Stillleben von Pieter Claesz

Der Idealist und der Zweifler – Don Quijote und Hamlet: zwei exemplarische Modellfiguren für die Verwirrungen der beginnenden Moderne –

Die Beschäftigung mit zwei so überaus konträren Charakteren der Weltliteratur führt zu der Frage, was deren Bedeutung für die heutige Zeit ausmachen könnte. Cervantes und Shakespeare starben vor 400 Jahren. Auch ihre Figuren Don Quijote und Hamlet schufen sie etwa zur gleichen Zeit (1605 und 1602). Das macht es besonders reizvoll, beide Charaktere einander gegenüberzustellen. Sie repräsentieren verschiedene Seiten des erwachenden Subjekts der Moderne und dessen Auseinandersetzung mit Problemen ihrer Zeit.

Als Cervantes sein Werk schuf 

Obwohl ein literarisches Werk von Bedeutung mehr ist als die bloße Widerspiegelung einer historischen Epoche, ist es nützlich, einen Blick auf die Zeit zu werfen, in der Cervantes und Shakespeare ihre Werke schufen. Es ist die Zeit – wie Georg Lukács in seiner Theorie des Romans schreibt – in der der Gott des Christentums die Welt zu verlassen beginnt und der Mensch eine neue Heimstatt für seine heimatlos gewordene Seele sucht. So erlebt Cervantes die Periode der letzten großen, verzweifelten Mystik; den Versuch einer Erneuerung der christlichen Religion aus sich selbst. Die hieraus erwachsende politische Zielsetzung ist die eines Weltherrschaftsgedankens als einer Mission, die allen Menschen das Christentum als verbindende Idee der Gerechtigkeit und Freiheit bringen soll. Der spanische Herrscher Philipp der Zweite war von dieser fixen Idee besessen: der völligen Restauration des Katholizismus und der Ausbreitung des spanischen Absolutismus über die ganze Welt.

Es ist nahezu unbegreiflich, dass das spanische Volk diesem Gewaltherrscher die leidenschaftlichste Loyalität bewahrt hat. Gleichzeitig war dieser einer der großzügigsten und verständnisvollsten Förderer von Kunst und Wissenschaft. Nicht zuletzt die Literatur hat unter seinem Regime die merkwürdigsten Schöpfungen hervorgebracht – unter anderem Cervantes mit seinem unsterblichen Don Quijote. Wäre dieser nur eine einmalige, individuelle Gestalt geblieben – eine weitere, heldenhafte Rittergestalt etwa – man hätte sie übersehen und längst vergessen. Aber Cervantes gelingt die Gestaltung einer neuen literarischen Spezies: die künstlerische Zusammenfassung der Eigenschaften einer ganzen Nation.

Sie bleibt das Unvollkommene

Ursprünglich schien der Don Quijote lediglich zur Verspottung des zeitgenössischen, überaus verstiegenen Ritterromans und der zahlreichen Unarten des spanischen Hidalgos gedacht. Aber er ist weit mehr geworden: er wurde die Tragikomödie des menschlichen Idealismus schlechthin. Im Grunde ist Don Quijote der ewige Typus des heroischen Individuums, das auf schmerzliche Weise erfahren muss, dass die Realität ihrem innersten Wesen nach immer enttäuscht, weil sie stets das Unvollkommene bleibt. Daher versucht er, die krude Realität zu ignorieren, sie einfach nicht anzuerkennen. So werden wir Zeugen eines verzweifelten, weil aussichtslosen Kampfes: Don Quijote wird der erste große Roman der Weltliteratur.

Dass sich in der Persönlichkeit Don Quijotes Charaktermerkmale herausbilden, wie sie für den Spanier seiner Herkunft typisch sind, ist durch die Erfahrung bedingt, dass die realen Möglichkeiten des spanischen Volkes den idealen Zielsetzungen, die sich unter Philipp II. herausbilden, in grotesker Weise entgegenstehen. Und obwohl die für kurze Zeit zu unerhörter Größe aufsteigende Nation eine von vornherein aussichtslose Mission führte und den immanenten Abstieg wohl spürte, bewahrte sie sich der tragischen Entwicklung gegenüber lässige Würde, Glaube, Ehre und Selbstgefühl. Deshalb ist der spanische Niedergang, den Cervantes miterlebt, ein Schicksal gewesen, dem bei aller Tragik etwas beinahe Zufälliges anhaftet; als wäre die Nation eines baldigen Aufschwungs gewiss gewesen – als ritte hinter jedem Don Quijote sein Sancho Pansa.

Kreuzfahrer und Welteroberer

So verkörpern sich in dem irrenden Ritter gleichsam die Merkmale der spanischen Nation dieser Epoche: dem Höchsten, Fernen nachstrebend; besessen von einer Mission; gläubig, fanatisch, genial und verrückt; Kreuzfahrer und Welteroberer; nobel, von grenzenloser Opferbereitschaft; der Wirklichkeit fremd und stets entfremdeter, aber doch größer als sie; einsam, rührend, zum Lachen, aber mehr noch zum Weinen. Und neben dem unsterblichen Illusionisten eine andere Wirklichkeit – die des sogenannten gesunden Menschenverstandes, verkörpert im plumpen Geschöpf des Bauern Sancho Pansa. Cervantes schildert den tiefsten, erschütternsten Kontrast: aus all diesen Grotesken, derben Späßen und schmerzlichen Missgeschicken fügt er ein wunderbares Weltbild zusammen: etwas allgemein Menschliches und etwas unverwechselbar Spanisches.

