Gedenktafel 20. Juli 1944 Wolfsschanze
Gedenktafel 20. Juli 1944 Wolfsschanze

Der 20. Juli 1944- das andere Deutschland

Anfangs waren sie begeistert von Adolf Hitler, sie folgten ihm widerspruchslos. Spät, sehr spät erkannten sie, welches Verbrecher-Regime Deutschland und Europa terrorisierte, welche Mörder Hitler und Comparsen waren. Sie schlossen sich zusammen, um den Diktator zu töten, der Bomben-Anschlag des Grafen Claus Schenk Graf von Stauffenberg scheiterte, Hitler wurde nur leicht verletzt, die Widerständler hingerichtet, einige davon noch am Abend des 20. Juli. Andere teils gegen Ende des Krieges, im April 1945, als die Amerikaner schon im Lande waren und die Rote Armee Berlin umzingelt hatte. Welche Folgen der 20. Juli hatte, welche Lehren wir daraus ziehen könnten, diese Fragen stellen wir uns seit Jahren.

Der Berliner „Tagesspiegel“ hat in seiner Sonntagsausgabe Nachkommen von Widerstandskämpfern befragt, er hat sie zu Wort kommen lassen: Adolf von Hofacker  und Tobias Korenke. Hofackers Vater Cäsar  hätte den Umsturzversuch in Paris leiten sollen, er wurde verhaftet und Ende 1944 hingerichtet. Korenkes Großvater Rüdiger Schleicher war über seine Frau Ursula zum Kreis der Verschwörer um Hans von Dohnanyi und Dietrich Bonhoeffer. Schleichter wird im Herbst verhaftet und Monate später hingerichtet.

Es ist ja wahr, dass das Thema 20.Juli, überhaupt die Nazi-Zeit und der Widerstand gegen Hitler,  immer nur um das Datum selber Thema in den Medien sind. In der Schule wurde das Problem schon zu meiner Zeit fast ausgeklammert. Oft kam man im Unterricht nicht so weit, weil man sich mit dem Mittelalter zu lange aufgehalten hatte. Und wer über Widerstand gegen Hitler redet, darf die Geschwister Scholl nicht vergessen.

Hofacker und Korenke erläutern in dem Doppel-Interview historisch Bekanntes, was aber zu wiederholen gerade an solchen Gedenktagen sich lohnt, um zu vermeiden, dass der Eindruck entsteht, die Deutschen seien in der Mehrheit Hitler-Gegner gewesen seien. Sie waren es nicht, die Mehrheit machte mit, lief mit, sah zu oder weg. Und so lieferte sie den Stoff für die Protest-Zeile der meuternden Jugend  Ende der 60er Jahre: Aus dem Volk der Dichter und Denker war ein Volk der Richter und Henker geworden.

Ich erinnere mich an die Holocaust-Serie des WDR Mitte/Ende der 70er Jahre, als den Zuschauern in ihrem gemütlichen Heimkino vorgeführt wurde, was damals geschehen war, als man ihnen die schrecklichen Bilder von der tödlichen Maschinerie der Nazis zeigte, mit denen Millionen Juden in den Gastod geschickt wurden. Die Serie rüttelte vor allem die jüngeren Menschen auf, weil sie plötzlich Fragen an ihre Väter und vor allem Großväter hatten: Hast Du das gewusst? Was hast Du dagegen unternommen? Fragen, die sich im Nachhinein leicht stellen, die aber von den direkt Betroffenen nur schwer zu beantworten sind, weil sie ihr Gewissen belastete und belastet.  Täter, Mitwisser, Mitläufer, Schuld?

Der „Tagesspiegel“ zitiert die jüdische deutsch-amerikanische Publizistin und Philosophin Hanna Arendt, die nach der Machtübernahme der Nazis das Land verließ und nach Amerika emigrierte: „Wo alle schuld sind, ist es keiner.“ Also kann man zur Tagesordnung übergehen? Nachher, nach der Befreiung durch die Alliierten, die Amerikaner, die Engländer und die Russen, haben sich nicht wenige an der Verantwortung vorbeigedrückt, sie haben in den Fragebögen, die zu den Entnazifizierungsverfahren gehörten, gelogen, die Angaben zu ihrer eigenen Tätigkeit während der Nazi-Zeit schöngeschrieben und viele kamen davon, ohne dass man sie zur Rechenschaft gezogen hätte, andere, einfache Mitglieder der NSDAP, wurden von ihren Arbeitgebern auf die Straße gesetzt, Lehrer wurden zu jahrelanger Bauern-Knechtschaft verurteilt, als Strafe. Und die da oben?

