Villa Hammerschmidt

Früher war alles besser? Anders: Bonn war nicht nur beschaulich – Heftige Debatten über die Ostpolitik, die Nazizeit, die Atomindustrie

Früher war alles anders, vor allem alles besser. Mit diesem leicht dahin gesagten Satz, den man oft hört, wenn man über die Bonner und die Berliner Republik räsoniert, begann Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seine kurze Begrüßungsrede in der Villa Hammerschmidt, dem zweiten Amtssitz des Präsidenten, um eine Gesprächsreihe zum Thema „Von der Bonner zur Berliner Republik-Erinnerungen und Lehrstücke“ einzuleiten. Steinmeier, der selber Bonn noch als Hauptstadt erlebt hat, ehe es nach Berlin ging, räumte dann ein, dass das, woran man sich erinnere, selten objektiv sei, sondern eher „eine bunte Collage aus Schlagworten, Bildikonen und nicht zuletzt der Deutung“ sei, die Eltern, Lehrer und Freunde, Korrekturinstanzen aller Art in unseren Gemütern“ zuließen. Kurz: „Wir erinnern uns an das, was wir erinnern können und wollen, am liebsten an Geschehnisse, die sich reibungslos in die Glaubenssätze unsere Gegenwart einfügen.“ Man kann das auch ein Stück Verklärung nennen. Der Volksmund weiß, dass man sich gern die Dinge schönreden kann.

Geladen hatte der Bundespräsident ein paar Hundert Gäste, darunter Zeitzeugen, die als Minister, Abgeordnete, Beamte, Journalisten in Bonn gearbeitet haben und die ihre Erfahrungen in der kleinen Stadt am Rhein gemacht haben. Jeder auf seine Art, jeder gewiss anders, das galt auch für das Podium, auf dem neben Rita Süssmuth Franz Müntefering saß, die CDU-Frau neben dem SPD-Mann, daneben der Autor Peter Schneider und der Bonner wie später Berliner Korrespondent der FAZ, Günther Bannas, ein Kölner und natürlich Fan des FC, was hier nur am Rande erwähnt werden soll.

Auch Friedel Drautzburg gehörte zu den Gästen, der Wirt, der damals dem Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker Lokalverbot erteilen wollte, weil dieser sich frühzeitig für Berlin als Hauptstadt ausgesprochen hatte. Aber Drautzburg wäre ein schlechter Wirt, wenn er aus dieser Geste, die natürlich die Öffentlichkeit werbewirksam mitbekam, nicht ein gutes Geschäft gemacht hätte. Der Mann gründete sehr früh die STÄV, die Ständige Vertretung genannte Kneipe, direkt im Berliner Politikzentrum, neben der Spree, gegenüber dem Bahnhof Friedrichstrasse, neben vielen Büros und Wohnungen der Journalisten, Politiker und Lobbyisten. Die STÄV, ausgestattet oder besser geschmückt mit Fotos aus der Bonner Politik-Geschichte, wurde zum ersten Treffpunkt für Rheinländer im Berliner Exil.

Wie der Kompromiss zustande kam

Die Ex-Oberbürgermeister Daniels und Dieckmann waren da, auch der amtierende OB Shridaran. Daniels konnte die Mehrheit gegen seine Stadt nicht verhindern, vielmehr musste er sich damals Kritik von bestimmten Abgeordneten gefallen lassen, die Stadt habe sich zu wenig um die Abgeordneten gekümmert, also nicht dafür gesorgt, dass es im Regierungsviertel mehr Kneipen und Cafés gab. Mehr eine Schnurre, aber nicht unwichtig. Frau Dieckmann ist eher mit der Nach-Bonn-Zeit beschäftigt gewesen, mit der Fast-Pleite des überdimensionalen Kongresszentrums WCCB, aber dazu soll hier an dieser Stelle nicht mehr gesagt werden. Heiner Geißler hätte man gern gesehen auf dem Podium oder unter den Gästen, aber seine Gesundheit ließ ein Erscheinen wohl nicht zu. Geißler hätte davon berichten können, wie der Kompromiss pro Berlin am Ende zustande kam. Nämlich nur, indem man schriftlich versicherte, dass ein Großteil der Ministerien und vor allem der dortigen Arbeitsplätze in Bonn bleiben werde, die Spitzen aller Ministerien allerdings zogen schnell in die neue und alte Hauptstadt. Auch wenn man in Bonn gelegentlich beklagt-das geschieht über die örtliche Zeitung „Bonner Generalanzeiger“- dass der Hauptstadtbeschluss immer mehr ausgehöhlt werde, weil jedes Jahr mehr Stellen in Berlin angesiedelt und damit von Bonn abgezogen würden- Bonn kann sich nicht beklagen. Der Bund hat seine ehemalige Hauptstadt, die sich als einzige in Deutschland Bundesstadt nennen darf, nicht im Stich gelassen. Bonn steht glänzend da.

