Dortmund gegen Rechts

Dortmund atmet auf. Der Spuk des Nazi-Aufmarschs ist vorüber.

„Die Zivilgesellschaft in Dortmund funktioniert“, resümiert der Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus seine Gegendemonstration, an der rund 3000 Menschen teilnahmen. Weitere etwa 2500 Linksautonome waren in der Stadt unterwegs. Anlass war der „Tag der deutschen Zukunft“, zu dem 900 Nazis, und damit weniger als erwartet, aus dem gesamten Bundesgebiet kamen. Die Demo hatte Michael Brück angemeldet, der für die Partei „Die Rechte“ im Dortmunder Stadtrat sitzt.

So viel Polizei hatte Dortmund lange nicht. Zu einem der größten Einsätze seit Jahren wurden fast 5000 Beamte aus dem ganzen Bundesgebiet zusammengezogen. Ihr Auftrag: ein Aufeinandertreffen zwischen gewaltbereiten Linken und Rechten verhindern.

Im Vorfeld hatte der Dortmunder Polizeipräsident Gregor Lange vor dem Arbeitskreis Christen gegen Rechtsextremismus Kritik an der Haltung der Polizei zurückgewiesen und betont, Demonstrationen von Rechtsextremisten würden „weder von der Polizei noch vom Staat verantwortet“. Der Naziaufmarsch sei nicht abhängig von einer Genehmigung durch die Polizei, stellte Lange die Rechtslage klar. Nach Artikel 8 Grundgesetz und nach Versammlungsrecht sei lediglich die Anmeldung einer Versammlung erforderlich: „Wir haben da gar nichts zu genehmigen, wir nehmen die Anmeldung nur entgegen.“
Seine persönliche Haltung zum Nazi-„Tag der deutschen Zukunft“ formulierte Lange ausdrücklich so: „Ich distanziere mich von dieser Veranstaltung und ihrem Thema. Wir werden uns nach Kräften bemühen, dem demokratischen Protest ein wirkungsvolles Forum zu geben. Deshalb führen wir den Dialog mit den demokratischen Kräften – denn das wahre Kräfteverhältnis in dieser Stadt sieht anders aus, als die Rechtsextremisten uns glauben machen wollen.“

Jutta Reiter, Vorsitzende des DGB Dortmund-Hellweg und eine der Sprecherinnen des Dortmunder Arbeitskreises gegen Rechtsextremismus, unterstrich, dass die Dortmunder Zivilgesellschaft seit vielen Jahren demokratischen Widerstand gegen die hiesigen Nazis leiste. Dafür stehe auch und vor allem der Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus. Er setzt dem „Tag der deutschen Zukunft“ einen „Aufruf zum Tag des multikulturellen Dortmund“ entgegen. „Eure Zukunft endet hier!“, hieß es darin an die Adresse der Nazis gerichtet: „Unsere Stadt bleibt demokratisch, tolerant und weltoffen.“
Mit riesigen Spiegelwürfeln stellten sich Schülerinnen und Schüler aus 14 Dortmunder „Schulen gegen Rassismus“ dem Treiben der Nazis entgegen. Unter der Regie von Michael Eickhoff, Chefdramaturg am Dortmunder Theater bauten sie monatelang an den Barrikade-Bausteinen und trainierten ihren Einsatz. Eickhoff: „Wir wollen den Rechten widerspiegeln, was wir als Zivilgesellschaft bereit sind, ihnen entgegenzusetzen.“

„Wir sind eine weltoffene und solidarische Stadt“, sagte Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) bei der Kundgebung. „Die Braunen gehören auf den Müllhaufen der Geschichte.“ Einen Bogen zur nationalsozialistischen Geschichte schlug der Journalist Rainer Zunder, der an Zwangs- und Sklavenarbeit in Dortmunder Industriebetrieben erinnerte. „Gut 250 Meter Luftlinie von hier“, sagte er vor den Demonstranten bei einem Zwischenhalt an der Rheinischen Straße, „befand sich von Oktober 1944 bis Mitte März 1945 ein Außenlager für weibliche Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar. In dem Lager lebten bis zu 700 Mädchen und junge Frauen, vorwiegend Russinnen und Polinnen, aber auch Deutsche und Angehörige anderer Nationalitäten, unter ihnen viele Jüdinnen.“

Sie gehörten zur „letzten Reserve“ an Arbeitssklaven, die das NS-Regime für die Rüstungsindustrie mobilisierte, führte Zunder aus. „Einer der größten Rüstungsbetriebe überhaupt war die Dortmund-Hörder Hüttenverein Aktiengesellschaft, vor deren ehemaligem Verwaltungsgebäude wir gerade stehen.“

