Ypern
Ypern, ein Symbol für die Brutalität und Sinnlosigkeit des Krieges.(Aufnahme von 1917)

Ein brückenloser Abgrund – Wo bleibt die Aufarbeitung des Ersten Weltkriegs, der Urkatastrophe des letzten Jahrhunderts?

Dieses Jahr ist ein Jahr des Gedenkens an zwei Katastrophen des letzten Jahrhunderts. Vor 100 Jahren kam es zum Ersten Weltkrieg, vor 75 Jahren zum Zweiten Weltkrieg. Doch von der deutschen Politik ist wenig zu hören, wie an der Ignoranz des Ersten Weltkriegs deutlich wird. Die Frage ist: Aus Geschichtslosigkeit oder aus taktischem Kalkül, einfach wegdrücken und ja keine Schulddebatte? Wer zieht eine Bilanz über den historischen Autismus der deutschen Regierung im Jahr 2014? Warum schweigt die Kanzlerin zum Ersten Weltkrieg?

Mit einem Schuss auf den Erzherzog Franz Ferdinand löste Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 den Ersten Weltkrieg aus. Der neunzehnjährige bosnische Nationalist, der mit der serbischen Führung in Verbindung gebracht wurde, erschoss in Sarajewo den österreichischen Thronfolger. Sein Tod wurde zum Ausgangspunkt für den Tod von 17 Millionen Menschen – zehn Millionen Soldaten und sieben Millionen Zivilisten, für 20 Millionen Verwundete und für unvorstellbares Leid und Elend. Das Attentat in der bosnischen Metropole war das Streichholz, das Europa in Brand setzte. Das Grauen begann am 28.
Juli 1914 mit Österreich-Ungarns Kriegserklärung an Serbien. In den nächsten Jahren standen annähernd 70 Millionen Menschen unter Waffen, an den Kämpfen waren 40 Staaten beteiligt.Der Erste Weltkrieg war die Urkatastrophe für das Jahrhundert der Extreme, wie der britische Sozialhistoriker Eric Hobsbawm das 20. Jahrhundert nannte.

Er machte die Welt zu einem brückenlosen Abgrund. Am Ende brach das europäische Staatensystem zusammen, Weltregionen wurden neu geordnet. Es begann ein langer Weg des Schreckens, der 1918 mit dem Friedensschluss von Versailles nicht wirklich beendet war, sondern sich in den Köpfen fortsetzte. Verstärkt durch die sozialen Erschütterungen der Weltwirtschaftskrise führten in Deutschland die Hypothek der Niederlage und die Wut auf die Pariser Vorstadtverträge nicht zwangsläufig, aber faktisch zu Adolf Hitler und zur NS-Diktatur, zu der Ermordung der europäischen Juden und in den Zweiten Weltkrieg. Es kam mit der deutschen und europäischen Teilung zur zweigeteilten Welt, die erst im historischen Jahr 1989 ihr Ende fand.
Nun also 100 Jahre später. Rund um die Welt, selbst in Kanada, Australien oder Neuseeland wird mit großem Aufwand des Ersten Weltkrieges gedacht. In Deutschland haben die Medien dem Gedenken und Erinnern erfreulich viel Platz eingeräumt. Aber von der Bundesregierung, der politischen und demokratischen Repräsentanz unseres Landes, ist wenig zu hören. Es fehlt die klare Aussage der Bundeskanzlerin, dass es zwar keine deutsche Alleinschuld am Krieg gab, wohl aber eine deutsche Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges und eine deutsche Schuld im Krieg, die bis heute zu wenig aufgearbeitet sind.

Das Schweigen der Kanzlerin ist peinlich

Das Schweigen der Kanzlerin ist irritierend, peinlich und geschichtsvergessen. Wie kann angesichts der Krise in der EU und des Krieges in der Ostukraine einer deutschen Politik vertraut werden, die sich zur europäischen Geschichte nicht bekennt? Die Bundesregierung müsste mehr denn je europäisch ausgerichtet sein, zumal sie der stärkste Akteur in der EU ist, aber ist sie das?

