Ein Meister kämpft gegen den Abstieg

Die „Süddeutsche Zeitung“ machte gerade mit einem Bild des BVB-Trainers Jürgen Klopp auf: Der Meistertrainer blickte in den dunklen Abendhimmel. Daneben stand die Zeile: Ganz unten. Für Klopp und den Verein vom Borsigplatz ein neues, ein schlechtes Gefühl. Nach zwei Deutschen Meisterschaften, dem Pokalsieg, dem Erreichen des Champions-League-Finales in London, das man gegen die Bayern knapp verlor, einem zweiten Platz in der Bundesliga nun also der letzte Platz. Kopfschütteln in Dortmund und nicht nur da.

Finanziell gesund, aber sportlich auf Talfahrt

Dortmund, der Klub mit dem schnellen, überfallartigen Spiel, dem Trainer, der an der Linie hin- und hersaust, der die Säge macht, wenn die Schwarz-Gelben wieder mal ein Tor geschossen haben, der Mann, der die Faust in die Luft fliegen lässt, sich mit Schiedsrichtern anlegt und eine Miene zeigen kann, die angsteinflößend ist, ein Trainer, gefragt in aller Welt und geschätzt und beliebt. Auch er weiß nicht weiter.

Vor ein paar Tagen feierten sie für die ein paar Hundert Beschäftigten im Klub ein kleines internes Weihnachtsfest in Dortmund. Fragende Gesichter überall, der Geschäftsführer Watzke gezeichnet von der Krise, ausgerechnet er, der gerade noch die finanzielle Erfolgsbilanz des BVB geschildert hat: Seht her, keine Schulden mehr, wir sind auch finanziell wieder Spitze. Ein schneller Aufstieg nach dem tiefen Fall vor ein paar Jahren, als der Verein fast pleite war. Und jetzt das!

Rätsel über Rätsel. Niemand weiß den Weg aus dem Keller, kennt die Gründe. Die Verletzten-Liste kann es allein nicht sein. Sicher, mit einem Hummels, der fit ist und einem Schmelzer und Blaszczykowski, einem gesunden Gündogan… Diese Sätze der Hoffnung kennt man in Dortmund. Aber das hilft nicht mehr weiter. Die aktuell nicht verletzten Spieler müssen es richten. Wer hätte das gedacht? Letzter Platz. Gegentore, die ein jedes Kabarett außerhalb von Dortmund schmücken würden. Da spielt der Verteidiger den eigenen Torwart so elegant aus, dass der Gegenspieler nur noch einschieben muss.

Dortmund, der neue Lieblingsgegner?

Mit dem Wort „Früher“ muss man in der Gegend der Westfalenhalle-gleich dahinter liegt das Stadion- keinen Satz beginnen. „Hör bloß auf“, kriegt man schnell zur Antwort. Früher, unverschämt, noch vor einem Jahr konnte der BVB jede Mannschaft der Welt schlagen, von wegen früher. Und in der Bundesliga betraten die Spieler des Gegners den Rasen des Dortmunder Stadions mit schlotternden Knien, weil sie den Ansturm des BVB fürchteten, die schnelle Spielweise. Das ist vorbei, niemand hat mehr Respekt vor der einstigen Meistermannschaft, jeder kann inzwischen Dortmund schlagen.

Gut, man hat erst Götze an die Bayern verloren, dann Lewandowski. Schwer zu ersetzen, das wusste Jürgen Klopp, den sie lieben in Dortmund, weil er einer der ihren ist, ein Kämpfertyp, der nicht aufgibt, nicht einfach davonläuft. Nein, er wird nicht hinwerfen, solange man ihn braucht, solange keiner aus der Führung ihm bedeutet, seine Zeit wäre vorbei. Einem wie ihm wollte Watzke ja vor einiger Zeit noch einen Rentenvertrag anbieten.

Klopp passt zu Dortmund, bodenständig wie er spricht, klare Kante, die er beim Sprechen zeigt. Wer nur den Erfolg wolle, müsse Fan des FC Bayern werden, hat er gerade gesagt. Sage ich doch auch, wenn ich wegen meiner Vorliege zu Schalke angesprochen und immer wieder auch von Freunden auf den Arm genommen werde. Meister der Herzen? Fan der Bayern zu sein, ist doch langweilig, oder? Dortmund und (Pardon) Schalke sind doch spannender. Bitte keine Häme, weder in blau-weiß noch in schwarz-gelb.