Es geht nicht darum, heute Urteile zu sprechen, heute, 70 Jahre danach. Aber wir sollten, das ist der Rat von Hofacker und Korenke, uns heute mit dem Begriff der Freiheit auseinandersetzen, sie nicht einfach hinnehmen, als wäre sie etwas Selbstverständliches. Nein, demokratische Freiheit muss geschätzt und gehütet werden, wir müssen auf sie aufpassen.

Zivilcourage muss gelehrt und erlernt werden, dass man aufmuckt, wenn etwas schiefläuft in diesem Staat, wenn Freiheiten eingeengt werden sollen, Zivilcourage braucht es für die Erhaltung der Demokratie, auch in unserem Lande. Sagt Korenke aus der Sicht eines 50jährigen Sprechers eines Medienunternehmens. Und Hofacker erinnert daran,  wie er bei der Debatte über eine Verschärfung der Asylgesetze Anfang der 90er Jahre mit seiner Partei, der SPD gehadert habe, ausgetreten sei, um später wieder einzutreten.  Wörtlich sagt Hofacker. „Aus der Geschichte des Widerstands kann man auch lernen, wie wichtig eine liberale Asylregelung ist.“

Warum der Aufstand, warum die Verschwörung des 20. Juli? Die Wortwahl von Hofacker und Korenke, ihre Äußerungen über die wahre Haltung ihrer Vorfahren angeht  wirken wohltuend, ehrlich. Nein, liest man in der Zeitung, unsere Vorfahren waren keine Helden, nicht zum Helden geboren. Sie mussten handeln, um ihr Gewissen zu entlasten, weil sie nach all den Jahren gemerkt hatten, was für ein Verbrecher Hitler wirklich war. Sie hätten sich nicht als Widerstandskämpfer gesehen, sondern eher als Leute, die für ein besseres Deutschland kämpfen wollten, für ein Land mit Recht und Menschlichkeit.

Dafür ließen sie ihr Leben. Sie waren sich des Risikos durchaus bewusst, sahen aber keinen Ausweg mehr, weil sie sich nicht mehr länger anpassen wollten, nicht mehr mitmachen wollten. Hofacker zitiert die Sätze seines Vaters, als er von der Gestapo vernommen wurde. Er habe Heinrich Heine zitiert mit den Worten: „Was schert mich Weib, was schert mich Kind, jetzt geht es um mein Vaterland.“  Der Satz habe ihn zunächst geschockt, erst später habe er den Sinn begriffen und der Sohn räumt ein, dass er sich im Alter seines Vaters beim Attentat- 48 Jahre- sich die Frage gestellt habe, ob er genauso gehandelt hätte wie sein Vater. Die Antwort: „Ein klares Nein.“

Man kann die Fragen weiterdrehen, mehr und anderes vom Geschichtsunterricht in den Schulen verlangen. Beispiel Auschwitz. Warum nur die Gedenk-Artikel in den Medien, die Gedenkfeiern im Deutschen Bundestag? Warum fahren Schulklassen nicht nach Auschwitz? Um die Reste des KZ sich anzusehen, die Orte, an denen Menschen ermordet wurden, was aus den Kindern geschah, die Räume mit den Schuhen und den Haaren der Menschen zu sehen, Fotos der ausgemergelten Menschen sich anzusehen, die wie Tiere behandelt oder vergast wurden. Warum? Weil sie Juden waren oder Regime-Gegner. Und weil Hitler und Himmler und all die anderen Verbrecher waren, durch Wahlen an die Macht gekommen. Auschwitz müsste zur Pflicht werden für alle Schulkinder.

 

Bildquelle:  Wolfsschanze Gedenktafel Stauffenberg-Attentat (2011) CC-BY-SA-3.0-de  Benutzer:Brunswyk

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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