Seit der Gefallenenrede des Athener Staatsmanns Perikles sollte das Gedenken an Krieg und Tote die Quelle außenpolitischer Sensibilität sein, ein wichtiger Beitrag zu einer Kultur der Freiheit und des Friedens. „Das Geheimnis der Versöhnung liegt in der Erinnerung.“ Was Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 in seiner eindrucksvollen Rede aus dem Buch von Thorwald Ritter über die Juden von Klein-Krotzenburg und Hainstadt zitierte, gilt auch 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg.

Angela Merkel ist kein Willy Brandt, ein Kniefall ist von ihr nicht zu erwarten. Aber auch sie darf nicht schweigen zur deutschen Schuld am Ersten Weltkrieg und auch nicht zur deutschen Schuld im Krieg. Es ist eine wichtige Aufgabe, sich zur eigenen Geschichte zu bekennen, aber das ist offenkundig nicht die Sache dieser Bundesregierung. Außer einer Gedenkfeier im Bundestag kam das offizielle Deutschland im wesentlichen nur zu zwei Auftritten des Bundespräsidenten im Ausland, wobei Joachim Gauck allerdings wenig über die Kriegsschuld sprach, sondern eine kämpferische EU anmahnte. Es soll wohl nicht nur eine unbequeme Debatte vermieden werden, der Erste Weltkrieg wird zum Anlass für die Warnung vor einem vermeintlich naiven Pazifismus genommen, den sich Deutschland nicht leisten dürfe.

Die Kanzlerin sagt nichts zu der erneut aufgebrochenen Kriegsschulddebatte, obwohl die Widerlegung oder zumindest die Relativierung der „Alleinschuld“, die angeblich 1918 den Deutschen aufgebürdet wurde, lange nicht mehr so massiv war wie heute. Wo zielt diese schiefe Debatte hin? 17 Millionen Tote und keiner soll Schuld gewesen sein? Warum diese Verdrehung der Geschichte?
Niemand der Siegermächte von 1918 hat die These von der Alleinschuld Deutschlands vertreten. Aber sie hat dennoch in unserem Land und in Europa eine böse Rolle gespielt. Aber sie ist eine Legende, den angeblichen Alleinschuldparagraphen gibt es nicht. Im Artikel 231 des Vertrages heißt
es: „Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.“ Der Versailler Vertrag, in dem schwere, ja kaum erträgliche Lasten Deutschland auferlegt wurden, war ein Kompromiss zwischen den Entente-Mächten. Die Franzosen zeigten sich sogar enttäuscht, weil sie weitergehende Forderungen nicht durchsetzen konnten.

Der Schlüsselbegriff ist nicht Kriegsschuld

Der Schlüsselbegriff ist nicht Kriegsschuld, sondern Angriff. Und der erste Angriff war am 29. Juli 1914 die Kanonade der serbischen Hauptstadt Belgrad durch die Wiener K.u.K.-Flotte. Im Westen begannen die Kampfhandlungen am 2. August mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Luxemburg und am 3. August in Belgien. Das Bild sähe etwas anders aus, wenn man Kriegserklärung und Mobilmachung bereits als Angriff verstünde. Österreich begann am 25. Juli 1914 mit der Teilmobilmachung, am 28. Juli folgte die Kriegserklärung an Serbien. Am 29. Juli folgte die russische Mobilmachung. Deutschland machte am 1. August 1914 mobil – wie auch Frankreich.

Der simple Wortlaut des Versailler Vertrages und die komplexen Gründe des Angriffs fallen auseinander. Die Alleinschuldthese ist aber ein irreales Konstrukt, das in der deutschen Geschichte viel Unheil angerichtet hat.
Gleich Ende 1918 wurde ein gut ausgestattetes Kriegsschuldreferat im Auswärtigen Amt eingerichtet, das bis 1932 mit einer breit angelegten Propagandatätigkeit insbesondere den „Untersuchungsausschuss für die deutschen Schuldfragen“ davon abhalten sollte, belastendes Material zu veröffentlichen.