Richtig ist, dass der Berlin-Beschluß vor allem das Werk der alten Männer war, wie Helmut Kohl, Willy Brandt, Hans-Jochen Vogel, Hans-Dietrich Genscher, Otto Graf Lambsdorff, die ihren Einfluss in ihren Fraktionen geltend machten, dagegen hatten Norbert Blüm und Peter Glotz keine Chance.  Die PDS, so hieß damals die heutige Linke als Nachfolgerin der einstigen DDR-Partei SED, stimmte zwar geschlossen für Berlin, aber die klare Mehrheit besorgten die anderen aus dem Westen. Übrigens zierte am Tag nach dem Berlin-Beschluss ein typisch rheinischer Spruch das Denkmal von Bonns berühmtesten Sohn Ludwig van Beethoven,  vor der alten Post und dem Münster. „Lot se alle john, eck bleev hier.“

Als die Sekretärin Trauer trug

Unter den Gästen in der Villa Hammerschmidt waren auch die früheren Minister Gerhard Rudolf Baum(FDP) wie sein Kollege von der SPD, Jürgen Schmude zu sehen, Schmude (Jahrgang 1936, geboren in Insterburg) gehörte dem Kabinett Helmut Schmidts an, wie auch Baum, ein Linksliberaler(Jahrgang 1932, geboren in Dresden), der bei der Trennung der Liberalen von der Sozialdemokraten eine nicht unwichtige Rolle spielte, aber in der FDP blieb. Beide Politiker waren über viele Jahre Mitglieder des Deutschen Bundestages. Schmude erzählte in der späteren Diskussion, wie seine Sekretärin voller Trauer und mit schwarzer Armbinde auf den Pro-Berlin-Beschluss des Bundestages im Sommer 1991 reagierte. Baum meldete sich zu Wort, um zu belegen, dass Bonn nicht immer so beschaulich war, wie das an diesem Abend gelegentlich anklang. Es gab in der Geschichte der Bonner Republik heftige Debatten über die Ostpolitik von Willy Brandt, die nationalliberalen Vertreter der FDP verließen die Partei und ließen die Mehrheit der sozialliberalen Koalition zusammenschmelzen. Die Folge war das erste konstruktive Misstrauensvotum, das Brandt aber gegen Rainer Barzel von der CDU gewann.