Sportliche Krise trotz erfolgreicher Strukturen, modernen Stadion und tollen Fans

Man schaue sich die Führung des BVB an: Präsident Rauball, Geschäftsführer Watzke, Sportdirektor Zorc, Trainer Klopp. Geht es besser? Aus dieser Führungsriege ist bisher kein Wort der Distanz zum Trainer gekommen. Man steht zusammen, kein Papier passt zwischen ihnen. Und diese „Viererbande“ passt zum Verein.

Oder nehmen Sie das Stadion. 82000 Zuschauer fasst die Fußball-Oper, größer geht es nicht in Deutschland. Wer einmal die Stimmung der Südkurve erlebt hat, gerät ins Schwärmen. Wer einen Sitzplatz hat, spürt plötzlich, wie der ganze Laden zu beben scheint, weil Zigtausend Fans in der Südkurve angefangen haben zu tanzen und zu hüpfen.  Und dann die Gesänge, die Fahnen.

Ich habe mal einen Nachbarn ins Stadion begleitet, als ich noch in Wattenscheid wohnte. Clemens R.  war und ist immer noch Dauerkartenbesitzer, geht zu jedem Heimspiel, er richtet sogar seine Urlaubspläne danach aus, wann der BVB spielt. Ob Sieg oder Niederlage, er bleibt Anhänger des BVB. So wünscht man sich die Fans, singend und fröhlich, ohne jeden Gewaltansatz. Wenn man mal verliert, geht man traurig nach Hause mit der Hoffnung, dass man das nächste Spiel wieder gewinnt.

Das Spiel, das ich sah, ist ein paar Jahre her, es herrschte eine tolle Stimmung. Damals wurden sie wieder mal Meister, dank Jürgen Kohler, der einen Elfmeter herausholte. Ich habe mir, weil ich es mit Clemens R. abgesprochen hatte, im Fan-Shop am Stadion einen BVB-Wimpel gekauft. Und als die Dortmunder das Spiel gegen die Bremer gewonnen hatten und wieder mal Deutscher Meister geworden waren, habe ich den schwarz-gelben Wimpel in den Blumenkasten unserer Dachterrasse gesteckt, für viele sichtbar. Hinzufügen muss ich noch, dass Clemens R. im ungewöhnlichen Fall einer Meisterschaft für die Schalker die Initialen S04 in seinen Rasen gemäht hätte.

Nein, es gibt keinen Krach in der Dortmunder Führung, auch keinen Streit zwischen Spielern und Trainern. Dass es zuletzt erstmals wieder Pfiffe gab, hat Klopp nicht gewundert. Wer will es den Fans verdenken, die erfolgsverwöhnt sind und jetzt erleben, was es heißt, am Tabellenende zu stehen. Wenn plötzlich die Dortmunder kaum noch Tore schießen, Latte und Pfosten treffen oder knapp daneben zielen. So ist Fußball, den dummen Spruch kennen sie auch.

Ob die Spieler überfordert sind? Ob die körperliche Verfassung der Kicker das Tempo des Klopp-Fußballs nicht mehr mitmacht? Sie laufen 12 Kilometer während eines Spiels, einige mehr, andere weniger. Rauf und runter geht es, immer wieder Tempovorstöße und dann müssen sie im Sauseschritt zurück und die Abwehr verstärken. Aber das trifft ja für Spieler anderer Vereine auch zu.

Taugen Erfolgsrezepte für die Championsleague auch im Abstiegskampf?

Ob das Spiel-Konzept des Jürgen Klopp an seine Grenzen gekommen ist, wird gefragt. Wollen wir wieder zurück zum Kick-and-Rush der Briten? Furchtbar und erfolglos. Ob die Spieler nicht mehr mitkommen? Aber sie sind es doch noch vor einem Jahr? Die WM als Entschuldigung? Pardon, hier darf man mal die Bayern erwähnen, liegen klar vorn und die Bayern-Spieler haben mehr Spiele während der WM absolviert als die des BVB. Nein, das kann es nicht sein, es sei denn, der eine oder andere Weltmeister träumt immer noch von der Zeit, als er auf dem roten Teppich stand. Aber das ist doch Vergangenheit. Kuscheln soll man zu Hause, vor dem Kamin oder na ja, da hat ein jeder seinen Lieblingsplatz.

