Axel-Springer-Hochhaus
Das Axel-Springer-Hochhaus in Berlin. Sinnbild für extensiven Boulevard-Journalismus. Die Ware Sensation bleibt, das Geschäfstmodell ist aber heute stark in Richtung digitale Medien ausgesrichtet.

Die Krise der Medien ist eine Vertrauenskrise

Nur noch vier von zehn Deutschen glauben, was ihnen die Medien täglich vorsetzen. Das hat eine am Donnerstag veröffentlichte Umfrage von infratest/dimap für die „Zeit“ ergeben.

Ein beängstigender Wert für das Vertrauen in unsere Medienlandschaft, kann man sagen. Aber ebenso, ein schön gefärbter Wert für eine Industrie, die an ihrer Aufgabe, Nutzer, Leser, Hörer, Zuschauer zu informieren so gewaltig vorbeigesegelt ist wie heute. Mehr als je zuvor ist das Mediengeschäft eine Branche, die vor allem mit sich selbst beschäftigt ist.

So schnell kann man als Mediennutzer gar nicht gucken, wie ehemals gestandene Zeitungsverlage ihre Namen ändern, ihr Geschäftsmodell umwerfen, ihre Redaktionen zusammenlegen, zusammen streichen und behaupten, damit sei der Qualität gedient. So sehr kann man sich als Rundfunkgebührenzahler gar nicht ärgern, wie dem einen abgehalfterten Talker das Geld nachgeworfen und der nächste für horrende Summen eingekauft wird. Und da gilt es schon als ganz großer Gunsterweis, wenn sich solchen Fragen einer wie WDR-Intendant Buhrow huldvoll stellt.

Über den „Spiegel“ und dessen Niedergang liest man seit Jahren mehr und informativeres, als es die Geschichten im „Spiegel“ über das Geschehen in der Republik und in der Welt bieten könnten. Abgestandene Nachschreibe häufig, die die Zeit des Lesens nicht lohnt. Und Julia Jäckel, die Herrin von Gruner und Jahr, ist froh, dass wenigstens die Klick-Zahlen auf der verlagseigenen Rezeptsammlung „chefkoch.de“ stimmen. Journalismus gar gekocht.
Alles muss auf der Zunge zergehen, leicht kaubar sein, keine Anforderungen an Verbraucher und Rechercheure stellen. Und wenn dann schon mal schwer verdauliches, aber erhellendes im Fernsehen angeboten wird, wird es abgeschoben auf Sendeplätze jenseits von Mitternacht, um nur ja keine Helene-Fischer-Quote für geduldig zahlende Gebührenopfer zu gefährden.

Wenn man erst in die Netzauftritte der regionalen Medien schaut, wird einem noch gruseliger. Boulevard, Boulevard, billig, nur ja kein Geld für Recherche. Diese dünne Suppe hat man der Netzgemeinde jahrelang umsonst anbieten können. Die einen wollen jetzt mehr Qualität und die anderen endlich Geld für ihre Leistungen. Die Anbieter sind sauer, dass sich so viele Trolls auf ihren Websites herumtreiben. Aber einst waren sie gewollt als billiger Nachweis für Publikumsinteresse. Die meisten Verlage haben die Chancen des Netzes schlicht verpennt, haben nicht erkannt, welche Chancen in dieser Kommunikationsrevolution lagen, haben gedacht, so weiter machen zu können wie in der guten alten Printzeit. Statt gemeinsam eine Strategie zu entwickeln, wie man sich gute Nachrichten im Netz bezahlen lassen könnte, hat jeder Verlag vor sich hingewurschtelt und geglaubt, mit Kirchturmsdenken das weltweite Netz und dessen Multis von Google bis Facebook überlisten zu können.

Verleger, Fernsehsender und Journalisten in Deutschland haben sich allzu lange zurück gelehnt und sich ausgeruht auf der Erkenntnis, wie vielfältig und gut die Medienlandschaft in Deutschland gegenüber anderen Ländern sei. Das ist sie, noch!

Und Vielfalt ist in Zeiten der weltweiten Kommunikation kein Wert an sich. Während sich deutsche Verleger mit den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten darüber streiten, wie viel an Nachrichten und Sendungen die im Netz verbreiten dürfen, verschlafen sie einen weiteren Quantensprung. Die Datenmultis Google und Facebook starten ins Nachrichtengeschäft, eine Zeitung wie der britische „Guardian“ operiert weltweit, um mit gewaltigen Investitionen in Recherche international mithalten zu können, um mit den Lesern gemeinsam wichtige Fragen wie den Klimaschutz voran bringen zu können. Gewaltige Nachrichtenmonopole sind im Aufbau. Dagegen sind nationale Web-Auftritte wie tageschau.de oder Spiegel-online nur Fliegenkleckse im Informationsgeschäft der Zukunft.

Wer Glaubwürdigkeit zurück gewinnen will, muss in Recherche investieren, muss endlich wieder mehr, statt immer weniger Journalismus bieten. Die Glaubwürdigkeitskrise, in der die Medien stecken, ist keine Krise des Journalismus. Nein, die Medien stecken in der Krise, weil die Manager in Verlagen und Sendern den Journalismus auf Sparflamme gesetzt, ihn in Teilen gar zugunsten von billiger PR abgeschafft haben

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Der Autor und Redakteur sammelte langjährige Erfahrung in deutschen Printmedien. Heute schreibt Wolf als freier Journalist im Online-Bereich.


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