Je suis Charlie
Nach dem Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo: Weltweit gingen Menschen spontan auf die Straße, viele trugen Plakate mit der Solidaritäts­bekundung „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“).

Aufstehen für die Grundwerte dieser Gesellschaft

Millionen demonstrieren in Frankreich, in Deutschland und anderswo in Europa für „Charlie Hebdo“, die Satirezeitschrift,  sie legen Blumen und Kränze nieder und erheben sich gegen den Terror und für die Pressefreiheit, die Freiheit des Wortes, der Karikaturen, der Demonstrationen. Es ist leider wahr, dass es keine Garantie gibt gegen mörderische Anschläge, wie sie letzte Woche in Paris geschehen sind, der viele Menschen zum Opfer fielen. Jedes Opfer ist eines zu viel.

Aber es ist auch wahr, dass wir das letztendlich nicht verhindern können. Diese Garantie kann niemand auf der Welt geben, auch wenn er alle Sicherheit aufbietet, die personell und technisch möglich ist. Das ist auch ein Preis für die Freiheit der Bewegung, für die offene und tolerante Gesellschaft, in der wir leben und die wir lieben, weil wir uns nicht einschränken, weil wir uns von niemandem vorschreiben lassen wollen, wie wir zu leben haben. Wir wollen keine Zäune und keine Mauern, wir wollen keine Ghettos, wir wollen frei sein.

Frankreich hat die Vorratsdatenspeicherung. Und? Hat sie etwas genutzt? Die Anschläge geschahen dennoch. Erhöhte Alarmbereitschaft als Folge der Terrorakte ist das eine, die Rufe nach verschärften Gesetzen ist das andere, aber auch falsche Signal. Es war klar, dass die CSU in diese Kerbe hauen würde, das ist sie ihrem Ruf und ihren Freunden vom Stammtisch quasi schuldig. Es hilft nicht, wenn ihr Parteichef Seehofer da ruhig bleibt. Das wirkt eher wie Aufgabenteilung. Ähnlich bei der CDU. Die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel, wie immer ruhig und dennoch entschlossen, kein Wort zu schärferen Gesetzen, keine Rede von der Vorratsdatenspeicherung. Aber die CDU hat ja einen Parteivize, vor dem nie ein Mikrophon sicher ist, den NRW-CDU-Chef Armin Laschet. Und der hatte nichts Wichtigeres zu tun, als nach der Einführung der Vorratsdatenspeicherung zu rufen. So geht man der AfD und Pegida auf den Leim, Herr Laschet. Klar, dass er einschränkend hinzufügte, diese Forderung erhebe er unabhängig von den Ereignissen in Paris. Wenn Lachet doch mal geschwiegen hätte!

Die Demonstrationen sind mächtige Belege dafür, dass wir es ernst meinen mit dem Kampf für die Pressefreiheit. Deshalb stehen wir auf und zeigen Flagge. Denn was in Paris passiert ist, kann irgendwann auch bei uns und in anderen Ländern Europas und der ganzen Welt passieren. Das ist der Preis der freien Welt, die wir wollen. Wir wollen keine Diktatur, die das freie Wort und das freie Bild, die freie Karikatur fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Das freie Wort und die freie Karikatur erregen Anstoß am Zustand einer Diktatur und geben den Menschen Anstöße, sich zu erheben, zu protestieren und sich nicht das Wort verbieten zu lassen.

Wir leben in einem Land mit vielen Ausländern, Multi-Kulti wurde das mal genannt, wenn Deutsche neben und mit Menschen anderer Herkünfte, anderer Religionen, anderer Kulturen, anderer Sprachen und anderer Hautfarben leben. Und friedlich miteinander auskommen. Das gelingt nicht immer, auch weil Vorurteile auf beiden Seiten bestehen und erst in der Praxis des täglichen Lebens abgebaut werden können. Aber es funktioniert und selbst wenn es nicht so funktioniert, selbst wenn es knirscht und wenn es gelegentlich Krach gibt unter den Vertretern verschiedener Nationalitäten, heißt das ja nicht, dass sie sich die Köpfe einschlagen.  Wir haben auch aus unserer Geschichte gelernt und entsprechend umgesetzt, dass Minderheiten zu tolerieren sind, gleich wer sie sind und woher sie kommen, wie sie aussehen und welche Sprache sie sprechen. Die Stärke des Rechts ist das geltende Prinzip in unserem Land und nicht das Recht des Stärkeren.

Man müsse aufpassen, heißt es allenthalben, dass man den Islam nicht unter Generalverdacht stelle. Das ist schon richtig. Die Täter waren Terroristen, sie haben Menschen ermordet. Und die übergroße Mehrheit der hier lebenden Muslime hat sicher mit den Morden nichts zu tun und würde auch im Namen Allahs keinen Andersgläubigen umbringen. Entsprechende Bekenntnisse haben sie schon abgelegt, sicher auch aus Sorge. Sie sind genauso friedliche Zeitgenossen wie Deutsche anderen Glaubens.