Shakespeares Epoche-England wird Großmacht

Auch Shakespeare erlebt eine Epoche, in der England an der Schwelle zur Neuzeit steht und in der an die Stelle der verblassenden mittelalterlichen Lebensgewohnheiten und Vorstellungen noch keine neuen, verbindlichen Orientierungen getreten sind. Im Gegenteil: Den wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen entspricht in moralischer Hinsicht eine Krise ohnegleichen. Egon Friedell schildert in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit diese Epoche wie folgt:

England ist während des sechzehnten Jahrhunderts von einem mittelalterlichen Kleinstaat zu einer modernen europäischen Großmacht emporgestiegen, nicht durch seine Herrscher, wie die loyale Legende berichtet, sondern trotz seiner Herrscher, die fast alle mittelmäßig und zum Teil niederträchtig waren … Selbst Shakespeare hat in seiner bestellten Hofdichtung mit allen virtuosen Retuschen nicht vermocht, z.B. der Gestalt Heinrich des Achten etwas anderes als das Bild eines rohen und tückischen Despoten zu geben.

Frau von skrupelloser Brutalität

Mit Elisabeth kommt schließlich eine zwar kluge und zielbewusste, aber maßlos eitle und egoistische Frau von skrupelloser Brutalität, kalter Hinterlistigkeit und scheinheiliger Prüderie an die Macht. Fünfundvierzig Jahre sollte diese Herrschaft dauern – eine Herrschaft voller moralischer Verantwortungslosigkeit und despotischer Gewalt. Trotz allem wird das sechzehnte Jahrhundert die erste große Glanzperiode in der Geschichte Englands. Handel, Gewerbe und Schiffahrt, Wissenschaft, Kunst und Literatur entwickeln sich zu überreicher Blüte. In London gibt es annähernd zwanzig Theater. Es entstehen wohleingerichtete Schulen und sogar schon Vorläufer von Zeitungen. Die Durchschnittsbildung der Bevölkerung steigt; eine für diese Zeit bemerkenswerte Entwicklung.

Daneben aber koexistieren barbarische Umgangsformen im englischen Alltag, die an Drastik nichts zu wünschen übrig lassen. Friedell schreibt:

Der Mensch der sogenannten englischen Renaissance, die unter Elisabeth ihren Höhepunkt erreicht hat, ist eine Kreuzung aus einem zähen und umsichtigen Sachlichkeitsmenschen und einem wilden und tollkühnen Abenteurer. Der präzise Ausdruck dieser Geisteslage sind die merchants adventurers, raubritternde Kaufleute und Seefahrer, die zuerst auf eigene Faust, später durch königliche Privilegien unterstützt, die Küsten des fernen Ostens und Westens plünderten. Die großen Admirale, Weltumsegler, Eroberer und Kolonisatoren waren nichts anderes als Korsaren. Etwas ganz Ähnliches waren die Handelskompanien: konzessionierte Gesellschaften zur Ausbeutung überseeischer Länder. Schmuggel, Seeraub und Sklavenhandel stehen an der Wiege des englischen und des ganzen modernen Kapitalismus.

Vernichtung der spanischen Armada

Die von Spanien ausgehende Erneuerung des Christentums findet in der Konfrontation mit England ihren Höhepunkt und mit der Vernichtung der spanischen Armada gleichzeitig ihren dramatischen Abschluss. England sieht in der Gegenreformation eine Bedrohung seines ureigenen Lebens und erlebt ein nationales Erwachen, das zu einem Wendepunkt der Weltgeschichte führt: aus einem entlegenen Vorposten des europäischen Kontinents wird ein neuer Mittelpunkt der Welt. Die einsetzenden englischen Kolonisationen mit ihren ökonomischen Zielsetzungen führen einen raschen Wandel der wirtschaftlichen Struktur herbei. Unter der Oberfläche dieser Umwälzungen jedoch spielt sich das Drama der Nation ab, aus dem Shakespeare die wesentlichen Motive seines Werkes schöpft: der klaffende Widerspruch zwischen den bis dahin gültigen religiösen Normen und der neuen, von bloßer Machtgier geleiteten irdischen Ordnung. Vom moralischen Standpunkt aus scheint diese Welt unrettbar verloren. Shakespeare sollte es vorbehalten sein, die geistige Tragödie dieser Epoche dichterisch zu gestalten.

