besaß drei dieser Hemden, die ich nach jedem Tragen abends im Handwaschbecken mit einem REI-Waschmittel aus der Tube gewaschen und auf einem Kleiderbügel getrocknet habe. Diese Hemden stanken zwar nach kurzer Zeit nach Schweiß, das Gute aber war, man brauchte sie nicht zu bügeln –  auch wenn die Hemden allmählich ziemlich vergilbten.

Mit Schlips und Kragen ausgestattet ging ich anfangs, weil ich als Schüler zwölf Jahre Geigenunterricht „erlitten“ hatte, noch ein paar Mal zur Probe zum Collegium Musicum an der FU. Die beiden „Kulturen“, hier die eher wohlerzogene, positiv eingestellte junge Bildungselite im Orchester und dort kritische, aufmüpfige, filterlose Zigaretten rauchende und Bier aus der Flasche trinkenden Polit-Aktivisten, hier das distanzierte „Sie“ und dort das allgemeine „Du“, passten überhaupt nicht mehr zusammen.

Von da an wechselte ich über den Dufflecoat zur ach so „individuellen“ Einheitsuniform, dem Parka, und zur ledernen Ballonmütze. Obwohl ich dünne „fatzeglatte“ (schwäbisch) Haare habe, ließ ich diese wachsen und kappte sie allenfalls alle paar Monate mit dem Nassrasiermesser ein wenig. Der Schnauzbart wurde obligatorisch. Die Haar- und Bartmode, war jedoch eher den Beatles nachgeahmt und erst in zweiter Linie ein politisches Statement.

Statt Karajan mit den Berliner Philharmonikern oder George Szell und seinem Cleveland Orchestra, hörte ich jetzt „Birth oft he Cool“ mit Miles Davis, Gerry Mulligan oder John Lewis – und natürlich die Rolling Stones. Allerdings gehörte ich von der Musikrichtung her eher der Beatles-Fan-Gemeinde an, obwohl die „Stones“ als unangepasster und proletarischer galten.

Ich arbeitete im Arbeitskreis „Recht und Politik“ der SHB-Hochschulgruppe mit.

Weil 1965  die Verjährungsfrist für Mord anstand – die Frist belief sich damals auf 20 Jahre – habe ich mich in einer ersten juristischen Expertise mit diesem Thema intensiv beschäftigt. Hätte die Verjährungsfrist Platz gegriffen, wären die Nazi-Mörder danach straffrei geblieben. Die juristische Kernfrage war, ob eine Verlängerung der Verjährungsfrist gegen den Grundsatz nulla poena sine lege, also gegen das Rückwirkungsverbot verstieß. Ich vertrat die Position, dass kein solcher Verstoß vorliege.

Dank der sog. „Schwäbischen Mafia“, zu der auch noch die Tochter des Tübinger Bürgermeisters, die „Schnabbelschnüss“ Herta Däubler-Gmelin, und der aus Schwäbisch Hall stammende Wolfgang Roth gehörten, wurde ich nach kurzer Zeit zum stellvertretenden Gruppenvorsitzenden gewählt.

Wolfgang Roth, war 1964 zum AStA-Vorsitzenden gewählt worden, 1972 bis 1974 Juso-Bundesvorsitzender und ab 1976 über 18 Jahre im Deutschen Bundestag bis er schließlich als Vizepräsident zur Europäischen Investitionsbank ging.

Für mich war diese Funktion eine riesige Herausforderung, ja in vielerlei Hinsicht eine Überforderung. Das fing schon mit der Banalität an, dass ich  (bestenfalls städter-) schwäbisch und kein Hochdeutsch sprechen konnte. Da nach meinem Eindruck, die Schwaben nicht so selbstbewusst zu ihrem Dialekt stehen, wie etwa die Bayern, hemmte mich ein Minderwertigkeitsgefühl, wenn ich z.B. bei unseren Gruppenversammlungen in einer angemieteten Villa in der Zehlendorfer Sven-Hedin-Straße öffentlich etwas sagen sollte. Außerdem war ich studentenpolitisch noch ziemlich grün hinter den Ohren und hatte vor allem den „Jargon“ der Linken noch nicht drauf.