Nein, es war weiß Gott nicht alles beschaulich in und an Bonn. Das mit der Beschaulichkeit rührte vor allem von der Überschaubarkeit der Stadt her, seiner wunderschönen Lage am Rhein, der Umgebung, der rheinischen Mentalität, die gern mal Fünfe gerade sein lässt. Der Bundespräsident erinnerte an diesem Tag, es war der fünfte September, an zwei blutige Jahrestage, mit denen sich die Hauptstadt damals zu beschäftigen hatte. 1972 geschah der Anschlag der Palästinenser auf die israelischen Sportler im olympischen Dorf während der dortigen Olympischen Spiele, die plötzlich ihren Humor und Spaß verloren, weil Geiseln genommen wurden, die später, als man sie befreien wollte, neben anderen erschossen wurden.  Ebenfalls am 5. September aber fünf Jahre später 1977 wurde Arbeitgeberpräsident Hans-Martin Schleyer von RAF-Terrroristen entführt, die ihn begleitenden Sicherheitsbeamten und Fahrer erschossen, Wochen später ermordete die RAF auch Schleyer, als man merkte, dass die Regierung Helmut Schmidt den Forderungen der Entführer nicht nachkam, die einsitzenden RAF-Gesinnungsgenossen freizulassen. Steinmeier hatte zuvor am Tatort des damaligen Verbrechens eine Gedenkstätte eingeweiht und wird Ähnliches heute im Olympiazentrum in München tun. Der deutsche Herbst nannte man jene  schwere Zeiten für die Bundesrepublik, schwere Zeiten für die Politiker, die Entscheidungen treffen mussten, die ihnen nicht leicht fielen. Die RAF ist längst Geschichte, aber einige Fragen sind noch offen, weil die Terroristen schweigen und nicht sagen, wer es war. Es sind die Untoten der Bonner Republik.

Die Kanalarbeiter im Kessenicher Hof

Die Bonner Jahre, ich habe sie als Korrespondent der WAZ wie der Augsburger Allgemeinen in den 80er und 90er Jahren erlebt. Es gab die Vertrautheit zwischen Politikern und Journalisten, man saß sich auch räumlich gesehen fast auf dem Schoß. Es gab nicht so viele Kneipen wie in Berlin, wo man sich verlaufen und eher verkrümeln kann, man traf sich bei Ossi im Bundeshaus, in der Schuhmann-Klause und in der Provinz, gegenüber der B 9.  Die sogenannten „Kanalarbeiter“ unter Egon Franke(SPD), das waren die Vertreter der Traditions-SPD, versammelten sich jeden Dienstagabend nach der Fraktionssitzung im „Kessenicher Hof“, da ist heute ein Gesundheitszentrum. Journalisten konnten daran nur teilnehmen, wenn ein Mitglied dieses Freundeskreises sie mitnahm. Dort wurde Politik gemacht, wer etwas werden wollte in der SPD-Fraktion, musste sich schon mal bei Frankes Truppe sehen lassen. Übrigens heißen die „Kanaler“ seit vielen Jahren „Seeheimer“. Die Parlamentarische Gesellschaft war ein gemütlicher Treffpunkt-wie heute in Berlin auch-, auch die Feste der Landesvertretungen waren Orte der Begegnung, mancher Hintergrundkreis der Journalisten tagte in diesen Häusern.

Richtig ist, dass es auch beschaulicher war, überschaubarer. Man erinnere sich an die Medien, an die Arbeit der Journalisten. Konkurrenzkampf gab es damals auch, aber heute ist das Geschäft härter und hemmungsloser geworden, wozu auch das Internet, Facebook, twitter usw beitragen. Der Bundespräsident hatte mit seiner Schilderung sicher Recht, dass der Shitstorm manche Geschichte erst bekannt macht. Nicht zu reden von der Brutalität der anonymen Reaktionen im Netz, die kaum zu fassen und nicht zu steuern sind. Sie haben oft genug etwas Unmenschliches, was es damals vor der Internet-Zeit nicht gab.

Als Schröder nach Berlin umzog

Bonn, Berlin. Man sprach vor der Wende, also dem Mauerfall, weder von der Bonner- noch von der Berliner Republik. Das geschah erst in der Folge der Einheit, des Berlin-Beschlusses des Parlaments und des Umzugs, der vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder(SPD) vorgenommen wurde im Jahre 1999, kurz nach seiner Wahl zum Bundeskanzler. Er bildete mit Joschka Fischer die erste rot-grüne Bundesregierung, mit demselben Fischer, der Jahre zuvor in Turnschuhen und Jeans in das erste rot-grüne Kabinett des hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner eintrat, von dem jener Spruch überliefert ist, er würde den Demonstranten in Hessen am liebsten mit der Dachlatte einige drüberziehen, gemeint waren vor allem die Grünen.