Dazu Friedell:

Er ist der kompletteste und intensivste Ausdruck seiner Zeit; er hat seine Zeit, obgleich sie die Quelle dieser Kraftwirkungen übersah, aufs gebieterischste und nachhaltigste influenziert; aber am stärksten ist doch der Eindruck, daß er selbst hinter allen diesen Wechselbeziehungen als unergründliche einmalige Absurdität thront. Wollte man den Versuch wagen, das Wesen dieses unfaßbaren Menschen in einem einzigen Wort auszudrücken, so könnte man vielleicht sagen: er war der vollkommenste Schauspieler, der je gelebt hat. Er war der leidenschaftlichste und objektivste, hingegebenste und souveränste Charakterdarsteller der menschlichen Natur, aller ihrer Höhen und Niederungen, Flachheiten und Abgründe, Zartheiten und Bestialitäten, Träume, Taten und Widersprüche … Er schreckt vor nichts zurück und bevorzugt nichts: denn alles ist ja nur eine Rolle, die möglichst glaubhaft und möglichst einprägsam vorgetäuscht werden will. Und wenn er eines Tages das ganze Repertoire der Menschheit heruntergespielt haben wird, dann wird er seine glitzernde Puppenbühne schließen, ins Dunkel der Nacht heraustreten und den Blicken der Zuschauer für immer entschwinden.

Auflösung und Sinnentleerung

Die Helden der shakespeareschen Dramen erfüllen ein Schicksal, das durch die Widersprüche ihrer Zeit evoziert wird. Insbesondere Hamlet, ein reflektierender Melancholiker, spürt, dass eine ewig geglaubte Ordnung zerbrochen ist und jeden Sinn verloren hat. Während der Mensch im Rahmen festgefügter Ordnungssysteme Geborgenheit und Bestätigung findet, erlebt er jetzt einen Zustand der Auflösung und Sinnentleerung. Hamlet, der auf diese Entwicklungen überaus sensibel reagiert, verliert den Bezug zur Wirklichkeit und gerät nach und nach in eine lebensbedrohende Isolation, aus der kein Weg zurück möglich scheint. In diesem Zustand wird der festeste Glaube zum Wahnsinn, da der subjektiven Wahrnehmung keine objektive Wirklichkeit mehr entspricht.

Der Kampf des Individuums gegen die Niedertracht der äußeren Welt ist ein vergeblicher; zu mächtig sind die Widerstände, die sich seiner Selbstverwirklichung entgegenstellen. So nimmt das Drama seinen Lauf: Hamlet erleidet ein Schicksal, das von fremden Mächten diktiert wird – er ist nur noch Spielball von Kräften, die er weder beherrscht noch begreift. Sein Widerstand schwindet, indem er sich den fremden Einflüssen unterwirft. Am Ende bleiben Verzweiflung, Resignation, ja: Schicksalsergebenheit.

Und dennoch: bei aller vordergründigen Dramatik sind Shakespeares Dramen in erster Linie wirkliche Spiele: Das macht sie so amüsant. In ihnen ist das ganze Dasein als Traum, als Maskerade oder, bitterer ausgedrückt, als Narrenhaus konzipiert. Taten sind Tollheit: dies ist die Kernweisheit aller seiner Dichtungen, nicht bloß des Hamlet. Er hat einen ganzen Kosmos von Tatmenschen, eine ganze Zoologie dieser so varietätenreichen Spezies geschaffen; aber er belächelte und verachtete sie alle. Sein ganzes Leben war dem Drama, der Darstellung von Handlungen gewidmet: Abbilder menschlicher Taten zu malen, war der Sinn seiner Erdenmission; und er selbst fand alles Handeln sinnlos (Friedell).

Er ist Vor- und Nachdenker zugleich

Shakespeare erhebt sich über seine eigene Tätigkeit und gerade das macht sein Genie aus. Seine Weltanschauung lässt sich in dem Ausspruch zusammenfassen, dass wir aus dem gleichen Stoff gemacht sind, aus dem auch unsere Träume bestehen. Darin liegt auch der Sinn seines Hamlet. Hamlet lässt seine Phantasie so intensiv ins Kraut schießen, dass er alles, was künftig erst geschehen soll, in seinen Träumen schon vorwegnimmt. Er reflektiert alles bis auf den Grund durch. Er ist Vor- und Nachdenker gleichermaßen; und indem er alles, was geschieht, bereits im voraus durchdacht hat, weiß er in dem Augenblick, wo es geschieht, gar nicht mehr, ob es sich um die Realität oder einen Traum handelt. Er träumt die Welt so realistisch, dass sie sich seiner gelebten Erfahrung entzieht.

Während der Held des Dramas mithin ein Schicksal erfüllt, sucht der Held des Romans den Sinn seines Daseins in der tätigen Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit. Zunächst in der Form des Abenteuers. Der Held zieht aus, um sich selbst und seine Ansichten in der Konfrontation mit den realen Umständen zu prüfen. Er scheint das Subjekt seines eigenen Lebens zu sein.

Tatendrang und Demut

Für Lukács ist die Form des Romans Ausdruck der transzendentalen Obdachlosigkeit des Menschen. Während der empirische Mensch in der gottverlassenen Welt nach Orientierung sucht, transformiert der Dichter ihn in die Idealform eines Subjekts, das sich aufmacht, das Leben zu meistern. In dieser ungeheuren Anmaßung, die immer schon den Keim des Scheiterns in sich birgt, liegen Tragik und Größe der handelnden Akteure dicht beieinander. Im Roman konstruiert der Erzähler mit kühler und überlegener Chronistengebärde ein Subjekt, das zum Alleinherrscher seines Daseins aufzusteigen scheint. Voller Tatendrang, aber hin und wieder auch in Demut, schaut er auf die Welt und ihre Herausforderungen. Berauscht vom eigenen Tun, scheint sich ein Sinn im Dasein aufzutun, der ihn in stummes Erstaunen versetzt. Cervantes gelingt die Komposition eines Romans, in dem auf paradoxe Weise heterogene und diskrete Bestandteile der Wirklichkeit zu einer immer wieder aufgekündigten Organik verschmelzen. Lukács sieht die Ethik des Romans in der schöpferischen Subjektivität seines Helden – ganz unabhängig davon, ob seinem Handeln nun der intendierte Erfolg beschieden ist oder nicht.