Aber ich hatte etwa in Bodo Zeuner, später Politologie-Professor an der FU , Gert Börnsen  später langjähriger Fraktionsvorsitzender der SPD im Kieler Landtag, Marlies Seeling, die Tochter des damaligen Duisburger Oberbürgermeisters, und selbstverständlich den Kadritzke-Zwillingen sowie Hartmut Häußermann erfahrenere Vorbilder. Auch Christoph Zöpel gehörte zur SHB-Gruppe.

Christoph Zöpel wurde 1978 mit 35 Jahren noch von NRW-Ministerpräsident Heinz Kühn zunächst zum Minister für Bundesangelegenheit und später von Johannes Rau zum Minister für Landes- und Stadtentwicklung und danach noch zusätzlich für Wohnen und Verkehr ernannt. Weil er in der lange währenden Regierungszeit von Johannes Rau keine Aufstiegschancen in Nordrhein-Westfalen mehr sah, wechselte er in den Bundestag und wurde1999 unter Joschka Fischer Staatsminister im Auswärtigen Amt.
Christoph Zöpel bin ich dann später als Regierungssprecher am Kabinettstisch der Regierung von Johannes Rau wieder begegnet.

Zeit des politischen Umbruchs in der Studentenschaft der Freien Universität

Es waren Zeiten des politischen Umbruchs in der Studentenschaft der FU. Noch im Frühjahr 1963 wurde der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, vom 14. Konvent der FU, dem Studentenparlament, zum AStA-Vorsitzenden gewählt. Ein halbes Jahr später gab es gegen diese Wahl wegen dessen Mitgliedschaft in der schlagenden Burschenschaft „Saravia“ eine Urabstimmung mit über 70 Prozent Wahlbeteiligung. Diepgen wurde wegen seiner Mitgliedschaft in dieser Studentenverbindung mit fast zwei Drittel Mehrheit der Stimmen abgewählt.

Noch bei der Gründung der FU war satzungsmäßig verankert, dass schlagende Verbindungsstudenten, wegen ihrer Rolle im NS-Staat nicht immatrikuliert werden durften. Dieses Verbot war zwar später juristisch angefochten worden, doch solche Burschenschaften galten nach wie vor als nicht vereinbar mit dem demokratischen Geist der Hochschule.

Diepgen folgte erstmals ein „linker“ AStA-Vorsitzender, nämlich Wolfgang Roth vom SHB. Hochschulreferent wurde Peter Damerow (SDS), Referent für gesamtdeutsche (!) Fragen und politische Bildung wurde Niels Kadritzke (SHB).

Bei den studentischen Konventswahlen Mitte Dezember 1964 mit einer Wahlbeteiligung von etwas über 47 Prozent wurden 8 Kandidaten des SDS, 6 vom SHB, 4 vom Liberalen Studentenbund Deutschlands (LSD), 3 von der Evangelischen Studentengemeinden, nur einer vom Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) und 7 von den Korporationen gewählt. 48 Konventsmitglieder bezeichneten sich als „unabhängig“. Es war ja, anders als das nachträglich vielfach dargestellt wird, keineswegs so, dass der SDS die einzige oder gar die wichtigste politische Gruppe an der FU war. Auch innerhalb des SDS gab es verschiedene Flügel.

Am 19. Februar 1965 wird der SDSler Wolfgang Lefèvre zusammen mit Peter Damerow (vom Argument Club) in den AStA-Vorstand gewählt. Lefèvre kandidierte gegen den SHB-Kandidaten Christoph Zöpel und wurde mit den Stimmen der „Rechten“ gewählt

Dokumentation FU Berlin, a.a.O. S. 14.

Am 1. April 1965 trat dieser neue AStA sein Amt an.

