Matthias Wissmann

DIE EINLULLUNGSSTRATEGIE DES AUTOPRÄSIDENTEN – EIN ZWISCHENRUF

La Le Lu, nur der Mann im Mond schaut zu, wenn die Autofahrer schlafen. So oder ähnlich geht es dem Leser eines umfangreichen Interviews mit Matthias Wissmann, dem Präsidenten des Verbandes der Automobilhersteller (VDA). Der Verein sollte sich besser als Verband der deutschen Abgasbetrüger bezeichnen. Der Präsident spielt die Rolle als Oberlobbyist seiner Branche wahrlich perfekt: Er weiß nichts, er sieht nichts und er riecht auch nichts. Von den Absprachen seiner großen Mitglieder -von VW bis Daimler- hat Wissmann erst aus den Medien erfahren; eigene Erkenntnisse hat er nicht, warnt jedoch sogleich vor Pauschalurteilen über seine Branche. Fast rührend weist er darauf hin, dass „die Mitarbeiter jeden Tag harte und ehrliche Arbeit leisten“. Recht hat er damit, doch in den oberen Etagen hielten die Vorstände offenbar von der Ehrlichkeit nicht allzu viel. Nur bei ihren Gehältern, Boni und anderen Bezügen brachten sie es zu immer höheren Drehzahlen.

Fast naiv wirken die Hinweise des Autopräsidenten, wenn er betont, dass die Führer der Automobilfirmen „klare Konsequenzen aus den schweren Fehlern der Vergangenheit ziehen“. Und er schreckt nicht davor zurück, auf eine Null-Fehler-Toleranz bei der Produktsicherheit, auf die Rechtstreue und auf die strengen Compliance-Regeln hinzuweisen, die er seiner Branche attestiert.

Allerdings gewinnt niemand außer Matthias Wissmann den Eindruck, dass der Kulturwandel in der Autoindustrie bereits im Gange ist. Die Herstellerfirmen haben in Wirklichkeit Vertrauen verloren, weil sie getrickst, getäuscht und betrogen haben. Ihre zweifellos große Bedeutung als wichtige Branche der deutschen Volkswirtschaft spielten die Autobosse rigoros aus und setzten damit immer wieder auch die Politiker mächtig unter Druck. Es hilft niemandem, wenn nun der VDA-Präsident seinen Mitgliedern eine hohe Innovation, das beste technische Know-how oder gar 34 % aller Patente im Bereich Elektromobilität bescheinigt. Praxis ist eben das, was auf die Straße kommt!

Auch sein rührendes Bekenntnis zum Diesel wirkt mehr als lächerlich. Mag ja sein, dass Wissmann „ihn auch wieder kaufen“ würde, immer mehr Autofahrer werden es ihm nicht nachtun. Natürlich hat dies mit der Software-Manipulation zu tun, die zu der politischen Diskussion über Fahrverbote in Städten geführt hat.

Nicht wundern mag man sich, dass der Präsident der Autoindustrie sich über alte Taxis und Busse ärgert, die zu den hohen Gift-Emissionen in den städtischen Zentren beitragen. Er „hätte nichts gegen eine Incentivierung zur Flottenerneuerung bei Bussen und Taxen“, sagt Wissmann. Er hat wohl kräftige staatliche Subventionen dafür im Hinterkopf und sieht „Bund und Länder in der Pflicht“.

Beim Diesel-Gipfel am 2. August wollen die Auto-Hersteller mit einem „Angebot für eine breite Nachbesserung für Diesel-PKW´s“ aufwarten. Dabei werden Software-Updates das wichtigste Element sein. Die Kosten dafür sollen nicht an den Kunden hängen bleiben, jedenfalls hat Wissmann diesen Eindruck vermittelt. Diese Umrüstung könnte „vom kommenden Jahr an Schritt für Schritt in den Werkstätten umgesetzt werden“.  Das Sterbeglöckchen mag der Oberlobbyist der Autobranche für die Diesel-Technologie noch nicht läuten: „Im mittleren und oberen Segment hat der Diesel mindestens in einer Übergangsphase gute Aussichten, zumal er aus Klimaschutzgründen wichtig ist.“ Angesichts dieser Prognose des Präsidenten Wissmann klingt es geradezu tröstlich, dass seine Mitgliedsfirmen „die Anstrengungen bei den alternativen Antrieben“ weiterhin vorantreiben werden. Mit solchen Schlaftabletten werden sich die Autokäufer vom „Wissmann im Mond“ nicht einschläfern lassen. Das Beben des Riesenskandals wird sie wach halten, zumal sie wissen: Wer einmal lügt (und betrügt), dem glaubt man nicht!

Bildquelle: flickr, Stephan Röhl, CC BY-SA 2.0

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


'DIE EINLULLUNGSSTRATEGIE DES AUTOPRÄSIDENTEN – EIN ZWISCHENRUF' hat einen Kommentar

  1. 1. August 2017 @ 00:03 Dr. Marianne Bäumler

    Danke, Friedhelm Ost für Ihre klaren Worte. Ja: Endlich entsteht durch die öffentliche Diskussion über dieses giftgasige Mega-Symptom eines kranken und krankmachenden Turbokapitalismus – der im Übrigen ganz global die demokratischen Strukturen implizit angreift durch jede Menge Verdummungs-Strategien, um überall durch überflüssige „Angebotsdrogen“ die Leute zum Kaufen und Vergeuden zu animieren – eine erfrischend lebendige Auseinandersetzung über sinnvolle und sinnlose Produkte. Bleiben wir da doch bitte jetzt mal Alle konkret weiter dran. Es gibt so furchtbar viele Aspekte der Zerstörung durch den unheilvollen Tempowahn. Die Frage bleibt: WAS BRAUCHEN WIR WIRKLICH? Und wer entscheidet über dieses Wohl und Wehe? Am besten doch die demokratische Basis!

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