Bild von William Blake: Nebuchadnezzar

Berichte aus der Leistungsgesellschaft

Wer kennt nicht das Gefühl des eigenen Ungenügens, aus dem heraus sich ein oft diffuser Ansporn zur Verbesserung seiner/ihrer Leistungsfähigkeit und -bereitschaft, Optimierung seiner/ihrer selbst erhebt? Es ist wie mit den guten Vorsätzen zum Neuen Jahr, nur rigider: Man nimmt sich vor, vielleicht fühlt man sich auch dazu verpflichtet, das berufliche Engagement zu steigern, effizienter zu arbeiten, aber natürlich auch noch mehr und besser für die Kinder da zu sein, was mit dem beruflichen Aufwand schon in Konflikt geraten kann; ein besseres Zeitmanagement anzustreben, sich gesünder zu ernähren, öfter ins Fittness-Studio zu gehen und den eigenen Körper zu trainieren, wenn nicht unter Kontrolle zu bringen; sich sozial mehr zu engagieren … und so weiter. Dieser Sammelband greift die psychische Disposition des Drangs zur Selbstoptimierung äußerst differenziert auf und vermag zu erklären, dass und wie sie von einem Zwang zum Motiv wird.

Der Druck von außen

Gleich in der Einleitung heißt es dazu: „Nackt betrachtet ist der Mechanismus ein ganz einfacher Transfer: Der Druck von außen, sich anzupassen der ‚Kultur‘ des Unternehmens, den Gesetzen des Marktes, den Zumutungen der Politik, ein guter Staatsbürger zu sein, den Imperativen der Kapitalverwertung wird übersetzt in eine Norm, eine moralische Vorschrift, die ‚ich persönlich‘ zu verwirklichen habe. Man kann folglich von Subjektivierungsprozessen sprechen. Die Leute verinnerlichen aber nicht nur ein Gebot und verhalten sich dann ohne äußeren Zwang, sondern das, was sie verinnerlichen, eröffnet ihnen einen Zugang zum Handeln, wird mit dem Handeln, der Praxis immer wieder abgeglichen. … Selbstoptimierung (ist) nicht getrennt zu verstehen von einer Ideologie, die ständig behauptet, es gäbe nichts Wichtigeres, als sich ständig zu hinterfragen, zu reflektieren, zu kritisieren, zu überprüfen, um alles – die Liebe, die Arbeit, die Freizeit das Denken – noch viel besser zu bewerkstelligen. Und vor allem ist sie nicht getrennt von gesellschaftlichen Räumen oder eben Zonen, in denen sich das Handeln vollzieht.“ (12f.)

Entscheidend ist diese Transformation vom äußeren Zwang „ins Innere des Individuums“, wodurch die Trennung von Fremd- und Selbstbestimmung verschwimmt: die Verhaltensanforderungen und –zumutungen erscheinen als selbstgewählt und freiwillig eingegangen oder aufgenommen. Aber auch die Trennung von Arbeit und Freizeit wird unter den Imperativen der Selbstoptimierung infrage gestellt, wenn nicht aufgehoben: „Ob Sport, Urlaub, Sex oder Schlafen – alles tun wir, als würden wir zur Arbeit gehen. Arbeit und Freizeit sind in vielen Bereichen so eng miteinander verflochten, dass es nicht mehr möglich ist, sie sauber zu trennen. Die Arbeit wird mit Lust und Individualität aufgeladen und die Freizeit mit Handlungsmustern und Strategien aus der Welt der Arbeit gestaltet.“ (45)