Dieser auch für die damalige Entwicklung der studentischen Politisierung eher „linksradikale“ AStA-Vorstand blieb allerdings nur ein gutes halbes Jahr im Amt. Am 26. Oktober 1965 verweigerte ihm der Konvent das Vertrauen. Lefèvre und Damerow hatten einen Aufruf „Frieden für Vietnam“ unterzeichnet, indem die USA aufgefordert wurden, sich aus Vietnam zurückzuziehen. Verantwortlich für den Aufruf zeichnete ein Komitee, dem Kontakte zur „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED) der DDR (bzw. der „Sowjetischen Besatzungszone“, wie immer noch die offizielle Bezeichnung war) nachgesagt wurde. Daraufhin betrieb der „Ring Christlich-Demokratischer Studenten“ (RCDS) den Rücktritt des AStA-Vorstandes.

Die Springer-Presse und die Berliner CDU verlangten ein Eingreifen des damaligen Wissenschaftssenators Werner Stein und des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt. Schließlich forderten im Hauptausschuss des Studentenparlaments auch die Vertreter von LSD und SHB den Rücktritt Wolfgang Lefèvres und seines Stellvertreters Peter Damerow. Die Mehrheit der Studentenvertreter wollte die ohnehin aufgeheizte Atmosphäre nicht auch noch durch eine antikommunistische Hetzkampagne zusätzlich befeuern. Dass es nicht um die Haltung zum SDS oder zum Vietnam-Krieg ging, belegte schon, dass Lefèvres Nachfolger als AStA-Chef, Niels Kadritzke, alle anderen SDS-Mitglieder des AStA-Vorstandes im Amt beließ, darunter auch den Finanzreferenten Ulrich Ströhle – übrigens auch ein Schwabe. Kadritzke wurde im November 1965 im zweiten Wahlgang gewählt, sein Stellvertreter wurde etwas später Gert Börnsen gleichfalls vom SHB.

Niels Kadritzke trat jedoch aufgrund einer vom Akademischen Senat verabschiedeten „Richtlinie“, wonach an der FU keine Räume für allgemeinpolitische Veranstaltungen mehr vergeben werden sollten, schon am 16. Februar 1966 wieder zurück:

„Die Möglichkeit zu freier, umfassender Bildung ist nicht mehr gegeben, wenn Veranstaltungen, die der politischen Bildung dienen, aus den Räumen der Universität verwiesen werden“, hieß es in der Rücktrittserklärung.

Jens Hager, a.a.O. S. 77

Kadritzke rief zur Wahl des SPD-Mitglieds Knut Nevermann als seinem Nachfolger auf; Christoph Zöpel schlug als Gegenkandidaten den Fakultätssprecher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät Hans Heuer (SHB) vor. Nevermann erhielt 39 Stimmen, darunter auch die Stimmen der SDS-Vertreter, Heuer bekam 32 Stimmen.

Dokumentation FU Berlin a.a.O. S. 70.

Nevermanns Nachfolger wurde im Frühjahr 1967 wiederum der ehemalige Waiblinger Staufer-Gymnasiast Hartmut Häußermann.

Im Verlauf der politischen Auseinandersetzungen verschärfte sich auch der Ton in der offiziellen Studentenzeitschrift an der Freien Universität, dem „FU-Spiegel“. Wolfgang Roth forderte in einem Beitrag das Recht der Studenten, Kritik an Professoren äußern zu dürfen und Christoph Zöpel verlangte die Wahrnehmung einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung der Universität.

Jeanette Seiffert, a.a.O S. 50

Chefredakteure der vom AStA herausgegebenen Zeitung waren Jürgen Mensendiek, danach Hartmut Häußermann  und danach Ernst Elitz. Elitz wurde später Intendant des Deutschlandfunks und ist heutiger Ombudsmann und Kolumnist der Bild-Zeitung. Ein wichtiger Autor des „FU-Spiegels“ war übrigens der ebenfalls in Schwaben aufgewachsene Hermann Gremlitza, später Herausgeber der linken Zeitschrift „konkret“. Elitz und Gremlitza in einer Redaktion, das klingt unglaublich, wenn man ihre späteren politischen Standorte betrachtet.