Bonn war 1945  nicht so beschädigt wie Berlin. Die alte Reichshauptstadt war nahezu platt gemacht durch Bomben und Bomben, Bonn hatte einige schwere Bombenangriffe der Alliierten zu überstehen, die Schäden waren nicht zu übersehen. Konrad Adenauer, der in Rhöndorf gleich nebenan wohnte, gelang es, die Mitstreiter um die künftige Hauptstadt wie Frankfurt auszustechen, sie auszutricksen und den politischen Betrieb in der kleinen Stadt am Rhein anzusiedeln. Die Konkurrenz nahm es sportlich hin, weil sie meinte, Bonn werde nur ein Provisorium bleiben, für kurze Zeit. Da hatten sie sich mächtig getäuscht. Erst nach dem Mauerfall und dann nach einer leidenschaftlich geführten Debatte beschloss der Bundestag mit knapper Mehrheit nach Berlin umzuziehen. Die Befürworter Berlins argumentierten vor allem mit dem Versprechen der Bonner Politik über Jahrzehnte, man werde selbstverständlich wieder in die alte Hauptstadt wechseln, wenn die deutsche Einheit vollzogen sei. Wer dachte schon daran!? Nur in Sonntagsreden bekannte man sich zu Berlin, ging aber davon aus, dass sich an dem Status zumindest vorerst nichts ändern werde. So blieb baumäßig vieles ein Provisorium, der Parlamentarische Rat beschloss das Grundgesetz im Museum König, auch weil es unbeschädigt war, der Bundestag zog in die ehemalige Pädagogische Hochschule, der Lange Eugen wurde erst Jahre später gebaut. Der Kanzler fand Platz im Palais Schaumburg, das Kanzleramt wurde unter der Regierung Helmut Schmidt gebaut. Dass es aussah wie eine Sparkasse, dafür machte der Kanzler Horst Ehmke verantwortlich.

Am Rhein wurden die Weichen gestellt

In Bonn wurden die Weichen für die Bundesrepublik West gestellt, mit der West-Bindung, wurde die soziale Marktwirtschaft beschlossen und verkündet, mit Ludwig Erhard dem Wirtschaftsminister, dessen Politik als Grundlage für den folgenden Wohlstand gefeiert wurde. Konrad Adenauer sorgte entscheidend für die Aussöhnung und Freundschaft mit Frankreich und auch mit Israel, keine Kleinigkeit angesichts der Verbrechen der Nazis an den Juden. Die Integration von über 14 Millionen Vertriebenen war eine Mammutaufgabe in einem Land, dessen Städte weitgehend am Boden lagen. Aber sie gelang, weil sie politisch gewollt und parteipolitisch unumstritten war. Die soziale Frage wurde in der alten Bundesrepublik früh gestellt und beantwortet, die sozialen Sicherungssysteme waren ein Gemeinschaftswerk der Parteien, vor allem der Volksparteien CDU-CSU und SPD. Das Werk geriet ein wenig ins Wanken, als das Zechensterben einsetzte und viele Kumpel ihren Job verloren. Aber sie sanken nicht ins Bodenlose, sondern wurden oft sozial verträglich abgefunden. Das Haus Bundesrepublik, es stand auf ziemlich festem Boden.

Dann kam der Mauerfall, die friedliche Revolution, es fiel kein Schuss, dank Gorbatschow, dem sowjetischen Machthaber, der die 360000 Soldaten der Roten Armee samt ihren Panzern in den Kasernen ließ. Die Menschen nahmen sich dann schnell die Freiheiten, die ihnen das SED-Regime mit Hilfe Moskaus über Jahrzehnte verwehrt hatte. Ohne Panzer war die SED ein Papiertiger. Gerechtet hatte mit dieser Entwicklung niemand, auch wenn man einräumen muss, dass die Unruhen in der DDR zunahmen, dass mehr und mehr Menschen in Leipzig, Ostberlin und Dresden den Mut fanden, aufzumucken gegen die kommunistische Diktatur. Montagsdemonstrationen in Leipzig waren plötzlich die Aufmacher in den westdeutschen Medien, auch in der Tagesschau, mit Kerzen in den Händen gingen sie auf die Straße, bewacht von der Stasi, die sich aber am Ende als machtlos erwies. Manche Kirche im Osten wurde zu einem Hort der Demonstranten, es folgten die Botschaft-Besetzungen in Prag und Budapest. Eine bewegte Zeit. Franz Müntefering, um nur ihn zu nennen, räumte ein, dass er am Abend des 9. November 1989, als die ersten Meldungen den Bundestag in Bonn, der tagte damals im Wasserwerk, erreichten, die Mauer in Berlin sei offen, die Menschen. strömten gegen Westberlin, befürchtet habe, am nächsten Morgen werde alles vorbei sein, weil geschossen werde. Er stand mit seiner Sorge nicht allein.