Geradezu paradigmatisch wird der geschilderte Sachverhalt in der Figur des Don Quijote vorgeführt. Don Quijote verfällt auf den seltsamen Gedanken, das längst der Vergangenheit anheimgefallene fahrende Rittertum zu neuem Leben zu erwecken und alle damit verbundenen Gefahren und Abenteuer zu bestehen. Er sieht seine Aufgabe in der Wiedergutmachung allen Unrechts, das der unterdrückten menschlichen Kreatur widerfahren ist. In all seinen darauf folgenden Abenteuern erleidet er ausnahmslos Schiffbruch, was ihn dazu veranlasst, zunächst einmal auf sein Gut zurückzukehren und Kraft für einen erneuten Aufbruch zu sammeln. Von seinem zweiten Ausritt an begleitet ihn der Bauer Sancho Pansa als Schildknappe.

Heinrich Heines Deutung

Aus der Vielzahl von Deutungen, die der Don Quijote erfahren hat, sticht jene von Heinrich Heine besonders hervor. Heine knüpft an die dialektische Interpretation des Romans durch Hegel an. Während die Romantiker den ingeniösen Ritter mystifizierten, weil er angeblich eine vergangene Gesellschaftsform wieder zu beleben versuchte, weist Hegel in seinen Vorlesungen über Ästhetik auf die konkreten historischen Umstände hin, die dies gerade verunmöglichen:

Hat sich nun aber die gesetzliche Ordnung in ihrer prosaischen Gestalt vollständiger ausgebildet und ist sie das Übermächtige geworden, so tritt die abenteuernde Selbständigkeit ritterlicher Individuen außer Verhältnis und wird, wenn sie sich noch als das allein Gültige festhalten und im Sinne des Rittertums das Unrecht steuern, den Unterdrückten Hilfe leisten will, zu der Lächerlichkeit, in welcher uns Cervantes seinen Don Quijote vor Augen führt.

Auch eine edle Natur wie der Don Quijote muss nach Hegel trotz seines Mutes und Abenteuertums an den äußeren Verhältnissen scheitern, die seinen Handlungsintentionen zum Teil in grotesker Weise widersprechen. Heine weist in seiner Weiterführung der Hegelschen Interpretation darauf hin, dass der satirische Roman des Cervantes sich nicht in der bloßen Kritik an der feudalen Gesellschaft erschöpft:

Indem er eine Satire schrieb, die den älteren (Ritter-) Roman zugrunde richtete, lieferte er selber wieder das Vorbild zu einer neuen Dichtungsart, die wir den modernen Roman nennen. So pflegen immer große Poeten zu verfahren: sie begründen zugleich etwas Neues, indem sie das Alte zerstören; sie negieren nie, ohne etwas zu bejahen. Cervantes stiftete den modernen Roman, indem er in den Ritterroman die getreue Schilderung der niederen Klassen einführte, indem er ihm das Volksleben beimischte.

Schilderung der Lebensverhältnisse

Dabei geht es Cervantes nicht um eine romantische Verklärung dieses Volkslebens, sondern um die möglichst realistische Schilderung der Lebensverhältnisse der unteren Klassen. Die Bedeutung des Romans hängt demnach unmittelbar mit den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen zusammen: mit der Auflösung der Feudalgesellschaft und dem Verfall der ritterlichen Tugenden, denen der soziale Sinn abhanden gekommen ist. Nach Heine karikiert Cervantes nicht diejenigen, die für eine utopische Idee kämpfen; er verspottet vielmehr die, die angesichts veränderter gesellschaftlicher Verhältnisse an überholten Ideologien festhalten und versuchen, diese mit untauglichen Mitteln durchzusetzen. Heine ist es, der als erster darauf verweist, dass Cervantes mit seinen Figuren Don Quijote und Sancho Pansa einen Doppelcharakter geschaffen hat, der es ihm ermöglicht, beide Gestalten in ihrer Wechselwirkung aufeinander darzustellen – was erheblich zur Konturierung der Charaktere beiträgt:

Wenn andere Schriftsteller, in deren Romanen der Held nur als einzelne Person durch die Welt zieht, zu Monologen, Briefen oder Tagebüchern ihre Zuflucht nehmen müssen, um die Gedanken und Empfindungen des Helden kundzugeben, so kann Cervantes überall einen natürlichen Dialog hervortreten lassen; und indem die eine Figur immer die Rede der andern parodiert, tritt die Intention des Dichters um so sichtbarer hervor. Vielfach nachgeahmt ward seitdem die Doppelfigur, die dem Roman des Cervantes eine so kunstvolle Natürlichkeit verleiht und aus deren Charakter, wie aus einem einzigen Kern, der ganze Roman sich entfaltet.

