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Die große Unternehmerlücke

Deutschland ist eine erfolgreiche Volkswirtschaft insbesondere dank der vielen mittelständischen Unternehmer. Sie sind sehr innovativ und dynamisch, stellen sich dem Wettbewerb auf den Märkten im In- und Ausland, sie bilden junge Menschen aus und bieten mehr Arbeitsplätze als die großen Konzerne.

Bei der Digitalisierung, die als die größte ökonomische und soziale Revolution bereits im vollen Gange ist, werden mehr denn je zuvor mutige und findige selbständige Unternehmer gebraucht. Doch die Neigung sich selbständig zu machen ist in Deutschland nicht sehr ausgeprägt.

Wenig Lust auf Selbständigkeit

Die Zahl der Neugründungen von Unternehmen sinkt tendenziell hierzulande. Für die meisten Zeitgenossen rangiert die Sicherheit des Arbeitsplatzes ganz obenan. Die deutsche Gesellschaft ist außerordentlich risikoscheu. Eine aktuelle Studie stellte heraus, dass die Bundesrepublik unter den innovationsbasierten Volkswirtschaften bei den Existenzgründungen den vorletzten Platz unter 27 vergleichbaren Ländern belegt. Drei von zehn Studenten streben einen Job im Staatsdienst an. Statt Mut zum Risiko herrscht eine weit verbreitete Angestellten- und Versicherungsmentalität. Der Drang in einigermaßen sichere Arbeitsverhältnisse dominiert. Unternehmergeist wird schon in deutschen Schulen nicht vermittelt. Und das öffentliche Interesse und Bewusstsein für Existenzgründer sind gering.

Fehlende Gründungskultur

Die Soziale Marktwirtschaft ist indessen nur mit Unternehmern funktionsfähig. In Deutschland tut sich inzwischen ein riesiges Defizit auf: Es fehlt an einer stärkeren Gründungskultur. Viele fürchten sich vor dem möglichen Scheitern, wenn sie sich selbständig machen und eine Firma gründen. Zudem steht unsere Gesellschaft Gründern eher kritisch gegenüber. So mag es nicht verwundern, dass die meisten vornehmlich durch Angst vom Gründen abgehalten werden. Natürlich wird nicht jeder Gründer eines Unternehmens erfolgreich sein. Vielmehr muss das Risiko des Scheiterns – aus welchen Gründen auch immer – miteinkalkuliert werden. Vorbild könnten hier die USA sein, die bezüglich einer gesunden Fehlerkultur eine Vorreiterrolle einnehmen und mit dem Risiko des Scheiterns ganz anders als bei uns in Deutschland umgehen. Der Gründungs-prozess ist immer auch eine wichtige Lernphase, denn es gibt eben nicht das perfekte Unternehmen. Deshalb muss probiert und riskiert werden, ein eigenes Unternehmen zu gründen.

Zuwenig Risikokapital

Wer sich hierzulande dazu entschließt, sich selbständig zu machen, der kann vielfältige Beratungs- und Förderprogramme in Anspruch nehmen. Allerdings sind die administrativen Hürden nicht immer leicht zu überwinden.

Mehr Gründerfreundlichkeit wäre da gewiss hilfreich. Vor allem sollten Ausnahmevorschriften für junge Unternehmen gelten und insolvenzrechtliche Erleichterungen eingeführt werden, um Jungunternehmern im Falle eines Falles eine zweite Chance zu geben. Insbesondere brauchen Gründer einen besseren Zugang zu Risiko-Kapital, denn die Mehrzahl derer, die mit guten Innovationen eine Firma gründen wollen, verfügen zumeist nicht über ein ausreichendes Eigenkapital.

Allerdings empfiehlt es sich, vor dem ersten Schritt in die Selbständigkeit wirklich guten Rat zu suchen. Das kann mit Experten eines Kreditinstituts, der Industrie- und Handelskammer und mit sog. Business Angels erfolgen. Eine Gründerwoche veranstaltet in diesen Tagen das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum des Rationalisierungs-Kuratoriums der Wirtschaft (RKW); kreative, innovative und ideenreiche Personen erhalten von den Experten Rat und Tat für den Weg in das Unternehmertum.

Digitale Startups und Chancen

Deutschland braucht mehr Unternehmer in nahezu allen Bereichen – in der Industrie, im Handwerk und Handel sowie im Dienstleistungsbereich. Vor allem in der Digitalwirtschaft wird der erforderliche Wandel nur mit Neugründern gelingen. Große Firmen und Banken sind sogar auf der Suche nach Digitalexperten, die Software-Programme, Fintechs usw. entwickeln. Diese Start ups haben gute Chancen, potente Partner zu finden, Beteiligungskapital zu erhalten und sich auf den Märkten zu behaupten.

Die Jungunternehmer von heute sind die Arbeitgeber von morgen. Sie schaffen neue konkurrenzfähige Arbeitsplätze, auf denen gute Einkommen zu erzielen sind; sie zahlen ebenso Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Die neue Bundesregierung sollte deshalb einen mutigen Beitrag für eine neue Unternehmenskultur leisten. Denn nur so ist es möglich, das Feld zu bestellen, auf dem die nächsten Generationen ernten können. Wenn die Zahl der Neugründungen wieder zunimmt, dann steht Deutschland am Anfang einer guten Zukunft. Die aktuell positive Wirtschaftsentwicklung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Wirtschaft und Gesellschaft neue Impulse im Unternehmerbereich dringend benötigt, um auch die Zukunft erfolgreich zu gestalten.

Bildquelle: pixabay, User geralt, CC0 Creative Commons

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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