Größer und unübersichtlicher

Was hat sich geändert mit der Einheit? Alles ist anders, besser geworden? Größer ja, unübersichtlicher. Deutschland ist plötzlich eine wichtige Macht mitten in Europa geworden und muss sich der gewachsenen Verantwortung stellen, die Scheck-Diplomatie ist einer aktiven Teilnahme deutscher Soldaten an den Krisenplätzen der Welt gewichen, nach Jahrzehnten war man wieder an Kriegen beteiligt.

Was hat sich geändert? Die Dissidenten von damals, die, die friedliche Revolution gemacht haben, die den Mut hatten, auf die Straße zu gehen, sich zu outen als Gegner der SED und der Stasi, diese Revolutionäre sind von der Bildfläche verschwunden, sie sitzen nicht mehr im Parlament und nicht mehr in den führenden Gremien der Parteien. Geblieben ist ein Name: Bündnis90/die Grünen, ihre Protagonisten haben aber mit der Wende nichts mehr zu tun.

Was hat sich geändert? Sehr viel in den neuen Ländern, man erkennt sie rein äußerlich kaum wieder. Straßen wurden gebaut, Häuser renoviert, aber auch vieles platt gemacht, weil der Umschwung zu schnell ging, weil auch mancher Wessi nur die schnelle Mark im Kopf hatte, die er im Osten leichter verdienen konnte. Viele Menschen verloren ihren Job, gerade hat eine Untersuchung ergeben, dass auch 27 Jahre nach der Einheit die Wirtschaftskraft im Osten deutlich- um fast 30 Prozent- hinter der in der alten Bundesrepublik liegt, der Aufholprozess hat sich verlangsamt.

Zufällig auf der richtigen Seite

Was mir aufgefallen ist, als ich 2003 für ein paar Jahre als Korrespondent der WAZ nach Berlin zog? Das Regierungsviertel war ein richtiges Viertel geworden, nicht so klein wie am Rhein, es wirkt demonstrativ entsprechend der gewachsenen Rolle der Republik. Man schaue sich heute mal die Abgeordneten-Häuser an, die Ministerien, das Kanzleramt und vieles andere mehr. Auf einen Vergleich zwischen Bonn und Berlin sollte man verzichten, Vergleiche hinken, hier besonders. Bonn hat rund 315000 Einwohner, soviel wie etwa Neukölln, Berlin ist eine Millionen-Metropole mit einer Ausdehnung von jeweils rund 50 Kilometern Nord-Süd-West-Ost. Ein Fehler, den mancher Westdeutscher damals gemacht hat im Umgang mit Ostdeutschen: Man ließ sie spüren, dass sie Verlierer waren, weil ihr System untergegangen war. Letzteres zu Recht, es ist nicht zu bedauern. Aber Sieger sind wir nicht.

