Die Last mit den Viererketten

Das hat es bei Qualifikationsspielen der deutschen Fußballnationalmannschaft noch nicht gegeben: nach drei Spielen stehen auf der Habenseite nur vier mickrige Punkte, von möglichen neun. Und das als frisch gekürter Weltmeister! Sofort drängt sich die Frage auf, ob der deutsche Fußball in einer Krise steckt?

Die ominöse Zeit nach dem Gewinn eines Titels mit einem zwangsläufigen, anscheinend unabwendbaren Leistungsabfall bei beteiligten Spielern, der Rücktritt dreier  Stamm- und sogenannter Führungsspieler, verletzungsbedingte Absagen, das alles sind gewiss zutreffende, wichtige Argumente für eine erste Erklärung der mageren Punktausbeute; aber reicht das aus, um als akzeptable Entschuldigung gelten zu können? Ich meine nein; und von einer Krise kann man erst dann reden, wenn die Qualifikation nicht geschafft werden sollte, was man sich nun wirklich nicht vorstellen kann!

Bereits die Spiele  in den letzten zwei, drei Jahren und verstärkt die des Turniers in Brasilien haben deutlich gezeigt, wie gegnerische Mannschaften spielerisch überlegenen Teams und damit auch dem deutschen Spielwirbel zu begegnen gedenken:  Abriegelung des eigenen Tores mit in der Regel zwei Viererketten vor oder im eigenen Strafraum. Standardsituationen und überfallartige Konter nach langen Bällen sollen zum eigenen Erfolg zu führen. Eine derartige taktische Einstellung bereitet der anderen Mannschaft grundsätzlich erhebliche  bis unüberwindbare Schwierigkeiten;  alle großen Teams, ob im Verein oder in renommierten Nationalmannschaften, können ein leidgeplagtes Lied davon singen.

In den Spielen gegen den aktuellen Weltmeister wird eine solche Spielweise, die man durchaus als unschön oder gar destruktiv bezeichnen kann, weiterhin und mit größter Konsequenz und Leidenschaft praktiziert werden, das ist kein Geheimnis, man weiß das im Voraus. Der Erfolg heiligt eben die Mittel!

Das einstmals so hervorragend funktionierende schnelle Umschaltspiel, die blitzschnellen Konter, die langen, öffnenden Pässe in die Tiefe, all diese fußballerischen Delikatessen, die den deutschen Fußball in den letzten Jahren geprägt haben, sind kaum bis gar nicht mehr möglich. Das hat sich schon in Brasilien gezeigt und wird angesichts der positiven, zum Teil durchaus glücklichen Ergebnisse und im Überschwang des Titelgewinns großzügig übergangen. Und da setzt meine Kritik an: Die deutsche Mannschaft hat sich noch nicht genug auf diese zu erwartende Spielweise des Gegners eingestellt. Das Motto ist anscheinend: Was kümmert uns der Gegner, wir machen unser Spiel, schließlich sind wir stärker und haben die besseren Einzelspieler!

Das Bemühen ist bei unseren Spielern zweifelsfrei erkennbar, Laufbereitschaft, Einsatz und Wille sind  vorhanden. Im freiwillig überlassenen Mittelfeld wird der Ball fast ungestört hin und her geschoben, gefühlt minutenlange Ballstafetten mit überwiegenden Quer- und häufigen Rückpässen garantieren  60- bis 70%igen und mehr Ballbesitz, ist aber unter dem Strich wenig zielführend.  Das Ganze natürlich möglichst im demonstrativen, berauschenden Direktpassspiel, was häufig, zu häufig aber auch zu Ungenauigkeiten und damit Ballverlusten führt. Mit sturer Einfallslosigkeit wird versucht, mit Kurzpassspiel durch die Mitte, dort wo sich die gegnerischen Abwehrspieler fast auf den Füßen stehen, zum Torerfolg zu kommen. Resultat: kaum bis kein Durchkommen!

Kreativität im Spiel, aber vor allem auch vor (!) dem Spiel ist angesagt.  Auch ein Weltmeister  wird nicht umhin kommen, sich auf ein gegnerisches Bollwerk einzustellen. Was hilft es, wenn Deutschland durchweg wirklich die besseren Einzelspieler hat,  aber nicht in der Lage ist, dieses Potenzial in Torerfolge umzusetzen?

Wo bleiben die Überraschungsmomente bei Eck- und Freistößen? Dass das noch nie unsere Stärke war, ist doch kein Argument.

Geradezu als fahrlässig zu bezeichnen ist die fast totale Vernachlässigung des Flügelspiels, das unbestritten als probates Mittel zur Überwindung einer massierten Abwehr gilt.  Da es nicht mehr zeitgemäß ist, mit „richtigen“ Flügelstürmern zu spielen, sollen diese Aufgabe kreative, schnelle, ballsichere  Verteidiger übernehmen. Diese taktische Variante hat der Bundestrainer aber schon in Brasilien zu den Akten gelegt mit der Begründung, dafür nicht die geeigneten Verteidiger zu haben. Gilt das immer noch, auch für die nächsten Jahre? Wo ist Abhilfe in Sicht? Und wenn Müller der Not gehorchend gelegentlich auf die Flügel ausweicht, fehlt er in der Mitte, das kann es also auch nicht sein.

Bestätigt worden ist aber auch wieder, dass die deutsche Fußballmannschaft sich richtig schwer tut, einer Favoritenrolle gerecht zu werden. Gibt es keinen schnellen Torerfolg, lässt  die für beide Halbzeiten typische anfängliche Begeisterung  nach rund 20 Minuten immer mehr nach und am Ende rettet man sich über die Zeit, wie im Spiel gegen Schottland, oder eben nicht, wie im Spiel gegen Irland.

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Hartmut Schmidt

Der Autor war Fußballspieler, Trainer und Schiedsrichter. Heute analysiert Schmidt die deutsche Bundesliga und den DFB-Pokal mit einem scharfen Blick auf die Leistung der Unparteiischen.


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