In Wahrheit waren es 1914 keine „Schlafwandler“, wie der unangemessene Bestsellertitel von Christopher Clark heißt, die die Welt in den Krieg geführt haben. Neuseeländer, Amerikaner, Belgier – alles Schlafwandler? Was müssen unsere europäischen Nachbarn denken, wenn in Paris die deutsche Botschafterin Clark einlädt, um einem ausgesuchten Publikum den Ersten Weltkrieg zu erklären? Hermann Hesse gab im Steppenwolf die passende
Antwort: „… natürlich sind sie selber vollkommen unschuldig: Der Kaiser, die Generäle, die Großindustriellen, die Politiker, die Zeitungen, niemand hat irgendeine Schuld! Nur liegen ein Dutzend Millionen totgeschlagener Menschen in der Erde.“ Die Verursacher und Verlierer des Ersten Weltkriegs brauchten die Alleinschuldlegende, um von ihrer Verantwortung abzulenken und dem deutschen Volk das Empfinden einer abgrundlosen Ungerechtigkeit einzuimpfen. Noch einmal Hermann Hesse: „Und das Ziel und Ende von dem allen ist wieder der Krieg, ist der nächste, kommende Krieg, der wohl noch scheußlicher sein wird, als dieser es war.“ Das schrieb er im Jahr 1927, und so kam es auch.

Deutschland hat auf den Knopf gedrückt

Österreichs Kaiser Franz Joseph entfesselte den Krieg. Zuvor versicherte er sich der bedingungslosen Unterstützung Deutschlands, denn sonst hätte er sich nicht getraut, den Krieg zu beginnen. Er brauchte einen starken Bündnispartner. Berlin sagte ja. Anders als unter Reichskanzler Bismarck, der Konflikte mit Diplomatie entschärfte, gab es 1914 in Deutschland keinen politischen Willen zur De-Eskalierung. Beide Mächte – Österreich-Ungarn wie Deutschland – sahen den Krieg als „Befreiungsschlag“ an. Kaiser Wilhelm II und eine kleine Clique in der Reichs- und Armeeführung wollten den Krieg, weil sich das wirtschaftlich gewaltig aufstrebende Deutschland auf dem Weg zur Weltmacht sah, die von den führenden Kolonialmächten jener Zeit ausgegrenzt würde. Die Habsburger wollten den Bedeutungsverlust der Doppelmonarchie stoppen Ein diplomatisches Vorspiel, das als „Julikrise“ in die Geschichte einging, hatte das Ziel, Russland, den Verbündeten Serbiens, als Hauptangreifer hinzustellen und herauszufordern sowie Großbritannien neutral zu halten, wie dies erstaunlich offen der Chef des kaiserlichen Marinekabinetts in sein Tagebuch schrieb. Die geheime Mobilmachung der deutschen Flotte war längst angelaufen, als am 29. Juli 1914 Wien seine Truppen in Gang setzte. Schon in den ersten Monaten drehte sich die Spirale der Gewalt immer schneller. Der Krieg begann mit Pickelhauben, Bajonetten und wehenden Fahnen und wurde zur Vernichtungsorgie schier endloser Stellungskriege, grauenhafter Grabenkämpfe und bestialischer Abnutzungsschlachten in Belgien und Frankreich, in der junge Menschen hemmungslos ins Feuer geschickt wurden. Mann gegen Mann mit den grausamen Waffen des Industriezeitalters, verantwortet von alten Männern, die noch in einer monarchistischen Welt lebten.

Russland unterstützte Serbien und Frankreich die Russen. Das lieferte der deutschen Reichsführung den Vorwand, die neutralen Länder Luxemburg und Belgien zu überfallen, um über diesen Weg in Frankreich in Richtung Paris einzumarschieren. Nach der Einnahme von Lüttich begann die eigentliche Großoffensive, die den Festungsgürtel zwischen Belfort und Verdun umgehen sollte. Die Briten verhielten sich allerdings nicht neutral, wie der deutsche Botschafter in London unermüdlich vor Kriegsbeginn gewarnt hatte.

Innerhalb weniger Tage war die rote Linie überschritten, Ende August 1914 war aus der lokalen Krise ein Kontinentalkrieg geworden. Und in der deutschen Heimat kam es erstmals zu einer ausgeprägte Kriegsökonomie, in der die ganze Gesellschaft auf die Gesetze des Militärs ausgerichtet wurde.