Wir standen nach 1945 zufällig auf der richtigen Seite, wir hatten den reichen Onkel in Amerika, wie das Franz Müntefering auf seine Art beschrieb, der uns den Marshall-Plan bescherte, ein Riesen-Geschenk. Ob die USA deshalb so großzügig waren, weil sie in der BRD ein Bollwerk des Westens gegen die Kommunisten sahen? Möglich. Richtig war, die Bundesrepublik war zunächst nicht souverän, wir waren besetzt von den Alliierten, die USA erzogen uns dann zu Demokraten, zwangsweise. Und das war gut so, wenngleich damit nicht auch das gesamte Nazi-Denken aus allen deutschen Köpfen getilgt worden war. Diese Aufräumarbeit ließ man zunächst bleiben, es dauerte bis in Mitte der 60er Jahre, ehe es zu den Auschwitz-Prozessen kam. Bis dahin war der einmalige Zivilisationsbruch, begangen von den Deutschen, von Hitler, Göbbbels, Himmler, Göring und den vielen Mitarbeitern, Jasagern und Mitläufern, kein Thema. Dann aber brach es aus und die Jugend rebellierte, nicht nur wegen Vietnam, sondern auch wegen der Vergangenheit. Der Holocaust-Film in den 70er Jahren tat dann sein übriges.

Nicht als Sieger aufführen

Nein, als Sieger sollten wir uns nicht aufführen. Und mehr noch. Wir sollten den Menschen aus dem Osten, aus Leipzig, Dresden, Rostock oder woher auch immer mehr zuhören. Auch sie haben gelebt, aber eben hinter dem eisernen Vorhang, auch sie haben dort im Rahmen des Möglichen Enormes geleistet. Das dürfen wir ihnen nicht absprechen, nicht versuchen, in Zweifel zu ziehen. Sie hatten das Pech, zufällig, weil es eine Konferenz der Alliierten so festlegt hatte, auf der falschen Seite zu leben.

In Bonn, das ist wahr, wurde das Haus Bundesrepublik gebaut, wurden die Fundamente gelegt. Mit dem Fall der Mauer kam das Gebiet der DDR dazu. Vielleicht war es ein Fehler, dass über die Verfassung der Bundesrepublik-Neu nicht abgestimmt wurde und zwar von allen Menschen in West und Ost. So wurde die DDR einfach übernommen, als eine Art Anbau. Die Mauer ist zwar weg, aber die Wunden der Spaltung sind nicht verheilt. Ob es stimmt, dass Berlin weiter weg liegt, wie es Günther Bannas sagte, ob es stimmt, dass Bonn zentraler sei als Berlin, Bonn mit seiner Nähe zu Frankreich, Benelux und über die Züge auch zu London?Ob es stimmt, dass Bonn mehr dem Lebensgefühl der Deutschen entspricht als Berlin mit seinem Hype, der Größe, der Selbstdarstellung? Mit seiner Schicki-Micki-Gesellschaft? Der Bundespresseball findet in Berlin im feinen Adlon statt, mehr geht nicht, in Bonn feierten wir im Maritim, auch nicht schlecht.

Für einige Zugezogene aus Köln blieb Bonn ein Dorf. „Das schönste an Bonn war die Straßenbahn nach Köln.“ So Bannas. Auch wenn die Fahrt über die Dörfer und durch die Kappesfelder eine Stunde dauerte.

Die nächste Herausforderung heißt Europa

Bonn, Berlin, Europa. Die nächste Herausforderung. Rita Süsmuth meinte: „Wir sind noch nicht durch. Wir dürfen nicht aufhören, mit denen zu reden, mit denen wir die größten Probleme haben.“ Gemeint Russlands Präsident Putin. Europa ohne Russland das geht gar nicht, Putin muss an den Tisch zurück. Wenn Genscher noch lebte, könnte der seinen Appell an den Westen erneuern: Geht auf Putin zur, reicht ihm die Hand. Genscher wusste, in welcher Verantwortung der Westen gegenüber Moskau immer noch steht, welche Zusagen damals nach dem Fall der Mauer und der deutschen Einheit gegeben wurden. Wir müssen mit Polen reden, auch mit den anderen, den Ungarn, auch und gerade, weil sie von ihrem Verständnis her keine Westeuropäer sind. Einer erinnerte daran, wie die Ostpolitik unter Willy Brandt und mit Hilfe von Walter Scheel damals die Deutschen polarisiert hat, aber sie war erfolgreich. Ohne diese Ostpolitik wäre doch die Einheit und das Europa nicht vorstellbar.

Bildquelle: Wikipedia, Sir James, CC BY-SA 3.0

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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