Der FC Bayern-ohne vier- aber grandios

Viele haben es vermutet, manche erhofft, andere angesichts der langen Verletztenliste nicht mehr daran geglaubt: doch der FC Bayern hat den FC Porto mit 6:1 gewissermaßen vom Platz gefegt. Wieder einmal hat sich bewahrheitet, dass die Bayern, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen, zu besonderen Leistungen fähig sind. In einer nahezu perfekt gespielten 1. Halbzeit wurde der Vorsprung auf sage und schreibe 5:0 ausgebaut, die 2. Halbzeit war dann nur noch schonende Formsache. Der Ehrentreffer der Portugiesen in der 73. Minute war zugleich der erste Schuss auf das Tor von Manuel Neuer.

Einsatzbereitschaft und kreative Spielfreude, gepaart mit einem unbändigen Willen aller, den Ball haben und Tore schießen zu wollen, ließen den Eindruck entstehen, als agierten die Bayern mit gefühlten drei Mann mehr auf dem Platz. Kein langweiliges, brotloses Ballgeschiebe im Mittelfeld, die sonst übliche, fast schon alibimäßig angewandte Konzentration auf den einen (Robben) oder anderen (Ribéry), die ja beide nicht dabei waren, war eben nicht möglich. So wurde fast schon zwangsläufig ein Torwirbel entfacht, mit Lahm auf der Rechtsaußenposition und einem grandiosen Thiago im offensiven Mittelfeld, an dem jeder einzelne Bayernspieler beteiligt war und dem die Portugiesen macht- und hilflos gegenüber standen. Und nicht von ungefähr waren fünf verschiedene Bayern-Spieler an den sechs Toren beteiligt, wann hat es all das schon mal gegeben.

Wurden Ribéry, Robben, Alaba oder Schweinsteiger vermisst? Nein! Ich möchte sogar behaupten, sie hätten nur gestört, zumindest an diesem Abend! Es muss nämlich angesichts dieses Spiels die Frage erlaubt sein, ob die Konzentration gerade auf die beiden genannten Stürmer, deren persönliche Spielqualitäten außerhalb jeder Diskussion stehen, aber nicht doch die Entfaltungsmöglichkeiten aller anderen hemmt, ihnen sogar im Wege steht?

Übrigens, allergrößtes Lob für den englischen Schiedsrichter Atkinson, der eine tadellose, für alle Schiris beispielgebende Leistung bot. Das in der Bundesliga so häufig nach Ballverlusten oder um einen Freistoß zugesprochen zu bekommen praktizierte Zu-Boden-Gehen wurde eben nicht mit einem Freistoß „belohnt“, nicht mal für den Heimverein. Wohltuend auch, dass die ständigen verbalen Attacken auf den Schiedsrichter nach Entscheidungen zugunsten des Gegners, besonders penetrant sind da Müller und Boateng sowie Schweinsteiger (wenn er dabei ist), ebenso wenig Erfolg verbuchen konnten wie die unsäglichen, immer mal wieder praktizierten Schwalben. Der Portugiese Martinez erhielt bei einem solchen Täuschungsversuch in der 1. Halbzeit sofort die „verdiente“ gelbe Karte, weitere Versuche wurden erst gar nicht mehr unternommen. Eine derart konsequente Regelauslegung bzw. -anwendung wünschte ich mir oft auch bei den Bundesligaspielen, zumal jetzt, wo es in die entscheidende Phase geht.

Das Rückspiel im Madrider Lokalkampf gewann Real gegen Atlético nach einem Treffer kurz vor Schluss mit 1:0 und erreichte nach einem blamablen, langweiligen, von vielen Fouls zerhackten Spiel das Halbfinale, ebenso wie Juventus Turin (gegen AS Monaco) und FC Barcelona (gegen Paris Saint-Germain).

 

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Hartmut Schmidt

Der Autor war Fußballspieler, Trainer und Schiedsrichter. Heute analysiert Schmidt die deutsche Bundesliga und den DFB-Pokal mit einem scharfen Blick auf die Leistung der Unparteiischen.


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