Aber ganz wird man die Muslime auch nicht von jeder Verantwortung freisprechen. Die Diskussion darüber, wie man es denn mit dem Islam hält,   werden sie in ihren eigenen Reihen führen müssen. Ob der Koran noch zeitgemäß ist, ob er immer richtig ausgelegt wird, ob angepasst werden muss an die Erfordernisse einer neuen Zeit. Sie werden, zu Recht oder nicht, mit Fragen nach jenen Islamisten konfrontiert,  die andere mit Hassparolen zu Fanatikern gemacht haben, damit sie angeblich im Namen Allahs töten. Als wenn ein Gott-welcher auch immer- Mord erlauben würde, als wenn er von den Menschen in seinem Namen Morde verlangen würde. Welch ein Wahnsinn, der sich da in einigen verwirrten Köpfen abgespielt hat und wieder abspielen wird! Allah und der Prophet seien durch Karikaturen von „Charlie Hebdo“ beleidigt worden, nun müsse Allahs Ehre wiederhergestellt werden, werden die Morde verklärt, verbrämt.  Auch der an dem muslimischen Polizisten, der das Gebäude der Satirezeitschrift bewachte und dem, am Boden liegend, Kugeln in den Kopf geschossen wurden.

Der Journalist, Verleger und frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann hat sich dazu in der Sonntagsausgabe des Berliner „Tagesspiegel“ geäußert. Er räumt einerseits ein, dass die Mörder davon überzeugt seien, im Namen ihres Propheten zu töten. Aber: „Auch das Christentum kennt bekanntlich eine Kriminalgeschichte. Im Namen des Erlösers wurde gemordet und gefoltert. Mit der Bibel hatte das rein gar nichts, mit Machtprojektionen der Kirche viel zu tun. Überlebt hat das Christentum, weil es sich auf die Botschaft der Liebe besann. Der Islam geht durch eine ähnliche Phase: Exzentrische Fanatiker wie Osama bin Laden usurpieren eine religiöse Interpretationshoheit mit Waffengewalt. Aber der Islam wird auch diese Phase überleben. Ich wehre mich dagegen, Verbrechen im Namen des Propheten mit der Offenbarungswahrheit des Islam als solchem in Verbindung zu bringen.  Hexenverbrennungen im Namen des christlichen Gottes hatten ja mit dem Neuen Testament ebenso wenig zu tun wie der erschreckende Antisemitismus der katholischen und evangelischen Kirche im Dritten Reich mit der Botschaft des Gottessohns.“

Wehrhafte Demokratie, dieser hohe Begriff wurde immer mal wieder zitiert. Dabei erwies sich das  demokratische Deutschland bisher stets als sehr stabil. Die wenigen Feinde waren zu ignorieren, sie sind auch heute zahlenmäßig keine echte Bedrohung. Aber wir sollten trotzdem Flagge zeigen, wenn es um unsere Grundwerte geht, auch wenn sie nicht gefährdet sind, aber sie dürfen auch nicht als zu selbstverständlich angesehen werden. Die Freiheit des Wortes gehört dazu, natürlich. Und es ist für mich genauso selbstverständlich, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft die muslimische Minderheit- es sind rund vier Millionen, davon rund 2 Millionen mit deutschem Pass- gegen jedweden Hass in Schutz nehmen muss und wird. Und auch dazu gehört das freie und offene Wort.

Die Dinge beim Namen zu nennen, gehört dazu, gerade für Journalisten, gerade nach einem Ereignis, wie es vor ein paar Tagen in Paris geschehen ist. Dabei ist es keine Frage, ob einem diese Art von Karikaturen nun gefällt oder nicht. Der Strich und die Inhalte französischer Zeichner sind oft schärfer als bei uns, aber sie sind zu tolerieren. Sich von Ängsten wegen des Terrors freizumachen, das ist leichter gesagt denn getan. Wer die Karikatur des Bonner Zeichners Burkhard Mohr nach den Attentaten in Frankreich vor Augen hat- der vermummte Terrorist hält dem Karikaturisten die Kalaschnikow vor die Stirn und sagt ihm, „Darfst zu Ende zeichnen“- mag sich vorstellen, welche Schere mancher Journalist im Kopf haben wird, wenn er über diese Themen schreibt, kritisch und unvoreingenommen. „Angst ist ein mächtiger Zensor“, bekennt Stefan Ulrich in der „Süddeutschen Zeitung“. Die ganze Gesellschaft kann uns dabei helfen, dass das nicht so kommt, wenn sie denn die Pressefreiheit mit allen Mitteln verteidigt.

Bildquelle: Wikimedia, CCO Joachim Roncin (proof), Charlie Hebdo (charliehebdo.fr) Typefaces authors: Mark van Bronkhorst (Sweet Sans Heavy), H. Hoffman/H. Berthold (Block Condensed)Joachim Roncin’s Twitter.

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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