Der Schnäppchen – Wahn

Sie kennen das doch sicher: dieses blöde unruhige Gefühl: irgendwas ist schief gegangen, der Chef hat Sie wegen einer Lappalie blöd angeraunzt, Ihr Kind war frech, Ihr Mann, oder Ihre Frau, oder Ihre Freundin, irgendwer hat sich als äußerst bescheuert, ungerecht, schlecht gelaunt erwiesen. Jetzt reicht‘s. Sie schieben sich mit diffusem Unbehagen durch die Fußgängerzone. Frust auf der ganzen Linie.

Da fällt Ihr Blick auf die Riesentafel: „Angebotswoche für Rotweine aus Italien! Einmalige Niedrigpreise.“ Kistenweise – das lohnt sich vor allem, da läuft Ihnen schon das Wasser im Mund zusammen. Okay, muss Vati morgen sofort mit dem Wagen hin, sonst ist es zu spät, denken Sie bereits ein bisschen beunruhigt. Und direkt daneben: die Lieblingsschokolade, besonders preiswert im Zehnerpack! Damit die Fernsehabende der Zukunft auch wirklich süß und süffig werden, kaufen Sie wenigstens schon mal ordentliche zwanzig Tafeln ein, man weiß ja nie… Eigentlich hat der Großeinkauf für Essen und Trinken und Haushalt gerade letzten Samstag stattgefunden. Aber, da sehen Sie nun dieses Supersonderangebot von … na zum Beispiel flauschigen Frottéhandtüchern. Schön gefaltet, liegen die zu einem ansehnlichen Turm aufgestapelt, angenehm unaufdringliche Pastelltöne. Sie lassen sich vom Sog der warmen Kaufhausluft ganz hineinziehen ins Innere des Konsumtempels. Sie streicheln mit der Hand darüber, über diesen Stoff, schön weich, wirklich, ach, man müsste jetzt in der Badewanne liegen, in so einem traumhaften Badezimmer, wie in der Reklame… und so preiswert, diese Handtücher denken Sie, 4,90-, die kleinen, 7,80- die größeren. Und wenn Sie gleich zehn auf einmal kaufen, gibt‘s einen Waschlappen gratis! Wirklich günstig. Also, wenn Sie da nicht zugreifen, meine Dame, oder, mein Herr. Ja, und sind nicht die Handtücher zu Hause sowieso schon reichlich alt, haben sie nicht arg an Farbe verloren, in den letzten Jahren? Sehen sie vielleicht gar schon schäbig aus? Haben die Bekannten neulich nicht schon leicht irritierte Blicke geworfen auf unsere Badezimmerausstattung?

Damit wäre die kleine Angstdosis – von wegen Grauschleier – doch schon als böse Botschaft bei Ihnen eingehakt. Superschlau, diese Werbung mit dem schlechten Gewissen. So ein bisschen Shopping, das muss manchmal sein, denken Sie trotzig, und, da kommt Ihnen – vollbepackt mit diesem ach so günstigen Frotté-Stapel – schon das nächste Schnäppchen vors unruhige Auge: Essbesteck in supercoolem Edeldesign: komplett für sechs Personen, mit farbigem Muster auf jeder Gabel, jedem Löffel, jedem Messer; ist ja lustig. Auch die im Sonderangebot: alles zusammen nur 79,90,-. Da kann man nicht meckern. Also rein, in den Laden, und diesen großen Karton mit den neuen Esswerkzeugen gekauft. Wozu hat man schließlich die Kreditkarte… Die werden Augen machen, zu Hause; vielleicht wird dann ja so manche öde Mahlzeit etwas munterer. Aber: glauben Sie das wirklich? Im Ernst, dummerweise erst später, beim nächsten Familienkrach am Abendbrottisch, mit dem neuen putzmunteren Essbesteck, ärgern Sie sich dann, das nützt nun nämlich auch nichts, um die Harmonie langfristig auf Hochtouren zu halten. Im Gegenteil: eigentlich mögen Sie das gute, alte, klassisch schlichte Besteck viel lieber. Abgenutzt ist das doch überhaupt nicht. Das geht doch eigentlich gar nicht kaputt; wenigstens das nicht. Und diese vielen Handtücher  –  ,jetzt wird‘s im Schrank noch enger. Und die alten jetzt ausmisten, die sind doch noch gut, eigentlich möchten Sie sich gar nicht von denen trennen.

So gibt es jede Menge Sachen, die wir uns da anschaffen. Manche Überstunde hängen wir dran. Dann kann ich mir mehr leisten, ich habe, also bin ich, die Menge macht‘s, oder wie? Und so umstelle ich mich in meinen vier Wänden mit all diesen Errungenschaften, möglichst preiswert natürlich. Dass es nur deshalb so billig ist, weil möglichst flinke Hände für geringen Lohn die Sachen in aller Hast zusammenschustern, naja, daran denkt man nur ungern. Und später, wenn man der Dinge überdrüssig ist, weg damit, Kleidersammlung oder Müll, sortiert natürlich. Ja, wir sind die eifrigen Vollstrecker des Turbokapitalismus, denn seine irrsinnige Eigendynamik  basiert ja auf nichts anderem als der „STÜCKZAHL“. Ob nicht derart viel Konsum uns langsam die Poren der Wahrnehmung verstopft, uns zunebelt, uns von anderen Freuden entfernt hält, ja, wir schon gar nicht mehr so genau wissen, was eigentlich sonst noch Spaß macht, außer kaufen, kaufen, verbrauchen, verbrauchen. Dieser Schnäppchenwahn, wo alles so verführerisch glitzert, die vielen Hightech-Geräte eingeschlossen. Oder – hören Sie all diese CDs z.B., die sich – als Sonderangebote vornehmlich – im Regal angesammelt haben, überhaupt noch? Ist doch alles eine Frage der Zeit!

Ja, eben!

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


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