Die kleinen Ähnlichkeiten

Die deutsche Fernsehunterhaltung hat die Politik für sich entdeckt. Nicht etwa in unzähligen Talkshows, wie wir sie seit Jahren nun beinahe allabendlich vorgesetzt bekommen. Die Politik ist im mal seichten, mal leichten Fernsehfilm angekommen – und zwar öffentlich-rechtlich ebenso wie privat. (Was im übrigen durchaus doppeldeutig verstanden werden darf.)

So war es eben eine deutsche Bundeskanzlerin, die sich auf Sat.1 auf eine Liebesaffäre mit dem französischen Staatspräsidenten einlässt („Die Staatsaffäre“). Nur kurz zuvor stolperte in der ARD ein führender Frankfurter Medienmacher auf dem Weg ins höchste deutsche Staatsamt über seine allzu ausgeprägte Libido („Männertreu“). Und dann war da noch „Der Minister“ (Sat.1) namens Franz Ferdinand zu Donnersberg, dessen rasanter Polit-Karriere ausgerechnet eine Plagiatsaffäre ein jähes Ende bereitete.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, so wird im Vorfeld der Ausstrahlung derartiger Filme immer wieder gern und mit einem Augenzwinkern beteuert, seien natürlich rein zufällig. Sie sind aber ebenso selbstverständlich gewollt. Und sie markieren einen Trend, der die kleinen und großen Schwächen unserer politischen (und gesellschaftlichen) Elite immer häufiger und mit immer größerer Schadenfreude dem Fernsehvolk zum Vergnügen vorsetzt. Mal besser, mal schlechter, als es die Realität ohnehin schon tut. Aber irgendwie immer in der Tradition von Helmut Dietls wunderbarer Kinosatire „Schtonk“ über die gefälschten Hitlertagebücher.

Denn natürlich geht es nicht darum, ob wir uns das ewige „Superweib“ Veronica Ferres tatsächlich als Bundeskanzlerin vorstellen können, die Sätze sagt wie: „Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass die Leute im Land sicher sind“. Entscheidend ist vielmehr, wie sie in einer kurzen Szene die Hände vor dem Körper zur Raute formt – und schon sehen wir Frau Merkel vor uns, und wir fragen uns, ob sie wohl ebenso schwarze Reizwäsche trägt wie diese adrette Frontfrau mit den langen blonden Haaren und dem Hang zur Schnoddrigkeit…

Natürlich haben wir auch besagten Herrn zu Donnersberg gleich als den einstigen CSU-Aufsteiger Karl Theodor zu Guttenberg identifiziert. Und auch in der Rolle des Machtmenschen mit allzu hohem Frauenverschleiß sehen wir in „Männertreu“ nicht in erster Linie den Schauspieler Matthias Brandt, sondern immer auch ein bisschen seinen Vater Willy Brandt. Und ja, auch der erst jüngst verstorbene FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher scheint irgendwie Pate gestanden zu haben für diese Rolle eines der „letzten großen bürgerlichen Liberalen“.

All die Filme, die zudem in der Regel mit einem erstklassigen Ensemble aufwarten und deren Liste sich leicht fortsetzen ließe, laden den Zuschauer ein zu spekulieren und Parallelen zu ziehen. Da scheint es fast egal, ob es sich wie bei „Männertreu“ um ein erstklassiges Fernsehspiel um das unaufhaltsame Streben nach Macht oder wie bei „Die Staatsaffäre“ lediglich um eine leichte TV-Romanze handelt, oder aber um das noch immer hoch geschätzte Doku-Drama. Dem Publikum gefällt’s, wie die Einschaltquoten mit einigen Ausnahmen wie zuletzt bei der Staatsaffäre beweisen. Und diese dürften die Sender gewiss dazu verleiten, sich weitere Vorbilder in der politischen Realität zu suchen. Derer gibt’s schließlich genug, wie auch der Aufstieg und Fall des Christian Wulff gezeigt hat.

Der Film über seine 68 Tage im Amt des Bundespräsidenten wurde bereits im Februar dieses Jahres ausgestrahlt. Nur ein Jahr nach dem Rücktritt des Präsidenten. Eben ein schnelllebiges Geschäft. Ohne Anspruch auf die vollständige Wahrheit, versteht sich.

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Anja Luckas
Über  

Die Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftlerin publiziert als Journalistin. Sie schrieb unter anderem als Kultur- und Politikredakteurin der Westfälischen Rundschau, wo sie als Nachrichtenchefin arbeitete.


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