Das Spiel ist rasend schnell geworden, gerade die Spitzen-Fußballer kriegen jede Woche immer was auf die Knochen, harte Tacklings, Stürze, Schläge mit dem Fuß, der Hand und dem Ellenbogen sind längst zum normalen Umgang im Fußball geworden. Aber das gilt doch für alle, nicht nur für den BVB. Wenngleich die dauernden Verletzungen, die einer wie Reus zu erleiden hat, die Attacken seiner Gegenspieler zu denken geben. Einer wie Reus wird immer wieder hart attackiert, sonst kann man ihn nicht halten. Also wird gegrätscht wie in Paderborn geschehen, von hinten. Ja, der Gegner hat dabei auch den Ball getroffen, aber er riskiert mit solchen Attacken auch, dass der andere Spieler verletzt wird. Keine Absicht, aber hohes Risiko.

Die Frage ist doch, ob die Schiedsrichter nicht öfter zur roten Karte greifen sollten, wenn die Gesundheit des Spielers auf dem Spiel steht? Warum werden Spieler wie Reus nicht mehr geschützt durch den Schiri? Jeder Trikot-Zupfer wird mit der gelben Karte belegt, jede Kritik an einer Entscheidung des Pfeifenmanns wird getadelt, wer den Ball wegschießt, muss mit einer Karte rechnen, aber wenn einer tritt, passiert oft genug viel zu wenig.

Ewald Lienen, der frühere Spieler und Trainer, meint, wenn man im Abstiegskampf sei, müsse man zuerst verteidigen, im Fußballdeutsch „tief stehen“ genannt. Frei nach Huub Stevens müsse also hinten die Null stehen. In der Abwehr sind die Dortmunder verwundbar, weil einige ihrer Spieler verletzt sind Und weil sie vorn nicht mehr so gefährlich sind, greifen die Gegner häufiger an.  Es ist die Zeit der Fußball-Experten, derer, die wissen, wie es geht, vor allem, wie es besser geht.

Gute Nerven statt Aktionismus

Es ist wohl auch eine Frage der Nerven, der Nerven der Spieler, des Trainers und der Klubführung. Klopp hat gesagt, es sei wie in einer Ehe, wo man in guten wie in schlechten Zeiten zusammenhalten müsse. In Dortmund scheinen sie die so genannten Gesetze der Liga außer Kraft zu setzen, in dem sie den Trainer halten, ja an ihm festhalten. In Schalke habe sie Jens Keller längst geschasst und in Stuttgart hat gerade Armin Veh die Brocken hingeworfen und aufgenommen hat sie wieder einmal Huub Stevens. Andere Beispiele werden noch folgen, jede Wette.

Immer wenn ein Abstieg droht, ist der Trainer in Gefahr. In Dortmund halten sie Wort. Zusammen will man die Probleme lösen. Diese Art der Solidarität gehört zu Dortmund, zum Ruhrgebiet. Einfach wird es nicht, aber die Ärmel hoch zu krempeln, das kennt man beim BVB. Wie heißt einer dieser üblichen Fußball-Sprüche? Über den Kampf zum Spiel und Sieg. Wenn es denn hilft!

Aber auch den schlimmsten Fall kann ich den BVB-Fans nicht ersparen. Es hat ihn schon mal gegeben, viele Jahre ist es her und bisher einmalig. Der 1.FC Nürnberg wurde mit dem Trainer Max Merkel in der Saison 1967/68 Deutscher Meister. Und im Jahr darauf, in der Saison 1968/89 stieg der Club ab. Nürnberg ist mit bisher neun Titeln der Altmeister. Dass es auch anders geht, bewies Trainer Otto Rehhagel mit dem 1. FC Kaiserslautern. Die Roten Teufel stiegen in der Saison 1996/97 wieder in die Bundesliga auf und schafften quasi in einem Durchmarsch 1998 den Meistertitel.

Was ich damit sagen will? So ist Fußball.

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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