Gedenkobjekte des Projektes „Erinnern für die Zukunft“ in Wien,

„Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt jedoch in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.“ HANNAH ARENDT

Brief des SS-Obersturmführers Karl Kretschmer:

Sonntag, 27. September 1942

Meine liebe Sonja,

Du wirst ungeduldig sein, weil du von mir seit Montag keinen Brief bekommen hast. Ich konnte aber wirklich nicht eher schreiben. Einmal, weil ich in der Zwischenzeit wieder Tausend  Kilometer gereist bin – ( diesmal im Auto, 2 Tage Staub und Schuckelei) und zum andern, weil ich krank bin. Mir ist elend und trostlos zu Mute. Wie gerne würde ich bei euch sein. Ich bin nicht mehr in der Nähe von Stalingrad, sondern mehr nach Norden, in der Mitte der Front. Meine Stimmung ist wie gesagt, sehr düster. Ich muß mich erst selbst überwinden. Der Anblick der Toten (darunter Frauen und Kinder) ist auch nicht aufmunternd. Wir kämpfen aber diesen Krieg heute um Sein oder Nichtsein unseres Volkes. Ihr in der Heimat spürt es Gott sei Dank nicht zu sehr. Da dieser Krieg nach unserer Ansicht ein jüdischer Krieg ist, spüren ihn die Juden in erster Linie: Es gibt in Russland, soweit der Deutsche Soldat ist, keine Juden mehr.
Wenn man die großen Städte West-Russlands hinter sich hat, kommt die unendliche Steppe. Afrika kann nicht schlimmer sein. Das Land ist furchtbar. Nur Staub, Staub und nochmals Staub. Die Menschen vegetieren dahin. Zur Zeit spuckt hier alles, Groß und Klein. Man sieht die Leute den Mund voller Sonnenblumenkerne nehmen, und dann geht es los. Den ganzen Tag. Wie die Papageien. In den Städten habe ich noch etwas Kultur angetroffen. Auf dem Lande ist nichts mehr zu sehen. Alles primitiv. Ich weiß nur noch nicht, wo Stalin die Kriegsmacht und Ausrüstung herbekommen hat: es kann nur sein, dass das gesamte Volk die ganzen 20 Jahre lang nur für den Krieg gearbeitet hat. Anders ist es nicht denkbar.

Soviel über diese Angelegenheit. Nun zum Essen. Ich habe dir immer gesagt, der Soldat hungert nicht. Die Sache hat nur einen Haken. Die Ernährung wird aus dem Lande bezogen. Wenn man die reichen Felder der Ukraine hinter sich hat und in die Steppen kommt, gibt es verschiedenes weniger, z.B. Butter. Die Heeresführung hilft dann durch Konserven. Ich selber habe Glück gehabt, weil wir nur in Anbetracht unserer schweren Arbeit Lebensmittel zukaufen können. Kaufen ist falsch, das Geld gilt nicht, es wird getauscht. Wir sind zufällig im Besitz  von Lumpen, die sehr begehrt sind. Hier bekommen wir alles. Die Lumpen gehörten den Menschen, die heute nicht mehr leben. Du brauchst mir also keine Kleidungsstücke oder ähnliches zu schicken. Was wir  hier haben, reicht noch für Jahre. Besorge mir Salz, und zwar abgepacktes, weißes Salz von Kaisers Kaffee. Wenn ich auf Urlaub komme, will ich mindestens 30 Pfund mitnehmen. Es ist kostbarer als Gold.

Ich schrieb dir, dass ich dir vielleicht einen Persianer besorgen kann. Das wird nichts werden. Einmal bin ich nicht mehr in der Gegend. Außerdem leben die Juden nicht mehr, die damit handelten, und zum anderen, es wollen noch mehr Leute so etwas haben. Ferner habe ich gehört, dass Vermögen dafür bezahlt worden sind. Da kann ich nicht mitmachen. Vielleicht ist uns das Glück doch hold. Heute habe ich das Päckchen Nr. 2 (Butter) und 3(2 Büchsen Ölsardinen, 2 Gummibälle, 1x Tee und 2 Rollen Bonbons für die Kinder abgeschickt.

Nach Einsetzen der Kälte bekommst du gelegentlich , wenn jemand auf Urlaub fährt, eine Gans. Wir sehen hier über 200 Stück herumschnattern, dazu Kühe, Kälber, Schweine, Hühner und Puten. Wir leben wie die Fürsten. Heute am Sonntag gab es Gänsebraten. Am Abend gibt es Täubchen. Die Butter streiche ich dick aufs Brot. Gesüßt wird mit Honig, weil kein Zucker vorhanden ist. Schicke mir leere Büchsen mit Deckel nicht über 100 Gramm schwer, sie werden hier gefüllt und verlötet. Wir können hier Päckchen bis zu 1 Kg in beliebigen Mengen versenden.

Ich bin jetzt dabei, die Geschäfte zu übernehmen. Zur Zeit zähle ich Geld kistenweise, über 110.000,- RM in Rubeln. …

Hart müssen wir hier draußen sein, sonst verlieren wir den Krieg. Mitleid in irgendeiner Form ist nicht am Platze. Ihr Frauen und Kinder in der Heimat hättet, wenn der Feind sich durchsetzen sollte, keine Gnade oder Mitleid zu erwarten. Deshalb räumen wir hier auf, wo es Not tut. Sonst ist der Russe willig, einfältig und gehorsam. Juden gibt es hier nicht mehr.

Hüte mir die Kinder

Mit Wehmut im Herzen

In Liebe Dein Karl

 

 

Kölner Stadtanzeiger, 1989, 

 
Bildquelle Titel:  Doris Antony put it under the GFDL and CC-BY-SA-3.0

Bildquelle Ausriß: Kölner Stadtanzeiger, 1989,

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


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