Die Woche des „nous sommes Charlie“.

Nous sommes Charlie. So könnte die Überschrift lauten, die uns über den Verlauf der zurück liegenden Woche Auskunft gibt. „Je suis Charlie“ prangt ebenfalls, gedruckt oder handgeschrieben, vor und in Redaktionsräumen, Arztpraxen, Parteizentralen, auf Parkbänken geklebt, in Schaufenster gehängt. Es wundert nicht, dass selbst die NPD oder der „Front Nationale“ mit Marine Le Pen an der Spitze „Je suis Charlie“ skandieren. Die Kanzlerin erweiterte den Blick auf das bis zum Überfall auf die Redaktion „Charlie Hebdo“ weitgehend unbekannte Satiremagazin mit der Erkenntnis: „Der Islam gehört zu Deutschland“. Na, was denn sonst! Das gilt auch für Buddhismus, Judaismus, für Katholiken und Protestanten, denn in diesem Land kann jeder nach seiner Fasson selig werden. Die Verfassung garantiert Religionsfreiheit, die Zeugen Jehovas und andere Sekten eingeschlossen.

Aber was folgt aus dem, was da an Solidarität mit den am Redaktionstisch in Paris ermordeten Journalisten zu vernehmen war, wo selbst der türkische Staatspräsident Arm in Arm mit Hollande und Merkel durch die Straßen an der Seine zog? Selbstredend, um wenig später anzuordnen, allzu öffentliche Solidarität im eigenen Land zu unterbinden, ob gedruckt oder im weltweiten Netz. Montag bei Pegida waren die Demonstranten mit Trauerflor erschienen, um den ermordeten Vertretern der „Lügenpresse“ die letzte Ehre zu erweisen. Das geht durchaus überein damit, im gleichen Atemzug den Zuzug von Flüchtlingen aus den arabischen Krisenstaaten zu kritisieren und die Asylpolitik als Verrat am deutschen Volk zu bewerten.

Die Aufklärung in den Fernsehprogrammen und manchen Zeitungen über Pegida, Legida, Bärgida etc. beschränkte sich wesentlich darauf, Zahlenkolonnen zu veröffentlichen, um herauszufinden, wer mehr Demonstranten auf die Straße bringt. Pegida und seine Ableger oder deren Gegner? Mehrheit ist Mehrheit, also alles in Ordnung? Es spricht sich zugleich langsam herum, dass da in Dresden an jedem Montag auch der gut verdienende Mittelstand seine selbst ernannten Vertreter aus allen Teilen der Republik entsendet. Die Sozialwissenschaft hat ja längst ermittelt, dass soziale Ungleichheit, wie der Soziologe Michael Hartmann nachweist, „kein Thema für die Eliten“ ist.

Auch Bildungs- und Informationsdefizite sind in Dresden breit verteilt, zumal unser deutsches Bildungssystem jedes Jahr bei den Schulabschlüssen dafür Sorge trägt, das Millionenheer bildungsferner Langzeitarbeitlose weiter wachsen zu lassen. Auf zwei Millionen werden allein solche Jugendlichen geschätzt, die ohne Hauptschulabschluss sind, davon etwa zwei Drittel mit Migrationshintergrund und überwiegend männlich. Die OECD kritisiert jedes Jahr, dass in Deutschland der soziale Status der Eltern über Bildung entscheidet. Es fehlen Ganztagsschulen und Lehrkräfte, deren Ausbildung auf die bunter gewordene Einwanderungsgesellschaft rekurriert. Wie soll das funktionieren, überfüllte Klassen mit bis zu 60 Prozent Einwandererkindern und ein Lehrer, der für spannenden Unterricht garantieren soll, an dem alle teilhaben können?

In der Woche der gut besuchten Gegendemos, eingeschlossen die Mahnwache am Brandenburger Tor in Berlin und die Bundestagsdebatte zum Thema, hätte die Bundeskanzlerin Gelegenheit gehabt, den Kommunen jene Unterstützung zuzusichern, die sie in Stand setzen, den Flüchtlingsstrom auch nach Deutschland zu bewältigen. Zu hören waren durchaus Töne, zu denen sich die CSU nicht verstehen würde, die noch alle Ressentiments bedient, um Asylsuchende im Schnellverfahren aus dem Land zu kegeln. Dazu das große Schweigen, auch vom sozialdemokratischen Koalitionspartner, aber dafür Betroffenheitsgebrumm.

Die Kommunen brauchen finanzielle Hilfe, die nur vom Bund kommen kann. Allgemeinplätze hingegen ersetzen keine Flüchtlings- und Asylpolitik, die nicht nur Westeuropa im gesamten vor uns liegenden Jahrzehnt noch beschäftigen wird.

Bildquelle: Titelblatt Charlie Hebdot vom 16.1.2015

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Uwe-Karsten Heye

Der Print- und Fernsehjournalist arbeitete unter Gerhard Schröder als Regierungssprecher bevor er als Generalkonsul nach New York ging. Heye ist Autor mehrerer Bücher und bloggt vor allem zu den Themen Rassismus und Antisemitismus.


'Die Woche des „nous sommes Charlie“.' hat einen Kommentar

  1. 17. Januar 2015 @ 02:48 Milena Büchner

    „…wo selbst der türkische Staatspräsident Arm in Arm mit Hollande und Merkel durch die Straßen an der Seine zog.“
    Nun ja, die prominenten Eliten waren ostentativ gerade mal ein Viertelstündchen medienwirksam mit von der Partie.
    Nach der Performance standen die Limousinen parat, und weg waren sie! Insofern ist die traurige Frage von Heye: “ Was folgt daraus?“ allzu zutreffend.
    „Auf zwei Millionen werden allein solche Jugendlichen geschätzt, die ohne Hauptschulabschluss sind, davon etwa zwei Drittel mit Migrationshintergrund und überwiegend männlich.“
    Ja, das ist wirklich sehr bedrohlich. Ob Frau Merkel das begreift? Ob sie da jetzt umgehend Steuergelder einsetzt, um diese brisanten Aussichtslosigkeiten zu beenden? Die soziale Indolenz unserer Kanzlerin bringt uns unnötig in Gefahr. Was können wir Bürgerinnen JETZT tun, um die Regierung zu einem anteilnehmendem Denken und Handeln zu bewegen?

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