Deutschland glaubte an den wahnwitzigen Schlieffenplan, der sich als kompletter Irrsinn erwies. Alfred Graf von Schlieffen wollte in einem Zweifrontenkrieg die französischen Befestigungen umgehen, das Heer im Rücken angreifen und dann innerhalb weniger Wochen die deutschen Truppen nach Osten verlegen. Schon in Belgien stieß die Offensive auf massiven Widerstand und der Vormarsch geriet im September 1914 ins Stocken. Auch die russische Armee rückte schneller als erwartet vor. Bereits am 18. November 1914 eröffnete Kriegsminister Erich von Falkenhayn Reichskanzler Bethmann Hollweg, der Krieg sei verloren. Aber ein Umdenken, ja ein Abbruch der Kampfhandlungen, gab es nicht, nach schon Hunderttausenden Toten wurde weiter auf Angriff gesetzt. Die Militärs übernahmen endgültig die Macht. Rund die Hälfte der gefallenen Soldaten wurde Opfer des Artilleriefeuers. Unzählige von ihnen erstickten in Schützengräben an dem neu entwickelten Giftgas, das erstmals von der deutschen Wehrmacht am 22. April 1915 an der belgisch-französischen Grenze eingesetzt wurde. Die Erde um die französische Festung von Verdun wurde zum größten Leichenfeld des Kontinents. Dort starben in einem zehnmonatigen Gemetzel zwischen 350.000 und 800.000 Soldaten. In diesem Krieg fanden mehr Briten und Franzosen den Tod als im Zweiten Weltkrieg.
In Europa gingen die Lichter aus, wie der britische Außenminister im Sommer 1914 prophezeite. Die Menschen litten Hunger und Not. Karl Kraus gab seinen erschütternden Kriegsreportagen den Titel „Die letzten Tage der Menschheit“. Die Kriegseuphorie schlug in Angst und Grauen um.

Der Krieg blieb nicht auf die europäischen Schlachtfelder begrenzt, sondern breitete sich wie ein Krebsgeschwür aus in den Kolonien, im Nahen Osten und auf hoher See. Für den unbeschränkten Seekrieg kam es im Skagerrak zur größten Seeschlacht aller Zeiten. Selbst Schiffe neutraler Staaten waren nicht sicher. Im dritten Kriegsjahr wurde der U-Bootkrieg verschärft. Auch deshalb erklärten die USA am 6. April 1917 dem deutschen Reich den Krieg. Im Sommer 1918 kämpften zwei Millionen amerikanische Soldaten an der Westfront gegen ausgeblutete deutsche Truppen.
Am 11. November 1918 wurde um fünf Uhr morgens im Wald von Compiègne der Waffenstillstand unterzeichnet. Vier Jahre nach dem ersten Schuss sah die Welt anders aus. Weggefegt waren die Monarchien in Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland, das Osmanische Reich war auseinandergebrochen. Das Weltsystem imperialer Interessen war am Ende, es kam zu Umbrüchen und in Russland zur Oktoberrevolution. Weltweit stiegen die USA zur führenden Macht auf, das fortan dem britischen Empire den Rang ablief.

Unfähig, die Welt zu ordnen

Wie konnte es zu den Verirrungen und Verbrechen kommen? Das Ancien Regime vor 1914 war in vielen Ländern von einem Denken geprägt, das im Imperialismus eine Entwicklungs- und Überlebensfrage sah, in der das „alte Europa“ zu klein war. Die Welt des Adels und des Militärs war nicht vereinbar mit der massiven Industrialisierung, dem Aufstieg der Ingenieurwissenschaften, dem raschen Wachstum der Städte und der tiefen Umwälzung der Sozialstrukturen. Die alte Ordnung stieß mit der Wucht von Kontinentalplatten auf die neue Zeit der Zweiten Industriellen Revolution.
Der tief sitzende Nationalismus wurde nicht nur in Deutschland explosiv. Doch hier sah sich das Land von imperialen Mächten unterdrückt, ja eingezwängt, obwohl es sich durch den eigenen wirtschaftlichen Aufstieg anderen überlegen fühlte.

