Bildquelle: Judith Lisser-Meister / pixelio.de
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Wenn Du mich fragst: Brevier des Zweifels: Das stille Örtchen

Wenn du mich fragst – Das „Stille Örtchen“ ist keins mehr.

Und das ist schlecht so, sehr schlecht, und sehr schade. Und das Wort „schade“ kommt von „der Schaden“. Allüberall in kommerziellen Bereichen wird man mit süßlichen Melodien beschallt. Ob in großen Kaufhäusern, in kleinen Edelboutiquen, im Supermarkt, beim Zahnarzt auf dem Behandlungsstuhl, in diversen Warteräumen , auch auf den öden Gängen der Arbeits – und Sozialämter – die Beschallung mit gezwungen munteren Tönen, mehr oder weniger hämmernden Rhythmen – sie wirkt nur noch totalitär. Unentrinnbar werden den „Endverbrauchern“ vermeintliche Stimmungsaufheller um die Ohren gehauen. Dass diese permanenten akustischen Zumutungen die einzelnen KundInnen auch nervös machen, deren weit verbreitete Hektik mal untergründig, mal deutlich steigern können – das dürfte die kommerziellen Verkaufsstrategen kaum interessieren. Nein, schlimmstenfalls wird diese Art von zusätzlichem Stressfaktor gar einkalkuliert, da das nervige Getöne die halbwegs wachen Sinne trübt. In der notorischen Gereiztheit beim shopping könnte es zu impulsiven Entschädigungs-Einkäufen kommen. Schnell, schnell, was halbwegs Brauchbares „erstanden“ und raus, wer weiß? Auch die ultra nötigenden Jingles in den hotlines – Nerverei ohne Ende. Na klar, warten ist doof, keiner wartet gerne. „Sekunde bitte.“ So ein Quatsch. Natürlich dauert es immer länger. Aber warum haben wir es sooo eilig? Müssen wir in der Tat so schnell sein wie unsere Computer? Geben die highspeed-Geräte uns wirk-lich zwingend den Takt vor? Wer sind wir denn? Ich dachte, menschliche Wesen aus Fleisch und Blut, Menschen, deren wundervolle Anatomie – weiß Gott oder welcher sinnenfrohe Schöpfer auch immer – nicht für diese sagenhafte Turbo-Beschleunigung ausgelegt ist! Die Technik möge uns zu Diensten sein, nicht umgekehrt, nicht wir dienen der Unterhaltungs-Industrie als ihre blöden dummiehaften Anhängsel.
Und wenn du mich fragst – das einstmals „stille Örtchen“ – ein sinnvolles Refugium, ein Ort der Ruhe, der Atem-Pause, ein sinnvolles Time-out, ein intimer Ort, auch für das ur-eigene „Geschäft“ – auch dieses Örtchen wird inzwischen der tosenden Beschallung ausgesetzt. Kein Ort nirgends ist vor „positive thinking“ – Auswüchsen sicher. Die kraft-räuberischen Gesetze dieser marktschreierischen Ernstfall-Logik können schleichend und dröhnend und schleimend auch eine trotzige individuelle Widerstandskraft ziemlich kaputt kriegen.
Wenn du also mich fragst: Wir sollten uns wehren. Wehren, indem wir das mit-teilen, was uns so alles stört im eigendynamischen Marktgeschehen. Also dem Geschäftsführer vom Konsumtempel unbedingt laut und deutlich – per mail und analog – darüber in Kenntnis setzen, dass zumindest die „stillen Örtchen“ von derartig überflüssiger Beschallung zukünftig verschont bleiben. Ansonsten – wir können auch anders! Nämlich dort einkaufen, wo zumindest dieser Wunsch ernst genommen wird.

Bildquelle: Judith Lisser-Meister / pixelio.de

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


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