Auch Brecht sieht in den beiden Figuren nicht in erster Linie Gegenspieler, sondern sich ergänzende Exemplare: In der Satire wird im allgemeinen darauf verzichtet, dem Typus, den sie verspottet, einen exemplarischen Typus entgegenzustellen, denn in dem Hohlspiegel, den sie aufstellt, um das zu Bekämpfende übertreibend herauszuarbeiten, würden positive Typen nicht der Verzerrung entgehen. Brecht selbst hat die Herr-Knecht-Dialektik in Abwandlung der Cervantinischen Archetypen in seiner Gestaltung des Herrn Puntilla und des Knechts Matti wieder aufgegriffen.

Jede Generation zieht ihre Schlüsse

Es zeigt sich, dass jede Generation aus den Werken der Weltliteratur aufgrund eigener Erfahrungen ihre Schlüsse zieht. Das Werk Cervantes‘ nahm seinen Lauf als Parodie auf die falsche Romantik der Ritterromane und entwickelte sich mehr und mehr zur weitgespannten satirischen Kritik der geschichtlich überlebten Feudalgesellschaft. Nicht ihr allein gebührt der Spott des Dichters. Auch die aufkommende Bourgeoisiewelt, die keine Möglichkeit mehr lässt, ritterliche Tugenden wie Tapferkeit, Mut und Treue zu praktizieren, gerät in den Fokus der Kritik. Denn darin zeigt sich die ganze Größe des Cervantes: Er persifliert niemals die Absicht seines Helden Don Quijote, den Unterdrückten und Hilfsbedürftigen Beistand zu leisten, sondern immer nur dessen Versuch, dies mit untauglichen Mitteln am falschen Objekt zu verwirklichen. Als Prototyp des Alten, Überlebten, mag der Don Quijote eine komische Figur abgeben; nicht aber als Träger utopisch-humanistischer Vorstellungen. Diese verleihen seinem Unterfangen zwar durchweg tragische Züge; dadurch aber gewinnt er die ungeteilte Sympathie der Mit- und Nachwelt. Seine humane Gesinnung und sein aufrechtes Bemühen stehen außerhalb jeder Kritik.

Wenn wir weiter oben ausgeführt haben, dass die Charaktere Don Quijotes und Sancho Pansas, dadurch, dass Cervantes sie ständig miteinander konfrontiert, an Kontur gewinnen, so ist dies nur e i n Motiv des Dichters. Um zu zeigen, dass die Ideologie des Rittertums ausgedient hat und die ritterlichen Tugenden in der kruden Alltagsrealität keine Entsprechung mehr haben, bedarf es eines Repräsentanten des Realitätsprinzips mit eigener Statur. So verkörpert die Figur Sancho Pansas nicht nur plumpe Volkstümlichkeit (Thomas Mann); gleichzeitig steht sie für einen neuen gesellschaftlichen Typ, der sich dem sogenannten gesunden Menschenverstand und einer erstaunlichen Portion an berechnender Schläue verdankt. Beispielhaft zeigt sich dies an folgendem Dialog:

Don Quijote: … die Gnaden und Wohltaten, die ich Euch versprochen, werden zu ihrer Zeit eintreten und treten sie nicht ein, so kann wenigstens der Gehalt nicht verlorengehen, wie ich Euch schon einmal gesagt habe.

Sancho Pansa: Alles ist ganz gut, wie Euer Gnaden spricht, aber ich möchte doch gern wissen – wenn vielleicht die Zeit der Gnaden nicht eintritt und ich also zum Gehalte meine Zuflucht nehmen muß –, wieviel der Stallmeister eines irrenden Ritters in jenen Zeiten verdiente und ob sie sich monatlich oder tageweise, wie die Handlanger bei den Maurergesellen, verdungen.

Don Quijote: Ich glaube nicht, daß dergleichen Stallmeister jemals für Gehalt gedient haben, gewiß immer nur für Gnade …

Übergang zur Klassengesellschaft

An solchen Stellen wird der gesellschaftliche Hintergrund des Romans besonders deutlich: Der in seiner Scheinwelt befangene Don Quijote macht seine Versprechungen im Hinblick auf eine Zukunft, die keine ist. Wohingegen Sancho Pansa bereits Ansätze eines Bewusstseins von Lohnabhängigkeit durchblicken lässt. Daran zeigt sich, dass der Übergang von der ständischen Feudalordnung zur modernen Klassengesellschaft in vollem Gange ist; und damit die Umwandlung der patriarchalischen Beziehungen zwischen Ritter und Knappen in ein kapitalistisches Lohnverhältnis.

Dass Sancho Pansa dieser gesellschaftliche Wandel noch nicht wirklich bewusst ist; er vielmehr immer wieder in feudale Wertvorstellungen zurückfällt, zeigt eine andere Stelle:

Wenn ich klug wäre, so wäre ich schon längst von meinem Herrn gegangen; aber das ist nun einmal mein Schicksal und mein Verhängnis. Ich kann nicht anders, ich muß ihm folgen; wir sind aus einem Dorfe; ich habe sein Brot gegessen; ich bin ihm gut, er ist mir gut; er hat mir seine Füllen gegeben; und was das wichtigste ist, ich bin treu, und also ist es unmöglich, daß uns ein anderer scheiden sollte als der mit der Sense.