Neben diesem KZ-Außenlager gab es in den letzten Kriegsjahren in Dortmund und Lünen nach Angaben der britischen Militäradministration 64 Lager für fast 25.000 Zwangsarbeiter. Als am 13. April 1945 alliierte Truppen Dortmund besetzten, kam die Befreiung vom Nationalsozialismus für die meisten weiblichen KZ-Häftlinge zu spät. Sie waren wenige Wochen vorher in einem Todesmarsch in das KZ Bergen-Belsen bei Celle geschafft worden. Mehr als die Hälfte der Frauen erlebte die Befreiung von Bergen-Belsen am 15. April 1945 nicht mehr.

An das Buchenwald-Außenlager an der Huckarder Straße 111, wo sich heute eine Außerbetriebliche Ausbildungsstätte der Handwerkskammer Dortmund befindet, erinnert zumindest eine Gedenktafel. An die übrigen 64 Lager in Dortmund und Lünen erinnert nichts mehr.

Seit 2009 hat das rechtsextremistische Spektrum bereits acht Mal zum „Tag der deutschen Zukunft“ gerufen und dies als „Signal gegen Überfremdung“ angelegt. Nach Pinneberg, Hildesheim, Braunschweig, Hamburg, Wolfsburg, Dresden und Neuruppin war nun mit Dortmund erstmals ein westdeutscher Ort dran. Als Veranstalter traten anfangs freie Kameradschaften auf, später mischte auch der Dritte Weg mit seinem elitär-rechtsintellektuellen Anspruch mit, in Dresden und Neuruppin war – sowohl bei den Organisatoren, als auch auf der Rednerliste – ein deutlicher Einfluss der NPD zu spüren. Veranstalter in Dortmund 2016 war die Partei Die Rechte, die bundesweit mobilisierte, um „ein Zeichen gegen die geplante Vernichtung unseres Volkes“ zu setzen. In dem Aufruf, der mit Ängsten spielt und mit falschen Behauptungen Stimmungen schürt, hieß es: „Gemeinsam gehen wir in die Hochburg der Überfremdung. Dorthin, wo Deutsche ihrer eigenen Haut nicht mehr sicher sind, wo fremdländische Drogenclans erbitterte Bandenkriege austragen, wo die Polizei vor der organisierten Kriminalität kapituliert: In die Dortmunder Nordstadt, dem Sinnbild der multikulturellen Gesellschaft. Unser Signal gegen Überfremdung könnte daher an kaum einem anderen Ort besser erstrahlen. Raus auf die Straße, reiht euch ein!“

Die beantragte Demoroute in die Nordstadt hat die Polizei nicht genehmigt, und sie hat den Veranstaltern einen 23-seitigen Auflagenbescheid zugestellt, den diese wiederum für ihre propagandistischen Zwecke nutzten. Der „staatliche Repressionsapparat“ werde sich bis zum Demonstrationstag „sicherlich noch weitere Schikanen einfallen lassen“, hieß es auf der Internetseite DortmundEcho, aber schon jetzt gelte es, „keine Angriffsfläche zu bieten!“ Deshalb solle man „vorsorglich“ das Skandieren dieser Parolen unterlassen: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“; „Ali, Mehmet, Mustafa, geht zurück nach Ankara“; „Wer sitzt im Schrank? Anne Frank!“; „Linkes Gezeter, neun Millimeter“; „Ein Hammer, ein Stein, ins Arbeitslager rein“; „Wir kriegen euch alle“. Und auch dieser Spruch, der den Dortmunder Polizeipräsidenten namentlich attackiert, solle unterlassen werden: „Gregor Lange, aus der Traum, bald sitzt du im Kofferraum“. Besser kann man derlei widerwärtige Parolen nicht verbreiten. Der Kommentar eines gewissen Gemulu auf „DortmundEcho“ kann deshalb auch nicht überraschen: „Die Sprüche kannte ich noch gar nicht. Ich tu mich davon jetz ma janz dolle distanzieren. Janz dolle, wirklich!“ Es folgt ein grinsender gelber Smiley.

Als eine „unerträgliche Provokation“ bezeichnete der Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus den Aufmarsch der Nazis. In seinem Aufruf zur Gegendemo formulierte das breite gesellschaftliche Bündnis der Stadt: „Es muss Schluss sein mit völkischer Gesinnung, nationalistischer Hetze und Rassismus.“ und: „Wir wollen, dass die ideologische Zukunft der Rechten jetzt endet und niemals wieder Wirklichkeit wird.“

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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