Deutsche Delikatesse gegen brasilianische Tristesse

Nach dem 3. Tor der deutschen Mannschaft von Toni Kroos in der 25. Minute des Spiels gegen Brasilien hätte man meinen können, im Fernsehen werden Wiederholungen gezeigt. Es waren aber die fast im Minutentakt folgenden und ähnlich ablaufenden Tore 4 und 5.

Zumindest in der ersten Halbzeit bot das deutsche Team eine fußballerische Delikatesse, eine Demonstration auf allerhöchstem Niveau. Wer möchte beschwören, das von einer deutschen Mannschaft je schon mal gesehen zu haben?! Wann wurde eine Mannschaft von höchstem Rang und Namen schon mal in einem Halbfinale in einer solch überlegenen Art und Weise an die Wand gespielt und mit 7:1 besiegt? Noch nie! Wer mag angesichts eines solchen unfassbaren, historischen Sieges noch kritische Anmerkungen machen wollen?

Es sind schlicht zwei Fußballwelten aufeinander geprallt. Auf der einen, deutschen Seite eine Mannschaft, die auf der Basis herausragender  individueller Fähigkeiten in höchster Ge- und Entschlossenheit einen auf den Gegner exzellent abgestimmten Plan, vor Kraft und Selbstbewusstsein strotzend, in die Tat umzusetzen gewillt war. Auf der anderen, brasilianischen Seite eine Mannschaft ohne taktisches Konzept, die sich mit ihrem Gegner in unbegründeter Selbstüberschätzung überhaupt nicht beschäftigt zu haben schien.

Die Seleção hat das Fehlen von Neymar und Thiago Silva und sogar 200 Millionen Brasilianer bemüht, um sich aufzuputschen und glaubte, mit dieser übergroßen, letztlich hinderlichen Emotionalität, mit Härte und vielleicht auch mit Hilfe des Schiris das Spiel gegen Deutschland gewinnen zu können. Nichts davon hat funktioniert. Ein Rückstand oder gar eine mögliche Niederlage waren allem Anschein nach nicht bedacht oder eingeplant, so dass die Mannschaft nach dem frühen und im Minutentakt größer werdenden Rückstand völlig überrascht, hilf- und konzeptlos war, schnell und zunehmend auseinander brach.

Das gelegentliche, aber erfolglose  Aufbäumen in der zweiten Halbzeit ist mehr der verständlichen Drosselung der deutschen Mannschaft geschuldet. Trainer Scolari ist zumindest in diesem Spiel seiner Aufgabe nicht gerecht geworden.

Noch ein Wort zum Schiedsrichter, dessen meiste Kollegen bislang mit Recht so heftig kritisiert wurden. Der Mexikaner Rodriguez hat unauffällig, konsequent und deshalb gut gepfiffen. In der zweiten Halbzeit hat er den wenigen, zudem mehr zaghaften brasilianischen Schwalben unbeeindruckt widerstanden. Der nahezu problemlosen Spielleitung zugutegekommen ist sicherlich auch die Tatsache, dass die deutsche Mannschaft nach zehn Minuten Herr auf dem Platz war und das Spiel bereits nach 26 Minuten entschieden hatte.

Nun sind deutsche Fußballmannschaften mit einer Favoritenrolle, die sich die Löw-Truppe gestern für das Endspiel zwangsläufig angeeignet hat, ob sie will oder nicht, noch nie zu Recht gekommen. Diesmal erscheint es mir aber anders zu sein. Das Auftreten der einzelnen Spieler macht es einem leicht, nicht an der Ernsthaftigkeit der Beteuerung von Kroos „In einem Halbfinale ist noch keiner Weltmeister geworden!“ zu zweifeln. Die Mannschaft hat gestern eine derartige Souveränität im Spiel und danach im Umgang mit dem Ergebnis an den Tag gelegt, dass sie den Endspielgegner, wer immer es sein mag, nicht unterschätzen und mit der gleichen Ernsthaftigkeit, Spielfreude, Einsatzbereitschaft und auch mit dem nötigen Selbstbewusstsein wie im Spiel gegen Brasilien zu Werke gehen wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das dann nicht zum Erfolg führt, wenn es auch ungleich schwerer werden wird.

Übrigens: Falls die Niederländer das Endspiel erreichen, wird mit Interesse zu beobachten sein, wie sich die Spieler des FC Bayern auf ihren Vereinskollegen Robben einstellen, insbesondere wie sie mit dessen zwangsläufigen Schwalben umgehen werden.

 

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Hartmut Schmidt

Der Autor war Fußballspieler, Trainer und Schiedsrichter. Heute analysiert Schmidt die deutsche Bundesliga und den DFB-Pokal mit einem scharfen Blick auf die Leistung der Unparteiischen.


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