Der Historiker Gerd Krumeich sieht natürlich die „weitergehende Verantwortlichkeit, die alle imperialistischen Mächte betrifft“, aber es bleibt die entscheidende Frage: Wer hat 1914 „auf den Knopf gedrückt“? Das war eindeutig Deutschland. Bei seinem modernen Rüstungsstand suchte die nationalistische Grundstimmung im aufstrebenden Deutschland einen Vorwand für den Krieg, er sollte dem Land mehr Macht und Raum bringen. Der Krieg wurde zur Sache verantwortungsloser Militaristen, die sogar ethnische Säuberungen an der flandrischen Küste Frankreichs und Belgiens wollten, um altgediente deutsche Soldaten als Küstenschutz gegen England anzusiedeln. „Besser jetzt als später“ hieß die Devise von Generalstabschef Helmuth von Moltke. Schon im Mai 1914 drängte er darauf, „den Krieg zu beginnen“ und brüstete sich noch 1916 damit, ihn selber „vorbereitet und eingeleitet“ zu haben.

Seit dem Sieg Preußens im deutsch-französischen Krieg und der Reichsgründung von 1871 fühlte man sich den Franzosen überlegen, bewertete das russische Zarenreich als Riese auf tönernen Füßen und empfand sich gegenüber den Briten benachteiligt, deren Empire ein Viertel der Landflächen der Erde ausmachte, deren Wirtschaftskraft aber zu sinken begann. Zudem sah sich die Mittelmacht Deutschland eingekreist, bedrängt vor allem von Frankreich und Russland in seinen Entfaltungsmöglichkeiten.
Als neue wirtschaftliche Großmacht fühlte sich das Land berufen, zur großen Kolonialmacht aufzusteigen und einen „Platz an der Sonne“ zu erobern. Schon 1911 forderte der Deutsche Wehrverein unverhohlen: „Ein vorwärtsstrebendes Volk wie wir, dass sich so entwickelt, braucht Neuland für seine Kräfte. Und wenn der Friede das nicht bringt, so bleibt schließlich nur der Krieg.“ Aus Patriotismus wurde Hass und Feindschaft, gepaart mit einem überschäumenden Militarismus, obwohl die Königshäuser eng verwandt waren und sich immer wieder gegenseitiger Freundschaft versicherten. Es war eine Zeit, in der die Grenze zum aggressiven Nationalismus löchrig wurde, der mit dem Segen der Kirche in Deutschland nahezu eine religiöse Überhöhung annahm. In keinem anderen Land hieß es so laut „Bereit zum Krieg!“. Der flehende Appell von Hermann Hesse „Oh Freunde, nicht solche Töne“ blieb ungehört.

Der Krieg war keine bloße Verkettung unglücklicher Ereignisse. Maßgebliche Kräfte steuerten auf ihn zu. Bereits 1913 bewilligte der Reichstag eine Versechsfachung der Heeresstärke. Kaiser Wilhelm gab die Parole aus: Wir kennen nur noch Deutsche. Im August 1914 stimmte nach anfänglichen Protesten und Demonstrationen ihres linken Flügels auch die Sozialdemokratie den Kriegskrediten zu und das fand in der Arbeiterschaft eine breite Zustimmung.Der schlimmste Auswuchs geistiger Verirrung und moralischen Versagens war im Oktober 1914 die Erklärung der deutschen Hochschullehrer, die von mehr als 3.000 Professoren unterzeichnet wurde. Darin wurde der Krieg als „Verteidigungskampf deutscher Kultur“ gerechtfertigt.

Dinant – die erste Märtyrerstadt

Es geht nicht nur um die Schuld am Krieg, sondern auch um die Schuld im Krieg. Das Grauen gegen die Zivilbevölkerung begann schon am 23. August 1914. Keine vier Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam es im belgischen Dinant zu einem Massaker an der Zivilbevölkerung, das dem Ort den Titel der ersten Märtyrerstadt Belgiens einbrachte. In der wallonischen Kleinstadt an der Maas wüteten Soldaten der III. Sächsischen Armee. Der Anlass war ein Schusswechsel in der Rue St. Jacques. Eine Patrouille hatte in einem Café Licht entdeckt und Granaten in das Haus geworfen. Später fand der Stadthistoriker heraus, dass es sich dort um zechende deutsche Soldaten handelte, die zurückschossen, weil sie einen Angriff von Freischärlern vermuteten. Die deutsche Heeresführung reagierte mit brutaler Gewalt: Zwei Drittel aller Häuser der Stadt wurden in Schutt und Asche gelegen, 674 Zivilisten getötet, darunter viele Frauen, Alte und Kinder. Bürger der Stadt wurden als menschliche Schutzschilder ins Kriegsfeuer gejagt, 400 Unschuldige nach Kassel deportiert.