Intellektuelles Vergnügen

Eng verknüpft ist die Selbstoptimierung mit Leistung, und folgerichtig ist der erste Beitrag (von Lars Distelhorst) im Reader auch gleich dem Leistungsbegriff[1] und allen Aspekten der Leistungsideologie gewidmet.  Es  ist ein intellektuelles Vergnügen, der Argumentation des Autors zu folgen: wie er in seiner Kritik nachweist, dass und warum der Leistungsbegriff eine „leere Abstraktion“ und „semantische Chimäre“ ist, gerade wenn arbeitssoziologische Ansätze versuchen, ihn zu neutralisieren und mit Chancengleichheit in Verbindung zu bringen. „Jede Bemessung von Leistung verfehlt gezwungenermaßen ihren Gegenstand, da sie aus der unübersehbaren Menge der Einflussfaktoren für das Handeln eines Individuums nur die herausfiltert, die für eine möglichst produktive Ausübung des Berufs entscheidend sind. Diese einseitige Fokussierung auf das Endergebnis bei gleichzeitiger Ignoranz für dessen Entstehungsbedingungen – wie du das schaffst, ist mir egal! – misst keineswegs die Leistung eines Menschen, sondern nimmt einseitig dessen Produktivität in den Blick. Statt von Leistung zu sprechen ist es also wesentlich objektiver, in solchen Zusammenhängen von Ausbeutung zu reden.“ (43)

Nachgewiesen wird, dass Leistung weder zu quantifizieren noch zu messen ist; vielmehr geht es beim sogenannten Leistungsprinzip darum, die Tätigkeiten „in hierarchische Wertordnungen zu sortieren, die festlegen, wer welches Stück vom Kuchen bekommen soll.“ (39) Indem gerade Berufe von großer gesellschaftlicher Bedeutung (Gesundheit, Pflege, Müllabfuhr etc.) meist schlecht bezahlt sind, erweist sich die Verknüpfung von Leistung und Status als Mythos.

Bis zur utopischen Zone

Dieser leistungskritischen Grundlegung folgen insgesamt zwölf „Zonen“-Beiträge, in denen diverse Aspekte der Selbstoptimierung behandelt werden: von der Körper-Zone über die mentale, zeitliche, bürokratische, unternehmerische, alternative, popkulturelle, familiäre, sportliche, gastronomische, therapeutische bis zur utopischen Zone. Die Beiträge, deren Anordnung einer „gewissen Dramaturgie“ folgt, werden jeweils mit knappen, aber äußerst treffsicheren Vorworten durch die Herausgeber[2] eingeleitet; sie bringen das Thema schon mal auf den Punkt. Neben diesen Zonen-Texten steht die Aufzeichnung eines langen Gesprächs von Felix Klopotek mit Klaus Theweleit über dessen groß angelegte Studien zur Kolonialisierungsgeschichte mit der Zuspitzung auf Themen wie die „Segmentierung der Ich-Funktionen“. Über den Band verteilt findet sich die „Illustrationsstrecke CAN’T BE BLOCKED“ (von René Kemp), die die sorgfältige Edition zusätzlich verschönert.

Aus der Fülle der Themen und Aspekte seien hier nur einige wenige Stichworte genannt, die als Leseanreiz Geschmack auf das Buch machen sollen: Quer über die Beiträge wird das „Selbst“ auseinandergenommen; von „Segment-Ich“ ist ebenso zu erfahren wie von „somatischer Individualität“ und „Neuroenhencement“; von der Umpolung und Instrumentalisierung des „Eigensinns“ der Beschäftigten in Eigenverantwortung und Selbstkontrolle; davon, wie sich in der linksalternativen Szene die „marktkonformen Anti-Kapitalisten“ tummeln und teils lukrative Geschäftsmodelle entwickeln; davon, dass im olympischen Sport „aufscheint“, was Leistungsgerechtigkeit „sein könnte“, die aber „nicht funktioniert“; von den verschiedenen Formen der reglementierten Ernährung (Vegetarismus, Veganismus u.a. Formen des modernen Asketismus) als „säkulare Quasireligion“ und „moralische Selbstoptimierung“ (wir sind die Besseren); bis zu Programm und Kritik der Verhaltenstherapien, die das „Selbst“ zum „Dauersanierungsfall“ machen, wenn die Selbstoptimierung Unterstützung braucht.