Freiheit und menschliche Würde

Es ist diese Treue, die uns an der Figur Sanchos besticht, ja rührt. Er ist der Bodenständige, der einfache Mann des Volkes. Es hat Phasen in der Literaturgeschichte gegeben, da wurde Sancho in seiner Bedeutung dem Don Quijote gleichgestellt; in der Romantik z.B., die vom unverdorbenen Volksleben schwärmte und dieses in gewisser Weise mystifizierte. Für die Romantiker z.B. verkörpert Sancho den Gegensatz zum weltfremden Idealismus seines Herrn. Aber dieses unverdorbene Volksleben gab es wohl lediglich in der Vorstellung der Romantiker, aber nie wirklich. Wenn man will, kann man Cervantes so verstehen, dass er die Inadäquatheit von Bewusstseinsformen und gesellschaftlicher Wirklichkeit darstellen will. Er zeigt, dass die Befreiung des Bewusstseins aus traditionellen Vorstellungen und Gewohnheiten ein widersprüchlicher Prozess ist. Sancho bleibt ganz den traditionellen Werten verhaftet, während Don Quijote der sich in Stagnation befindlichen Gesellschaft Postulate wie Freiheit und menschliche Würde entgegensetzt. Nie hat Cervantes diese ad absurdum führen wollen; er zeigt lediglich, dass die Methoden, die Don Quijote zu ihrer Realisierung anwendet, untauglich sind. Es wäre ein grobes Missverständnis, wenn die unfreiwillige Komik, die Don Quijote mit jeder seiner Handlungen auslöst, die tiefer liegende Bedeutung des Romans vollends verdecken würde.

So sind auch die Zweifel, die Sancho Pansa den seltsamen Handlungen seines Herrn gegenüber äußert, fast immer rein pragmatischer, nie prinzipieller Natur. Es fehlt ihm jegliches Verständnis für die Dramatik der gesellschaftlichen Situation. Sancho Pansa ist ein typischer Repräsentant des Realitätsprinzips; ein Sinnbild der Anpassung, ja des Opportunismus; ein Vertreter des Status quo. Einer von denen, die nur glauben, was sie anfassen oder schmecken können. Der stets auf seinen Vorteil bedacht ist und alles danach abwägt, ob ihm etwas nützt oder schadet. Ein Vorläufer des Homo oeconomicus; gepaart mit einer Portion Fatalismus.

Das Wesen großer Kunst

Cervantes zeigt, dass die Befreiung des Bewusstseins aus den Fesseln mittelalterlicher Denkkategorien ein langwieriger und komplizierter Prozess ist, der von Widersprüchen gekennzeichnet ist. Vorstellungen und Gewohnheiten lassen sich nicht mit einem Male und ohne tiefgreifende innere Konflikte überwinden. Mit seiner wirklichkeitsgetreuen Schilderung vom Alltagsleben des spanischen Volkes gelingt es ihm, die Diskrepanz von überholten Idealen und wirklichem Leben aufzuzeigen und diesen die Postulate von Freiheit und menschlicher Würde entgegenzustellen. Gerade in dem Hinausweisen über den Status quo zeigt sich das Wesen großer Kunst.

Streben nach Macht und Reichtum 

Wie für Cervantes, gilt dies gleichermaßen für Shakespeare. Sicher und selbstbewusst ragt sein Geist aus den Wirren der gesellschaftlichen Umwälzungen seiner Zeit heraus, denen er sich gegenüber sieht. England steht an der Schwelle vom alten, lebensfrohen Inseldasein zur weltoffenen Großmacht mit ihren diversen Herausforderungen. Die Charaktere der Shakespeareschen Dramen repräsentieren die Zerrissenheit zwischen tradierten Tugenden und den Verlockungen der Neuzeit: Treue und Ritterlichkeit werden abgelöst durch das Streben nach Macht und Reichtum.

Mit seinem Hamlet entwickelt Shakespeare das grüblerische, melancholische, widerspruchsvolle Wesen des erwachenden Subjekts der Moderne. Vielleicht wäre von daher eher Hamlet als Gegenpart des Don Quijote anzusehen. Hamlet ist ein Zweifler aus Prinzip. Er lebt, ähnlich wie Don Quijote, zunehmend isoliert in einem geschlossenen Universum; er ist der Welt überdrüssig; sie ist ihm ein wüster Garten, in dem verworfenes Unkraut wächst. Ihm ist alles ekel, schal, flach und unersprießlich. Hamlet ist zu keiner Handlung mehr fähig, nicht weil ihm der Mut fehlt, sondern weil er jegliches Handeln für sinnlos erachtet. Seine Distanz zur ihn umgebenden Lebenswelt ist zu groß geworden. Er kann sie auch durch eine Art höheren Bewusstseins nicht überbrücken; jeder Ausweg scheint ihm verschlossen zu sein.

Im Unterschied zum Roman geht es dem Drama nicht um eine ausdifferenzierte Charakterbeschreibung und die nachträglich summierbare Wesensanalyse des Helden. Im Drama kommt es nach Lukács darauf an, wie sich der Charakter in der kurzen Daseinsspanne und vorgegebenen Lage von Szene zu Szene allmählich enthüllt, aus dem Gegenspiel der übrigen Personen seine Konturen gewinnt, sich in dramatische Handlung umsetzt, jedoch nie in seiner Vollständigkeit, sondern lediglich in Einzelmomenten aufeinander folgender Situationen vor uns hintritt.

