Cricket

Die Geschichte eines Turnvereins – Aufeinanderzugehen und die Chancen für die Integration

Brauchtum hat eine gesellschaftlich integrierende Funktion; da Integration aber keine Einbahnstraße ist, wirkt auch Wandel integrierend. Die Geschichte von einem Turnverein, einer Cricket-Mannschaft und einer Himmelfahrtstradition veranschaulicht die Chancen, die sich aus dem Aufeinanderzugehen ergeben.

Cricket fristet in Deutschland ein Schattendasein. Die Begeisterung, die der Sport vor allem in seinem Mutterland England und in asiatischen Ländern hervorruft, erfasst hierzulande keine Massen. Der Vorstand des Turnvereins Altenvoerde (TVA) stutzte daher, als er die Anfrage nach der Nutzung des vereinseigenen Sportplatzes erhielt. Ein Cricketteam suchte ein Trainingsfeld, fand es in dem Ennepetaler Stadtteil Altenvoerde und startet nun rasant durch. Als Green Tigers wollen die aus Pakistan stammenden Männer zwischen 20 und 40 Jahren die deutsche Cricketliga erobern.

Himmelfahrt ist Familientag

Sie sind dem Turnverein Altenvoerde beigetreten, stellen dort die jüngste Abteilung und öffnen sich auch dem traditionsreichen Vereinsleben des mehr als 130 Jahre alten TVA. Himmelfahrt ist dort seit eh und je nicht Vatertag mit Bollerwagen und Bier, sondern Familientag mit ausgiebiger Wanderung und anschließend gemeinsamem Mittagessen, Spielen, Kaffee und Kuchen.

Seit Urzeiten kochen die älteren Frauen Erbsensuppe im großen Bottich. Sie treffen sich in aller Herrgottsfrühe zum Kartoffelschälen und Gemüseschneiden, rühren unermüdlich, bis die Suppe gar ist und rechtzeitig bei Ankunft der Wanderer serviert werden kann. Für die mühselige Arbeit fanden sich von Jahr zu Jahr weniger Helferinnen. Der Vereinsvorsitzende organisierte in einem Jahr die Lieferung der Suppe aus einer Großküche, doch das gekaufte Gericht verdarb den Mitgliedern den Appetit. Die Tradition stand vor dem Aus, und mit ihr drohte auch die Himmelfahrtswanderung einzuschlafen.

Nun kommt das Cricket-Team ins Spiel. Die junge Vereinsabteilung bot dem Vorstand an, das gemeinsame Mittagessen zuzubereiten. Nicht Erbsensuppe, sondern ein Geflügelcurry mit Reis und Joghurt. Traditionell, nur milder gewürzt als üblich. Ein Entgegenkommen an den europäischen Gaumen. Die Premiere am Himmelfahrtstag gelang. 50 Portionen kochte das Team um Ahmed Mirza (43), den Gründer der Green Tigers, der nicht müde wird, den Einheimischen die Spielregeln seines Sports zu erklären, und doch sagt: „Wenn Sie ein, zwei Spiele gesehen haben, verstehen Sie es besser.“

Berufstätige, Doktoranden und Schüler

Gelegenheiten, Cricketspiele zu sehen, sind in der Region rar. Die Green Tigers haben ein Turnier mit acht Mannschaften veranstaltet, sich dem Deutschen Cricketbund angeschlossen und in der Regionalliga ihre ersten Spiele bestritten. Gegen Aachen, Bielefeld und Düsseldorf. 20 aktive Mitglieder trainieren, wie es die Zeit zulässt. Berufstätige, Studenten, Doktoranden und Schüler funken sich spontan über eine Whatsappgruppe zusammen, legen die von einem Ennepetaler Unternehmen gespendeten Trikots sowie Schutzkleidung und Helm an, richten das Spielfeld her mit Wickets und Bells, üben das Schlagen, Werfen, Laufen und Fangen.

„Thomas Berlin, der Vorsitzende vom Verein, hat zu uns gesagt: Herzlich Willkommen“, erzählt Mirza von den Anfängen vor zwei Jahren. Die Stadt Ennepetal würdigte bei der Sportlerehrung die Cricketmannschaft mit einem Sonderpreis. Himmelfahrt überbrachte der Vorsitzende des Integrationsrats, Giuseppe Bianco, das Geschenk: 30 leuchtend grüne Cricket-Trainingsbälle, die wie Tennisbälle aussehen. „Ein richtiger Cricketball“, erklären die Spieler, „kostet zehn Euro und ist nach einem Spiel verbraucht.“ Statt des regulären Lederballs, verwenden sie im Training tatsächlich Tennisbälle, die sie mit Klebeband umwickeln, um die Festigkeit zu erhöhen.

Was zu Deutschland gehört

„Not macht erfinderisch“, zitierte ein Turnbruder eine deutsche Redensart. Viele Gespräche an den Tischen unter freiem Himmel drehten sich um die Erbsensuppe, viele Komplimente gab es für das neue Mittagessen. Und zusätzlich die Erkenntnis: Was zu Deutschland gehört, wird nicht am grünen Tisch definiert, sondern durch das Leben.

Bildquelle: Wikipedia, http://www.flickr.com/photos/ppym1/87330394/in/pool-41894189698@N01/Prescott  CC BY 2.0

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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