Es ist ohnehin erstaunlich, wie viele in der Studentenbewegung aktive Leute, man später irgendwo in öffentlichen Rollen wieder gefunden hat.

Hochschulpolitisch stand die SHB-Gruppe an der FU mehrheitlich an der Seite des SDS.

Hager a.a.O. S. 53

Auch ich selbst habe eher mit denjenigen SDSlern zu tun gehabt, die hochschulpolitisch aktiv waren, also z.B. nicht mit Rudi Dutschke. Ich kannte Dutschke, ich hörte ihn auch auf einigen Protestveranstaltungen, doch seine „seminaristische“ Rhetorik und sein inszeniert wirkender, näselnd hoher Tonfall übten auf mich keinerlei Faszination aus. Er erinnerte mich eher an Evangelikale aus dem Umfeld meines Großvaters in der hahn`schen Gemeinschaft. Ich verstand einfach nicht, was er redete und ich konnte das auch offen zugeben, denn in meinem politischen Umfeld ging es vielen genauso. (Hartmut Häußermann: „Er war eigentlich eine Lachnummer“)

Zur tragischen Figur der Studentenbewegung wurde Dutschke für mich erst, nachdem am 11. April 1968 auf ihn geschossen wurde. Mir ging der Anschlag schon deshalb persönlich sehr nahe, weil ich in der Nähe des Tatortes eine Zeit lang gewohnt habe und mir die Stelle vertraut war, wo die Schüsse gefallen sind.

Die Kuby-Affäre – die erste Feuerprobe und der „Ursprung der Revolte“

Meine erste persönliche Feuerprobe als stellvertretender Gruppenvorsitzender des SHB an der FU war eine zusammen mit dem SDS und dem LSD initiierte Protestveranstaltung gegen die Rücknahme durch Rektor Herbert Luers einer schon erteilten Genehmigung für eine Podiumsdiskussion zum 20. Jahrestag der  „Kapitulation“ (so hieß es damals noch bis dann erst 1985 Bundespräsident Richard von Weizsäcker vom „Tag der Befreiung“ gesprochen hat).

Hintergrund war ein Hausverbot für den Publizisten Erich Kuby. Das Verbot wurde auf ein Jahre lang zurück liegendes Referat (1958) gestützt, in dem Kuby sagte, „dass in dem Worte ‚Freie Universität‘ eine innere antithetische Bindung an die andere, die unfreie Universität jenseits des Brandenburger Tores fixiert ist, die für meinen Begriff (…) mit den wissenschaftlichen und pädagogischen Aufgaben einer Universität schlechthin unvereinbar ist.“

Der damalige AStA-Chef Wolfgang Roth hatte den Rektor vor der Veranstaltung wohlweislich darüber informiert, dass Kuby  neben Rudolf Krämer-Badoni, Ullrich Sonnemann, Fritz Vilmar (IG Metall) und Professor Ludwig Friedeburg zu einem Podiumsgespräch unter dem Titel „Restauration und Neubeginn“ eingeladen worden war. Wenige Tage vor der Veranstaltung weigerte sich Rektor Luers unter Berufung auf sein „Hausrecht“ einen Raum für diese Veranstaltung am 8. Mai zur Verfügung zu stellen. Die Professoren Wilhelm Weischedel, Helmut Gollwitzer, Helmut Arndt und Gert von Eynern sprachen sich öffentlich gegen dieses Hausverbot aus.

Die Veranstaltung fand dann – zwar einen Tag vorher – dennoch statt, nämlich im Studentenhaus der Technischen Universität am Steinplatz.