Überzeitliche Wirkung der Werke 

Es gibt wohl nur wenige Gestalten der Weltliteratur, die eine so verschiedenartige und widerspruchsvolle Deutung erfahren haben, wie der Don Quijote des Cervantes und Shakespeares Hamlet. Jede Zeit hat in der Problematik dieser Werke eine Darstellung der sie selbst bewegenden Ideen gesehen – und gerade darin besteht ja die überzeitliche Wirkung beider Werke.

Einige der Interpretationen des Don Quijote haben wir bereits angedeutet. Interessant ist eine weitere Deutung Unamunos, der in Cervantes das typische Beispiel eines sich der Tragweite seiner Werkes unbewussten Künstlers sieht. Das mag teilweise stimmen und stimmt sicherlich für alle große Literatur zu allen Zeiten. Deren Größe zeigt sich ja nicht darin, dass sie die Umrisse einer neuen Gesellschaft schon bis ins Detail ausmalt. Vielmehr kann ihre eigentliche Bedeutung darin gesehen werden, dass sie überhaupt ein Gespür für gesellschaftliche Umbrüche entwickelt und die dargestellten Charaktere diese Veränderungen hinreichend repräsentieren. Das ist Cervantes mit dem Don Quijote in genialer Weise gelungen.

Auch Shakespeare versteht es, mit der Figur des Hamlet einen komplexen und rätselhaften Charakter darzustellen. Daher verwundert es nicht, dass auch hier die Deutungsversuche erheblich changieren: zwischen Goethes Diktum, wonach der Hamlet ein schönes, reines, edles und höchst moralisches Wesenaufweist, dem eine Tat auf die Seele gelegt wurde, der er nicht gewachsen war, bis hin zu jenen Deutungen, die im Hamlet einen Geisteskranken, einen Feigling oder gar einen Revolutionär sehen möchten. Angesichts der widersprüchlichen Deutungen ist man geneigt, sich jenem Shakespeare-Forscher anzuschließen, der nach der Lektüre von über zwanzig Hamlet-Kommentaren verzweifelt ausrief, er habe immer noch nichts über Hamlet erfahren und daher beschlossen, sich an den Text zu halten.

Zwischen Mittelalter und Renaissance

Shakespeare entwickelt mit der Figur des Hamlet den Charakter eines Menschen, der zwischen den Zeiten steht. In ihm widerstreiten Elemente mittelalterlichen Denkens sowie das Streben nach absoluter Geltung ethischer Werte mit modernen Ideen, wie sie aus der Renaissance hervorgegangen sind und die neue Maßstäbe für das sittliche Verhalten des Menschen setzen. Zu denken ist hierbei an Werte wie Individualität, subjektive Verantwortlichkeit, Selbstreflexivität und Orientierung auf Diesseitigkeit – im Unterschied zur religiös dominierten Weltsicht vergangener Epochen.

Während Don Quijote in einer hermetisch abgeschlossenen Scheinwelt agiert, ist sich Hamlet zumindest zeitweise darüber bewusst, dass die ihn beeinflussenden Wertvorstellungen der alten und neuen Zeit in ihm nicht zum Ausgleich kommen. Daher seine Unentschiedenheit, seine Melancholie, sein Zweifel, sein Defätismus, seine Unfähigkeit zum Handeln. Das Chaos, das sich vor ihm auftut, scheint undurchdringlich. Was bleibt ist ein Mensch, der sich der ihn umgebenden Welt immer weiter entfremdet.

Glück und Unglück sind nicht ewig

Wie anders stellt sich uns der Ritter aus der Mancha dar: Auch Don Quijote ist seiner Umwelt entfremdet. Aber seine stoische Lebenshaltung, die er aus seinem ritterlichen Weltbild bezieht, lässt ihn keinen Augenblick an den bestehenden Zuständen verzweifeln. Durch all seine missglückten Abenteuer hindurch gewinn er nie den Eindruck, dass es sinnlos sei, sein ideales Ziel, die Wiederbelebung der ritterlichen Tugenden, weiter zu verfolgen. Für ihn sind, wie er Sancho wissen lässt, alle Stürme, die ihn verfolgen, lediglich Beweise, daß sich das Wetter bald aufheitern muß und daß seine Sache zum Glück ausschlagen müsse, da es unmöglich ist, daß sowohl Glück als auch Unglück ewig dauern. Es sind die konkreten Handlungen, die zählen – mögen sie dem Außenstehenden auch noch so befremdlich erscheinen. So erfährt Sancho vom Meister, daß ein Mensch nicht mehr zählt als ein anderer, wenn er nicht mehr tut.

Durch die Entschlusskraft des Handelnden gewinnt Don Quijote seine Freiheit und die Erkenntnis, dass ein auf freien Entschlüssen beruhendes Leben den Wert der menschlichen Existenz ausmacht. Keine Macht der Welt – weder die staatlichen Gesetze, noch kirchliche Normen, noch die häufigen Versuche seiner Umgebung – können ihn daran hindern, sein Ziel unbeirrt weiter zu verfolgen. Schon gar nicht können sie ihn davon überzeugen, dass die Wirklichkeit, in der er lebt, nur ein trügerischer Schein ist.