Dinant war der Auftakt eines Rachefeldzuges gegen den Widerstand im überfallenen Belgien, das sich zu wehren wagte. Allein in den ersten drei Monaten des Ersten Krieges kam es in unserem Nachbarland zu 5.500 Hinrichtungen, zu willkürlichen Zerstörungen ganzer Ortschaften und zur Vernichtung unersetzlicher Kulturgüter. Das Massaker in Dinant war der größte dieser Gewaltausbrüche, ein blutiges Fanal. Doch wo blieb die deutsche Entschuldigung? Warum wurde der 100. Jahrestag nicht dafür genutzt? Als Geste der Versöhnung lud bereits vor einem Jahr Richard Fournaux, Dinants Bürgermeister, Angela Merkel zum 100sten Jahrestag der Gräueltat ein. Am 23. August 2014 war das belgische Königshaus in der Kathedrale von Dinant, ebenso Vertreter der dortigen Regierung. Die Bundeskanzlerin ließ noch vor ihrer Neuwahl Ende 2013 mitteilen, ihr sei eine Teilnahme nicht möglich. Es kam auch kein anderes Mitglied der Bundesregierung nach Dinant.

Für das Verbrechen gab es keine deutsche Entschuldigung. Dennoch gibt es in Belgien, das als neutrales Land 1914 brutal überfallen wurde, keine deutschfeindliche Stimmung. Aber das Land ist beunruhigt. Paul Breyne, der belgische Generalkommissar für den Ersten Weltkrieg, meldete sich bei seinem früheren deutschen Kollegen, Guy Feaux de la Croix, der nur kurze Zeit die Aufgabe des Sonderbeauftragten im Auswärtigen Amt übernehmen konnte. Er zeigte sich besorgt über einen am 4. Januar 2014 in der WELT erschienenen Artikel „Warum Deutschland nicht allein schuld war?“. Darin steht der schreckliche Satz: „Was blieb dem Deutschen Reich anders übrig als los zu schlagen?“. Und zu dem völkerrechtswidrigen Überfall auf Belgien heißt es dort: „In den englischen und französischen Kriegsstrategien war Belgien ebenso wenig tabu gewesen.“ So also war das: Hätte man die Dame nicht vergewaltigt, wären andere über sie hergefallen. Wie tief kann man nur sinken?

Statt Trauerjahr ein Trauerspiel

Zurück zum Schweigen der Bundesregierung: Es hätte gut getan, klare Gesten und Symbole der Aufarbeitung und des Gedenkens zu zeigen. Während es in Belgien, Frankreich oder Großbritannien eindrucksvolle Veranstaltungen gab und gibt, passiert in Deutschland fast nichts. Dabei hatte Anfang des Jahrzehnts der damalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy die Bundeskanzlerin frühzeitig auf die geplanten Aktivitäten hingewiesen und sie gebeten, dass auch Deutschland sich stärker beteiligt.
Im Außenministerium von Guido Westerwelle wurde ein Sonderbeauftragter für den Ersten Weltkrieg eingesetzt, der im Rahmen bescheidener Finanzmittel am 29. November 2012 seine Vorschläge („Geschehenes und Veranlasstes, Notwendiges und Empfehlenswertes“) machte. Daraus folgte nichts, denn der Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt für Auswärtige Kulturpolitik, Dr. Hans-Ulrich Seidt, stoppte die Aktivitäten mit den plumpen Behauptungen, man gehöre nicht zu dem Kreis der Sieger und es sei genug über die deutsche Schuld geredet worden. Das ist übrigens derselbe Dr. Seidt, der 1999 zusammen mit dem NPD-Ideologen Olaf Rose das Buch von Alexander Swetschin über Clausewitz übersetzt, eingeleitet und herausgegeben hat. Es geht nicht um das Buch, sondern um die Zusammenarbeit, die wahrlich nicht für politische Sensibilität spricht.

Wird das Trauerjahr 2014 ein Trauerspiel? Auf jeden Fall, wenn ein revidiertes Geschichtsbewusstsein soweit geht wie das der vier Historiker in der WELT, die dort die steile These aufstellten, Großbritannien habe ohne Bündniszwang in einen Kontinentalkrieg eingegriffen und ihn so erst zum Weltkrieg gemacht. Britische Weltkriegsschuld also?