Am 7. Mai, am Vortag des geplanten Podiumsgesprächs versammelten sich mehr als 400 Studenten vor dem Henry-Ford-Bau der FU an der Garystraße und forderten in einer Resolution den Rektor auf  „zu bestätigen, daß wir an unserer Universität jedermann, zu jeder Zeit, zu jedem Thema hören und mit ihm darüber diskutieren können.“  Eine Woche später hatten diese Forderung ca. 3000 Studenten unterschrieben.

Der Jurist und damalige Prorektor Ernst Heinitz drohte den zur Demonstration aufrufenden Verbänden (SHB, SDS, LSD) mit dem Entzug der Zulassung als förderungswürdige Gemeinschaften an der FU. Die Uni-Verfassung gab dem Rektor ein uneingeschränktes Hausrecht, deshalb war eine der Parolen der  protestierenden Studenten: „Bricht Hausrecht Grundrecht?“

Der linke Jura-Professor Uwe Wesel sprach über dieses Ereignis am 7. Mai 1965 vom „Ursprung der Revolte“. Tatsache ist jedenfalls, dass ein relativ harmloser Konflikt, aufgrund des sprachlosen, borniert autoritären Verhaltens der Hochschulleitung zum Zündfunken für einen politischen Flächenbrand wurde.

Die Krippendorf-Affäre – die Wellen des Protests überschlugen sich

Der Kuby-Affäre folgte nämlich kurz darauf die Affäre um den Assistenten am Otto-Suhr-Institut, Ekkehart Krippendorff. Der Politikwissenschaftler hatte im (damals alternativen) „Spandauer Volksblatt“ einen Artikel veröffentlicht, in dem er dem Rektor vorwarf, das Auftrittsverbot von Kuby sei ein „Eingriff in die Freiheit dieser Stadt“. Zudem hielt er dem Rektor vor, dass dieser sich gegen eine Einladung an den Philosophen Karl Jaspers (dieser hatte sich für die Staatlichkeit der DDR ausgesprochen) gewandt habe. Letztere Aussage war falsch – Jaspers hatte aus gesundheitlichen Gründen selbst einen Vortrag an der FU abgesagt. Krippendorff hat daraufhin in einem weiteren Artikel in derselben Zeitung sein Bedauern über diese Falschaussage ausgedrückt und sich entschuldigt, dennoch sprach der Rektor von Verleumdung und erklärte ohne Rücksprache mit dem zuständigen Lehrstuhlinhaber Gisbert Ziebura und dem geschäftsführenden Direktor des OSI, Kurt Sontheimer, dass Krippendorffs Arbeitsvertrag mit der FU nicht verlängert würde. Lediglich aufgrund der Tatsache, dass der Vertrag mit Krippendorff ohnehin am 30. September 1965 auslaufe, halte der Rektor eine fristlose Kündigung für entbehrlich.

Krippendorff ist am 27. 2018 Februar im Alter von 84 Jahren verstorben. Nach Gastprofessuren in den USA (New York) und in Italien (Bologna, Siena, Urbino), wurde er 1978 Professor an der Freien Universität.    Hier eine Würdigung von Knut Nevermann .

Ziebura hob in einer öffentlichen Erklärung schwere Bedenken gegen die Maßnahme des Rektors.

Beide Vorgehensweisen der Hochschulleitung lösten im Mai 1965 einen ersten Vorlesungsstreik am OSI aus, an dem sich der ganz überwiegende Anteil der 800 OSI-Studenten beteiligte. Es gab Protestresolutionen und das Institut wurde symbolisch in „Karl-Liebknecht-Institut“ umbenannt.