Diese Subjektivierung seiner Weltsicht ist ihm Erklärung und Rechtfertigung zugleich. Denn: Die wahre Wirklichkeit liegt im Bewußtsein der Menschen selbst, in der Welt, in der sie zu leben glauben. Dieses Bewusstsein verschafft ihm die Kraft, allen Widrigkeiten zu begegnen und nach jeder Niederlage wieder aufzustehen.

Don Quijote fasziniert uns über die Zeiten hinweg durch seinen tief verwurzelten, konsequenten Humanismus. Seine Menschlichkeit und Güte, die er vor allem seinem Gefährten Sancho Pansa zukommen lässt, berührt uns. Er isst mit ihm aus einer Schüssel, denn von dem fahrenden Rittertum kann man dasselbe sagen wie von der Liebe, daß sie alle Dinge gleichmacht.

Realität und Fiktion

Bei aller Unterschiedlichkeit der Figuren Don Quijote und Hamlets gibt es auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen ihnen. Ricardo Piglia verweist in seinem fesselnden Essay Der letzte Leser darauf: Beide sind Leser. Dem Don verwirren sich durch seine Lektüre von Ritterromanen die Sinne; die Differenz von Realität und Fiktion verwischt sich. Aber welche Wirkung übt die Literatur auf ihn aus? Fasziniert ihn die phantasierte Ritterwelt so sehr, weil er in seinem öden Alltagsleben das Abenteuer vermisst? Möchte er es seinen Helden gleichtun? Vermittelt die Literatur ihm einen Sinn, den er im wirklichen Leben nicht vorfindet? Verführt ihn das Gelesene? Und schließlich: woher nimmt Don Quijote jenen unbändigen Tatendrang, der ihn bis zuletzt auszeichnet?

Auch Hamlet tritt mit einem Buch auf. Aber dieser Sachverhalt scheint dazu zu dienen, eine Distanz zur übrigen höfischen Welt aufzubauen. Das Lesen in Gesellschaft – zumal wenn ein junger Mann als Leser auftritt – isoliert ihn. Wir erfahren nicht, um welches Buch es sich handelt, das Hamlet liest oder zumindest vorgibt zu lesen. Ist es der Lesestoff, der ihn hindert, eine Entscheidung zu treffen?

Und noch eine Gemeinsamkeit weisen unsere Helden auf: Beides sind auch Schauspieler. Für Hamlet ist die ganze Welt eine Bühne, auf der lediglich Rollen gespielt werden. Die Tatsache, dass er seine Rollen wechselt, scheint ihm das Überleben zu ermöglichen. Seine Schauspielerei dient ihm als Tarnung in einer gefährlichen Umwelt; aber auch als Möglichkeit, rätselhafte Texte aufzusagen, von denen keiner weiß, in welcher Beziehung sie zur Wirklichkeit stehen.

Anders im Falle Don Quijotes: Er schlüpft so vollständig in die Rolle des irrenden Ritters, dass wir – bis auf den Beginn des Romans – kaum etwas über seine Person erfahren. Er identifiziert sich vollends mit seiner Rolle, so dass er kaum wieder herausfindet. Die Texte, die er spricht und die Rollen die er spielt, verdankt er der angelesenen Literatur. Daher die zuweilen weihevolle Sprechweise im Vergleich zum derben Sprachgebrauch Sanchos; sie dient weniger der Kommunikation, als vielmehr dem Versuch, Distanz zur Umwelt zu erzeugen.

Nachdenklichkeit und Optimismus

Was bleibt uns von diesen beiden großen Werken der Weltliteratur? Trotz aller Zeitbedingtheit ihres Entstehens zeigen sie uns, dass der Mensch in existentiellen Konflikt- und Entscheidungssituationen auf sich selbst zurückgeworfen ist. Dass er immer wieder aufs Neue um die richtigen Einsichten ringen muss und dass er es letztlich ist, der sein Handeln vor sich und der Welt verantworten muss. An den Figuren des Don Quijote und Hamlet lassen sich zwei unterschiedliche Handlungstypen festmachen: Während Don Quijote, von seinem Ideal beseelt, keinen Zweifel an der Richtigkeit seines Handelns aufkommen lässt, verkörpert Hamlet ein Maß an Reflexivität und Zweifel, das es ihm unmöglich erscheinen lässt, an den Erfolg oder Sinn seiner Handlungen zu glauben. Man möchte unserer Epoche etwas mehr von der Nachdenklichkeit Hamlets, aber auch vom Optimismus Don Quijotes wünschen. Kommen beide Verhaltensweisen zusammen, könnte daraus eine Perspektive erwachsen, die uns vor Fehlentscheidungen schützt und gleichzeitig das Notwendige zur Erhaltung der Schöpfung tun lässt.

Bildquelle: Pieter Claesz (1597/1598-1660) – Web Gallery of Art, gemeinfrei

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Joke Frerichs

Joke Frerichs, Dr. rer. pol.; Studium der Politikwissenschaft; Soziologie; Philosophie; Germanistik, lebt als freier Autor in Köln. Zuletzt erschien sein Roman Das Haus des Dichters (2016) und das Journal Inside Out. Die Welt lässt sich nicht umarmen (2016)


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