Was steht auf dem Spiel? Das große, friedensstiftende Werk der europäischen Integration ist, auch weil es wirtschaftlich und ideologisch seit der Finanzkrise von 2008 massiv verengt wurde, ins Stocken geraten, gefährdet von ungelösten Konflikten im Inneren wie nach außen. Soziale Unterschiede nehmen wieder zu, neue Spaltungen zeichnen sich ab. Und noch immer wird Europa nicht als Ganzes gesehen, sondern auf eine westeuropäische Identität und Kultur eingegrenzt. Das ist ein Grund für die Spannungen mit Russland.
Das ist weit weg von dem, was heute angebracht wäre: Die Umkehrung des Militarismus und der neuen Aufrüstung. Dabei müsste die Lehre aus der europäischen Geschichte heißen: Wer den Frieden will, muss Frieden schaffen – nicht nur in der EU, die sich durch eine absurde Austeritätspolitik den Kontinent zwischen Nord und Süd spaltet und in Europa neue Konflikte schafft, sondern im gesamten Europa durch die Zusammenarbeit aller Staaten auf Augenhöhe.

Das europäische Friedenswerk ist noch lange nicht vollendet. Wir brauchen noch viel Vertrauens- und Verständigungsarbeit für einen Weg, den Europa der Welt vormacht und der zeigt, wie großartig eine Welt sein kann, die weder Mangel noch Überfluss, sondern vor allem Freiheit und Gerechtigkeit kennt.

Bildquelle: Frank Hurley [Public domain], via Wikimedia Commons

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Michael Müller

war SPD-Bundestagsabgeordneter und stellvertretender Fraktionschef der SPD. Heute ist Müller Vorsitzender der NaturFreunde und leitet die Kommission zur Sicherung der Lagerung hochradioaktiver Abfälle.


'Ein brückenloser Abgrund – Wo bleibt die Aufarbeitung des Ersten Weltkriegs, der Urkatastrophe des letzten Jahrhunderts?' hat einen Kommentar

  1. 1. November 2014 @ 14:53 Lukas R.

    Der Autor des Artikels unterschlägt die russische Generalmobilmachung, die sich nicht nur gegen Österreich-Ungarn, sondern auch gegen Deutschland richtete und nach einem Besuch des Franzosen Poincaré in Sankt Petersburg zu einer Zeit verabschiedet wurde, wo noch nicht einmal Österreich voll mobil gemacht hatte. Nach der Logik der damaligen Zeit, die aus (wie wir heute, aber eben erst heute wissen) falschen Motiven den entscheidenden Faktor in einem militärischen Konflikt in der Geschwindigkeit der Mobilisierung sah, hat also in der Tat Rußland mit französischem Wohlwollen auf den Knopf gedrückt.
    Weiterhin wird zwar hier und anderswo gebetsmühlenartig der Angriff über belgisches Territorium erwähnt, für den sich der deutsche Kanzler Bethmann-Hollweg übrigens im Vorfeld entschuldigt und für einen späteren Zeitpunkt eine Entschädigung in Aussicht gestellt hat, der Bruch der griechischen Neutralität durch GB, die völkerrechtswidrige Seeblockade Deutschlands und der Bruch der Kongoakte durch die Entente finden jedoch mal wieder keine Erwähnung. Dennoch hat der Autor recht, wenn er sagt, daß die deutsche Erinnerungskultur unwürdig ist. Nicht weil Deutschland eine angebliche Hauptschuld an dem Konflikt gehabt hat, die außer von ewiggestrigen Anhängern Fritz Fischers (dessen zumindest karrieristisches wenn nicht überzeugtes Agieren im NS-Staat einmal ernsthaft aufgearbeitet werden sollte), wohl niemand ernsthaft vertreten kann, sondern weil alle Fehler gemacht haben, und sich dieses Schlachten in Europa nie wiederholen darf. Es ist in diesem Zusammenhang auch nicht falsch, erst einmal vor der eigenen Haustür zu kehren und Rückschlüsse für die heutige Außenpolitik zu ziehen. Einseitige deutsche Schuldbekundungen im Ausland, die von den anderen, die Schuld auf sich geladen haben, nicht erwidert werden, sind dagegen unangebracht.

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