Donald Trump

Das Rätsel Donald Trump

Wer einmal Stanley Kubricks 2001: Odyssey im Weltraum gesehen hat, kennt den mysteriösen schwarzen Monolithen, der immer wieder auftaucht und eine Veränderung auslöst. Was genau dieser Monolith ist, wissen weder die Figuren im Film, noch erfährt es der Zuschauer. Er ist ein leeres Symbol, er steht für etwas, aber entzieht sich der Interpretation und es bleibt unklar für was er steht. Der Zuschauer kann sich dem Monolithen nur annähern, ihn aber nicht wirklich fassen.

Ähnliches erleben wir momentan beim Versuch Donald Trump zu verstehen. Der Immobilienmogul aus New York ist nun schon fast zwei Wochen Präsident und hat, wider Erwarten, damit angefangen alle seine noch so absurden Wahlversprechen in die Tat umzusetzen. Wahrscheinlich hat noch nie ein Staats- oder Regierungschef so schnell angefangen sein Programm zu verwirklichen, und dennoch bleibt dieser Mann undurchschaubar. Diese Undurchschaubarkeit hat bei ihm System, er ist sowohl für seine Anhänger wie für seine Gegner ein leeres Symbol, das mit Bedeutung aufgeladen werden kann, eine Projektionsfläche.

Eine Möglichkeit Trump zu interpretieren ist der Vergleich mit Bekanntem. Dabei schienen in den letzten Tagen zwei Interpretationsmuster besonders produktiv zu sein: Adolf Hitler und die Machtergreifung und George Orwells 1984, das in den USA momentan wieder die amazon-Bestsellerliste anführt. Oft wird auf die fatale Unterschätzung Adolf Hitlers bei seiner Machtübernahme hervorgehoben, und der Verweis auf „alternative facts“ als Beleg für Orwells Idee von Neusprech ins Feld geführt. Nun kann man grundsätzlich natürlich alles mit allem vergleichen, die entscheidende Frage ist bei Vergleichen nur, ob diese sinnvoll sind.

Beiden Vergleichen gemein ist, dass sie Trump in eine Beziehung mit den Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts stellen. Doch bieten uns solche Vergleiche wirklich einen Erkenntnisgewinn und daraus schließlich eine mögliche Anleitung zum Handeln? Oder dienen sie eher einem vordergründigen Bedürfnis, kritisch und wachsam zu sein, ähnlich jenem Gruseln, das man empfindet, wenn man einen Horrorfilm schaut? Ich glaube eher letzteres. Hitlervergleiche gehen schnell von der Hand, aber was soll aus diesem Vergleich gefolgert werden? Wer Trump mit Hitler vergleicht, macht jedes rationale Handeln unmöglich. Der Totalitarismus muss vielmehr in seinem spezifischen Zeitrahmen verstanden werden. Es ist schließlich kein Wunder, dass das zwanzigste Jahrhundert mit Nationalsozialismus, Stalinismus und Maoismus (um nur einige zu nennen) eine solche Vielzahl an verschiedenen Totalitarismen hervorgebracht hat. Sie alle waren Kinder der Moderne, die sich durch eine, mit Niklas Luhmann gesprochen, immer weitergehende Ausdifferenzierung der Gesellschaft auszeichnet. Ein Phänomen dieser Ausdifferenzierung, das auch schon vor hundert Jahren erkannt wurde, ist dabei, dass sich Gesellschaften selbst über ihre Grundwerte nicht mehr einig werden können. Allen Totalitarismen gemeinsam ist der Versuch, diese gesellschaftliche Ausdifferenzierung im Rahmen ihrer Ideologie rückgängig zu machen. Der Vergleich mit Hitler oder 1984 öffnet somit, egal wie differenziert, einen falschen Bedeutungsrahmen, der darüber hinaus kein Handeln ermöglicht.

Schaut man auf Trump wird es schwierig eine totalitäre Ideologie auszumachen. Ihm scheint auch nicht an einer gesellschaftlichen Entdifferenzierung gelegen. Unter welchem Vorzeichen sollte diese sich auch vollziehen? Es gibt bei Trump keine Utopie wie die klassenlose Gesellschaft im Kommunismus; Make America Great Again ist eine leere Phrase, die allenfalls als Aufkleber auf einem Pick-Up taugt. Trump als Präsident ist selbst ein Produkt der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung, die er sich gleichzeitig mithilfe seiner social media-Kampagne zu Nutzen machte. Es ist ihm gelungen einen Teil der Gesellschaft, der sich nicht mit den herrschenden Grundwerten identifizieren konnte, hinter sich zu versammeln und für diese „forgotten men and women“ betreibt er nun eine fadenscheinige Klientelpolitik. Aber genau das, was einen Präsidenten Trump möglich gemacht hat, nämlich die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in der Kombination mit den Filterblasen sozialer Medien, ist es auch, was einen Diktator Trump unmöglich macht. Denn die Totalitarismen der Geschichte waren auch deshalb möglich, weil sie in einer Zeit entstanden, in der es zum ersten Mal moderne Massenmedien gab, welche jedoch leicht von zentraler Stelle aus kontrolliert werden konnten. Eine solche Gleichschaltung ist heute auch für Potentaten wie Putin oder Erdogan unmöglich. In Zeiten des Internets müsste man für eine derartige Kontrolle schon Nordkoreas Weg der Abschottung gehen, und selbst dort scheint dies immer weniger zu funktionieren.

Wie ist nun ist angesichts der jedem liberalem Demokratieverständnis zuwiderlaufenden Äußerungen und Handlungen Donald Trumps Präsidentschaft zu verstehen? Hierbei könnte die Unterscheidung des antiken Geschichtsschreibers Polybios nützlich sein. Er unterschied Herrschaftsformen mit dem Blick ob sie auf Gemeinwohl oder Eigenwohl ausgerichtet sind und stellte damit der Demokratie, als die auf das Gemeinwohl gerichtete Herrschaft Aller, die Ochlokratie, die auf den Eigennutz gerichtete Herrschaft Aller entgegen. Der Begriff der Ochlokratie, zu deutsch der Herrschaft des Pöbels, ist genauso wie die Unterscheidung zwischen Demokratie und derselben außer Mode gekommen, denn die Unterscheidung ist aufgrund verschiedener Vorstellungen von Gemeinwohl selbst vom Standpunkt des Betrachters abhängig (die gesellschaftliche Ausdifferenzierung macht sich einmal mehr bemerkbar) und Trumps Anhänger würden ihren Gegnern wahrscheinlich den gleichen Vorwurf machen. Dennoch kann man den Begriff der Ochlokratie heute als die Form der Demokratie verstehen, die nicht mehr auf Konsens und Kompromiss aus ist, sondern nur dem Willen der Mehrheit (oder in Trumps Fall Minderheit) folgt, was umgekehrt genauso funktionieren kann.

Folgt man dieser Überlegung wird der „große Bruder“ mit merkwürdiger Föhnfrisur wohl ausfallen, aber was wir beobachten können ist eine grundlegende Veränderung der Demokratie, die ebenfalls für wenig Begeisterung sorgen dürfte.

Bildquelle: flickr, Gage Skidmore

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Julian Simon
Über  

Julian Simon studiert Germanistik mit Schwerpunkt Literatur- und Medienwissenschaften in Bonn. Arbeitet seit 2013 als freier Mitarbeiter bei der Kueser Akademie für europäische Geistesgeschichte.


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