Subversives Potential

Bei so viel Selbstoptimierung und neoliberalem Zeitgeist ist es eine Wohltat, dass der Band auch „Gegenentwürfe“ auf Lager hat: Wenn von den Beschäftigten die Rede ist, wird immer wieder auf ihren „Eigensinn“ und ihr „subversives Potential“ verwiesen. – Im „Beharren auf Träumen“ liegt die „Widerständigkeit von Kunst und Literatur – gegen die gleichstromfähigen Körper und Geister der reinen Gegenwart, die die Zonen der Selbstoptimierung bewohnen.“ (278) – Und in der „Hochküche“ gart ihre Alternative: „Im besten Falle wäre die Hochküche frei von Dünkel …, sie agiere zudem ethisch und ökologisch verantwortlich …, und sie sähe ihren gesellschaftlichen Auftrag darin, als Geschmacksschule zu fungieren.

Die Hochküche wäre widerständig gegenüber den Zumutungen einer Ideologie, die Essen und Trinken zur reinen Zufuhr von Nahrung degradiert, und sie setzte der Ideologie totaler Effizienz die Ideen einer umfassenden Gastfreundschaft und Tischgenossenschaft entgegen. Sie stünde für Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Gelassenheit, sie wäre langsam, auch umständlich. Weil man sich Umstände machen muss für den anderen. Vor allem aber schärfte sie unsere Sinne, vor allem den Geschmack – im doppelten Sinne. Diese Hochküche wäre der Gegenentwurf zur Effizienz. Damit gelänge ihr das Paradox, für eine wahrhafte Optimierung unserer Nahrung eben im Sinne  einer ganzheitlichen Optimierung unserer Esskultur zu stehen. Dieser Gegenentwurf bestünde wesentlich aus Korrekturen. Die Esskultur müsste sich im Auftrag der Muße gegen die Anpassung an die Bedingungen eines durchrationalisierten und unter dem Primat der Effizienz stehenden Alltags befreien. Darin liegt das subversive Potential einer autonomen Esskultur.“ (139f.)

Anspruchsvolles Niveau

Die Beiträge, von Experten und Expertinnen aus den Bereichen Wissenschaft, Literatur und Journalismus erstellt, argumentieren in weiten Teilen auf einem anspruchsvollen theoretischen Niveau (von der Kritik der politischen Ökonomie und Ideologiekritik von Karl Marx über Max Stirners Religionskritik, Schumpeters Ansatz der „schöpferischen Zerstörung“, Blochs Utopie-Ansatz, Hegels Dialektik bis zu neurowissenschaftlichen Ansätzen), um den „neoliberal entfesselten Kapitalismus“ in seinen vielfältigen Erscheinungsformen und den modernen Produktionsverhältnissen auf den Begriff zu bringen und zu hinterfragen. Ein Buch zur rechten Zeit und – neben der Originalität der meisten Beiträge – von hohem Aufklärungswert.

[1] Distelhorsts Kritik des Leistungsbegriffs und –prinzips steht in einer (guten) Tradition von Studien aus der „bewegten“ Zeit; s. Claus Offe, Leistungsprinzip und industrielle Arbeit (1968); Wolfgang Lempert, Leistungsprinzip und Emanzipation (1971).

[2] Tragischerweise ist einer der Herausgeber, Peter Scheiffele, mitten im Herstellungsprozess des Buches verstorben. Umso mehr ist zu würdigen, dass das Projekt dennoch zu Ende gebracht wurde.

Felix Klopotek/Peter Scheiffele: Zonen der Selbstoptimierung. Berichte aus der Leistungsgesellschaft. Matthes&Seitz, 284 Seiten, 22 Euro. Berlin 2016.

Bildquelle: Wikipedia, William Blake – 1. Blake Archive, Tate Britain, gemeinfrei

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Petra Frerichs

Dr. Petra Frerichs hat Literatur- und Sozialwissenschaften studiert. Seit 2005 arbeitet sie als freie Autorin. Letzte Veröffentlichungen: Petra Frerichs: Vom Glück zu finden. In Schrift, Form, Farbe (2016); Joke und Petra Frerichs: Leben und Schreiben - was sonst? Ein Streifzug durch die Werkausgabe von Dieter Wellershoff (2014).


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