Auf der Eröffnungsfeier für das Sommersemester im Henry-Ford-Bau kam es  zum Eklat: Rektor Luers verteidigte in einer Rede seine Entscheidungen zu Kuby und zu Krippendorff, danach hielt ihm der AStA-Vorsitzende Wolfgang Lefèvre vor, er habe nicht mit Geiste der Satzung der FU gehandelt. Lefèvres Rede wurde wiederum als „Verstoß gegen die akademische Würde“ vom Protest mehrerer Professoren (u.a. Bettermann, Blei, Schilcher) unterbrochen, worauf der AStA-Vorsitzende, die studentische Wahlsenatorin Sigrid Rüger (SDS) und der stellvertretende Konventspräsident Christian Fenner (LSD) unter Unmutsäußerungen der Neuimmatrikulierten gegen ihre Studentenvertreter das Audimax verließen.

Aufgrund der herrischen Haltung maßgeblicher Hochschullehrer und der ziemlich rigiden Vorgehensweise der Hochschulleitung gegenüber dem AStA und gegen die urdemokratischen studentischen Forderungen nach freier Rede auf dem Campus schaukelte sich der Konflikt immer mehr hoch. Nicht nur die in den politischen Gruppen organisierten Studierenden entwickelten mehr und mehr (politisches) Selbstbewusstsein gegenüber den Ordinarien und dem Rektorat. Zum Ende des Sommersemesters forderten Studenten den Rücktritt des Rektors. Die aufkommende Forderung nach der Vertretung von Studenten und Assistenten in allen akademischen Gremien fand breitere Unterstützung.

Dokumentation a.a.O. S. 42.

Auch jenseits des Campus hatte es in West-Berlin schon Protestaktionen gegeben, so etwa bei der Demonstration im Dezember 1964 gegen den Empfang des kongolesischen Herrschers Moise Tschombé durch den Berliner Senat. Wegen dessen Militärputsch und weil dieser an der Ermordung seines eher linksgerichteten politischen Gegners Patrice Lumumba beteiligt gewesen sein soll  schickte der SHB ein Protesttelegramm an den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt.

Protestformen wie die von der „Free Speech Movement“ (FSM), der Beatniks, der amerikanischen Antikriegsbewegung,  der „Students for a Democratic Society“ (SDS) oder der Bürgerrechtsbewegung („Civil Rights Movement“) – also Sit-ins, Teach-ins oder Picketing Lines – waren vom kalifornischen Berkeley nach West-Berlin herübergeschwappt.

Die damalige Stimmungslage hat Peter Schneider in seiner berühmt gewordenen Rede auf einem Teach-in am 5. Mai 1967 zusammengefasst:

„Wir haben Fehler gemacht, wir legen ein volles Geständnis ab: Wir sind nachgiebig gewesen, wir sind anpassungsfähig gewesen, wir sind nicht radikal gewesen…

Wir haben in aller Sachlichkeit über den Krieg in Vietnam informiert, obwohl wir erlebt haben, dass wir die unvorstellbarsten Einzelheiten über die amerikanische Politik in Vietnam zitieren können, ohne dass die Phantasie unserer Nachbarn in Gang gekommen wäre, aber dass wir nur einen Rasen zu betreten brauchen, dessen Betreten verboten ist, um ehrliches, allgemeines und nachhaltiges Grauen zu erregen…

 Wir haben ruhig und ordentlich eine Universitätsreform gefordert, obwohl wir herausgefunden haben, dass wir gegen die Universitätsverfassung reden können, so viel und so lange wir wollen, ohne dass sich ein Aktendeckel hebt, aber dass wir nur gegen die baupolizeilichen Bestimmungen zu verstoßen brauchen, um den ganzen Universitätsaufbau ins Wanken zu bringen. Da sind wir auf den Gedanken gekommen, dass wir erst den Rasen zerstören müssen, bevor wir die Lügen über Vietnam zerstören können, dass wir die Marschrichtung ändern müssen, bevor wir etwas an den Notstandsgesetzen ändern können, dass wir erst die Hausordnung brechen müssen, bevor wir die Universitätsordnung brechen können. Da haben wir den Einfall gehabt, daß das Betretungsverbot des Rasens, das Änderungsverbot der Marschrichtung, das Veranstaltungsverbot der Baupolizei genau die Verbote sind, mit denen die Herrschenden dafür sorgen, dass die Empörung über die Verbrechen in Vietnam, über die Notstandspsychose, über die vergreiste Universitätsverfassung schön ruhig und wirkungslos bleibt…

