45. Weltwirtschaftsforum in Davos
Auch das 45. Weltwirtschaftsforum in Davos wird vermutlich nichts daran ändern, dass die Armut auch in den westlichen Gesellschaften immer weiter voranschreitet.

Davoser Forum: Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten?

Über 2.500 Politiker, Wissenschaftler und Chefs internationaler Organisationen treffen sich gerade wieder einmal zum 45. Weltwirtschaftsforum in Davos. Von Angela Merkel bis François Hollande, vom chinesischen Premier Li Keqiang bis zum Außenminister der USA, John Kerry, begeben sich viele bedeutende und weniger wichtige Potentaten in die Schweizer Berglandschaft, um den Wirtschaftslenkern die große weite Welt zu erklären; immerhin zahlen diese für das viertägige „Super-Treffen“ schwindelerregende Eintrittsgelder.

Es ist fast wie bei der Olympiade: Dabei sein ist eben alles! Wer nicht nach Davos kommen darf, dem wird eher eine Zweit- oder gar Drittklassigkeit attestiert. Davos präsentiert sich vier Tage lang als der wichtigste Jahrmarkt der Eitelkeiten.

Viele Manager aus Deutschland haben die Reise dorthin gemacht, die in heimischen Gefilden seit einiger Zeit schon mit Problemen in ihren Unternehmen oder auch ganz persönlich zu kämpfen haben. So ist etwa die Deutsche Bank mit ihren 2 Co-CEOs Jürgen Fitschen und Anshu Jain sowie ihrem Aufsichtsrat Paul Achleitner vertreten. Dabei ist wohl kaum zu erwarten, dass sie beim Davoser Bergleuchten Hinweise erhaschen, wie ihre Bank auf einen besseren Kurs gelangen könnte, wie die schwebenden Gerichtsverfahren und Klagen abzuwenden wären.

Auch Jürgen Grossmann, bis vor kurzem Chef des Energiekonzerns RWE, hält im Kreis der Davoser Gipfelteilnehmer Hof. Er wird auch dieses Mal zu seinem bereits legendären Hummeressen ins Grandhotel Belvedere einladen. Bei RWE endete seine Managerkunst mit einer Bauchlandung, von der sich das einst so stolze Unternehmen bis heute nicht erholt hat. Auch sonst ist Grossmann seitdem nicht mehr als bedeutender Wirtschaftsexperte in nationalen Sphären aufgefallen; doch in Davos macht er seinem Namen alle Ehre als großer Mann.

So ist es eben bei diesem Stelldichein in den Schweizer Bergen: Man trifft sich, man kennt sich, man spricht sich, man exponiert sich. Man begibt sich auf die „Suche nach Sicherheit“, Wirtschaft und Politik debattieren munter und unverbindlich über eine neue Weltordnung. Jeder, der dabei ist, dreht ein wenig am übergroßen Globus; das beeindruckt ihn selbst am meisten, vor allem, wenn er den ebenfalls zahlreich angereisten Berichterstattern seine mehr oder weniger klugen Gedanken in den Block oder in die Kamera diktieren kann.

Die Davoser Themenliste ist ebenso lang wie verwirrend: Die geopolitische Lage ist ernst, die islamistischen Bedrohungen stecken vor allem nach dem mörderischen Anschlag auf Charlie Hebdo in Paris den sonst so mutigen Managern in den Knochen, die arabische Welt ist in Aufruhr und wenig kalkulierbar, in der Ukraine geht der Krieg weiter, Putin ist einfach unberechenbar geworden und kämpft mit den Sanktionen sowie mit dem Verfall des Ölpreises, die Europäische Zentralbank flutet die Märkte mit überreichlicher Liquidität, China schaltet vom quantitativen auf mehr qualitatives Wachstum um und nach der kräftigen Aufwertung des Schweizer Franken könnten gar neue Währungskriege drohen. Angesichts dieser und vieler anderer Probleme fürchten nicht wenige um die weitere ökonomische Integration und internationale Partnerschaft, die dank der Globalisierung im letzten Jahrzehnt zu einer kräftigen Steigerung des Wohlstandes beitrugen.

Allerdings, das schreckte viele noch vor der Eröffnung des Davoser Spektakels auf, ist die Verteilung des Vermögens global noch ungleicher geworden. Die 80 reichsten Personen auf der Welt besitzen inzwischen fast genauso viel wie die ärmere Hälfte der Erdbevölkerung, also wie rund 3,5 Milliarden Menschen. So hat es jüngst die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam publiziert und vorgerechnet, dass die reichsten 70 Millionen inzwischen über fast 50 % des Weltvermögens verfügen. Zwei Drittel der globalen Menschheit lebt in Staaten, in denen die Kluft zwischen Arm und Reich in den letzten 3 Jahrzehnten immer größer geworden ist. Dabei hat der ökonomische Aufstieg Chinas dieses globale Ungleichgewicht noch deutlich verringert: Rund 400 Millionen Chinesen sind in die Mittelschicht aufgestiegen, können sich heute einiges für Bildung und Gesundheit leisten, besitzen ein Auto, eine bessere Wohnung und fahren in Urlaub.

Rund 1,2 Mrd. Menschen dieser Erde sind nach Angaben der Weltbank sehr arm und müssen immer noch mit weniger als gut 1 Dollar pro Tag leben. Vor allem auf dem afrikanischen Kontinent südlich der Sahara trifft dies für fast 50 % der Bevölkerung zu.

Das Thema sollte auf dem Davos-Gipfel ganz oben auf der Agenda stehen. Denn diese Armut bedroht längst die reiche westliche Welt – mit einem immer breiteren Strom von Flüchtlingen, mit einer Migration, die sich in der Zukunft noch verstärken wird. Dieses Problem kann nur im Miteinander von Politik und Wirtschaft gelöst werden. Investitionen in den ärmeren Ländern, die Schaffung von Arbeitsplätzen, bessere ökonomische und soziale Verhältnisse sind Voraussetzungen, um labile Staaten zu stabilisieren, Menschen in ihren Heimatländern eine Zukunftsperspektive zu geben und Migrantenströme zu stoppen. Auch und vor allem deutsche Manager sind hier gefordert, wenn sie wirklich global denken und handeln.

Bildquelle: Initiative Echte Soziale Marktwirtschaft (IESM) / pixelio.de

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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