Da haben wir es endlich gefressen… – daß wir gegen den ganzen alten Plunder am sachlichsten argumentieren, wenn wir aufhören zu argumentieren und uns hier in den Hausflur auf den Boden setzen. Das wollen wir jetzt tun.“

Die Wellen des studentischen Protests in Berlin erreichten allmählich auch die Bundesrepublik. Am 30. Mai 1965 fand in Bonn der Kongress „Demokratie vor dem Notstand“ statt, an dem etwa 1200 Personen teilnahmen.

Neben den Studentenverbandsvertreten Helmut Schauer (SDS-Bundesvorstand), Hajo Hauss (SHB-Bundesvorstand) sprachen auch Georg Benz (IG Metall), Walter Fabian (Gewerkschaftliche Monatshefte), die Professoren Dietrich Bracher, Thomas Ellwein (FDP), Jürgen Habermas, Helmut Ridder, der Anwalt Heinrich Hannover, der Schriftsteller Bernt Engelmann (Geschichte von unten), der Journalist Alexander von Cube u.a.

Wird fortgesetzt

Teil 1

Teil3

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Wolfgang Lieb

Wolfgang Lieb ist ein deutscher Jurist und Publizist. Nach dem Studium der Politik und Rechtswissenschaften an der FU Berlin, in Bonn und in Köln arbeitete er in der Planungsabteilung des Kanzleramtes in Bonn(Helmut Schmidt war Kanzler), wechselte als Leiter in das Grundsatzreferat der Landesvertretung NRW in Bonn, war Regierungssprecher des Ministerpräsidenten Johannes Rau und Staatssekretär im NRW-Wissenschaftsministerium. Zusammen mit Albrecht Müller war Lieb Mitherausgeber und Autor der politischen Website "NachDenkSeiten" und wurde mit dem Alternativen Medienpreis ausgezeichnet. Vor einem Jahr stellte er die Mitarbeit dort wegen Meinungsdifferenzen mit Müller ein. Heute arbeitet Wolfgang Lieb als freier Autor.


'50 JAHRE DANACH – ERFAHRUNGEN IN UND MIT DER 68ER-BEWEGUNG, TEIL 2' hat einen Kommentar

  1. 30. März 2018 @ 12:31 Joke Frerichs

    Kommentar zu W.L. 68:
    Auch die 2. Folge der Erinnerungen Liebs an 68 liest sich gut. Die Stärke der Beiträge liegt m.E. darin, dass er aus der Binnensicht über die Ereignisse schreibt – so wie er sie erlebt hat. Dadurch und auch , weil er biographische Bezüge herstellt (Herkunft; Sprachbarrieren), erhält das ganze Vorhaben Glaubwürdigkeit und Authentizität.
    Es wird deutlich, dass Ausgangspunkt vieler studentischer Aktivitäten die unbefriedigende Situation an den Hochschulen war (autoritäre Profs; unterdrückte Meinungsfreiheit; verkrustete Strukturen und Lehrinhalte). Erst danach, dann aber auch intensiv, weitete sich der Protest auf externe Ereignisse aus (Vietnamkrieg; Notstandgesetze; Springerpresse). So habe ich es auch erlebt, wobei natürlich das eine ins andere überging.
    Im Unterschied zu Lieb war ich lediglich „teilnehmender Beobachter“. Umso wichtiger ist es, den Bericht eines aktiven Teilnehmers an den Aktionen kennenzulernen. Durch die vielen Literaturhinweise und deren geschickte textliche Gestaltung kann sich jeder darüber hinaus noch vertiefende und weiterführende Kenntnisse aneignen.
    Ich freue mich auf die weiteren Folgen.
    Herzliche Grüße
    Joke Frerichs

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