Matthias Kleinert

Ein schwäbischer Unternehmer betritt bildungspolitisches Neuland

Carl-Heiner Schmid ist einer jener Unternehmer, die man in Baden-Württemberg besonders häufig antrifft: bodenständig, geradeheraus und auf staunenswerte Weise erfolgreich. Als Schmid 1984 in Reutlingen den Malerbetrieb seines Vaters übernahm, war er Chef von zweihundert Mitarbeitern. Heute beschäftigt er mehr als viertausend Maler, Lackierer, Beschichter und andere Spezialisten des Ausbaugewerks an über hundert Standorten in Europa – der größte Handwerksbetrieb des Kontinents, wenn nicht gar weltweit.

Der Mensch hat Kopf und Hände

Aber immer noch ein handwerklich geprägtes Unternehmen, darauf legt Carl-Heiner Schmid besonderen Wert. Denn Handwerk ist für ihn mehr als eine Wirtschaftssparte, so wichtig sie ist. Handwerk hat auch mit Werteverständnis zu tun, ist ein Stück Lebensphilosophie. Der Mensch, sagt Carl-Heiner Schmid fast beschwörend, hat Kopf und Hände, er besitzt Fähigkeiten und Fertigkeiten. Was ihn stört, ist die frühe Festlegung, die Eltern abverlangt wird, wenn sie über die schulische Ausbildung ihrer Kinder befinden sollen. Gymnasium oder Lehre, das entscheidet oft über den weiteren Lebensweg, zu einem Zeitpunkt, in dem weder Kinder noch Eltern ein sicheres Urteil über das tatsächliche Interessens- und Begabungsspektrum des Nachwuchses treffen können.

Abitur und Gesellenbrief – wo gibt’s denn sowas?

So entstand die Idee des ‚Dualen Gymnasiums‘, einer Schulform, die es in Deutschland als Regelschule nirgends gibt. Mit dem Abitur zugleich einen handwerklichen Abschluss erlangen – wie soll das gehen? Mehr oder weniger berufsorientierte Ausbildungsgänge Ja, aber immer hübsch nacheinander, Sprosse für Sprosse, denn Bildung ist eine Leiter und keine Autobahn!
Dem Reutlinger Unternehmer hat das nie eingeleuchtet. Außerdem ergänzte es seine Suche nach Fachkräften mit wirtschaftlichem und handwerklichem Know-how, die er für sein expandierendes Geschäft brauchte und zu selten fand. Also entwickelte er die Idee eines ’normalen‘ Gymnasiums, an dem man ab einer bestimmten Altersstufe zusätzlich eine handwerkliche Ausbildung absolvieren kann. In Österreich geht das seit 2008, zugleich Lehre und Matura. In Deutschland fällt in diesem Zusammenhang meist nur ein Name: Kloster Wald. Dabei handelt es sich um eine 1946 von oberschwäbischen Benediktinerinnen gegründete Heimschule für Mädchen, die an der Schule zugleich Abitur machen und sich als Schneiderin, Schreinerin oder Tischlerin ausbilden lassen können. Ein schönes Beispiel, das aber bislang keine Nachahmer gefunden hat.
Der bildungspolitische Urknall erfolgte in Kusterdingen

Doch das könnte sich nun ändern. Am 16. Februar hörten rund hundert Eltern, Handwerksmeister und Lehrer in der Aula des Evangelischen Firstwald-Gymnasiums zu Kusterdingen, Kreis Reutlingen, dass die Schulleitung beabsichtige, ab Juli einen Dualen Bildungsgang „Abitur plus Gesellenbrief“ anzubieten. Der geistige spiritus rector und finanzielle Mäzen des neuen Bildungsweges saß mit auf dem Podium: Carl-Heiner Schmid. Ich unterstütze ihn aus voller Überzeugung. Seine unternehmerische Leistung und der daraus resultierende wirtschaftliche Erfolg sowie sein großartiges Engagement zur Förderung und Qualifizierung junger Menschen sind beispielgebend. So versuche ich, mit meinen Erfahrungen, die ich im Laufe meiner beruflichen Laufbahn in Politik und Wirtschaft gewonnen habe, die Initiative von Dr. Schmid voranzubringen.
Abitur, Gesellenbrief und noch was obendrauf

Und so soll die Ausbildung ablaufen: Vier Jahre vor dem Abitur beginnt die Berufsausbildung – pro Schuljahr zehn Wochen. 6,5 Wochen werden in den Ferien abgeleistet, den Rest gibt die Schule dazu. Insgesamt müssen acht Qualifizierungsbausteine gemeistert werden: Anstricharbeiten innen und Klebearbeiten im ersten Jahr, Anstricharbeiten außen, Objektlackierung und Bodenbelagsarbeiten im zweiten Jahr, Dämm- und Verputzarbeiten im dritten und Trockenbau im vierten Jahr. Ein halbes Jahr vor dem Abitur ist Schluss, damit sich die angehenden Gesellen aufs Abitur vorbereiten können. Ein Monat nach dem mündlichen Abitur wird die Abschlussprüfung vor der Handwerkskammer Reutlingen abgelegt, ein halbes Jahr später ist die Gesellenprüfung möglich.

Ach ja, und Geld gibt es auch noch: im ersten Jahr monatlich 125 Euro, die in den Folgejahren um jeweils 25 Euro aufgestockt werden. Firstwald-Abiturienten des Jahres 2020 werden sich etwas mehr leisten können als ihre Mitschüler – falls sie dazu Zeit haben.
Erfolgreich, weil Mutter sich durchsetzte

Carl-Heiner Schmid glaubt an sein Modell, und er steht damit nicht allein. Über fünfzig Unternehmer und leitende Manager haben ihm schriftlich ihre Unterstützung zugesagt, die Liste liest sich wie ein Who’s who des schwäbischen Firmenadels. Auch die evangelische Kirche ist von der Idee überzeugt, schließlich ist sie Trägerin des Gymnasiums. An einem staatlichen Gymnasium wäre die Verbindung von Kopf und Hand, Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht möglich, das sehen die Curricula nicht vor. Das zuständige Kultusministerium äußert vorsichtiges Interesse, aber da gibt es natürlich noch viele Hindernisse, im Land, in der Kultusministerkonferenz, beim Bund …

Den Reutlinger Initiator ficht das nicht an. Wenn er auf den eigenen Lebensweg zurückblickt weiß er, dass beides im Leben möglich ist: sich theoretisch bilden und praktisch beweisen. Sein Vater wollte ihn nach der Hauptschule in eine Malerlehre stecken, seine Mutter aufs Gymnasium schicken. Die Mutter setzte sich durch. Nach dem Abitur studierte er Betriebswirtschaft, erwarb den Doktorgrad. Daneben erlernte er das Malerhandwerk und schloss es mit den erforderlichen Prüfungen ab.

„Im Kopf bin ich Kaufmann“, sagte er bei der Eröffnungsveranstaltung in Kusterdingen. „Aber im Herzen bin ich Maler“. Es klang wie ein: Hier stehe ich, ich kann nicht anders.

 

 

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Matthias Kleinert

Matthias Kleinert ist ein Meister der Kommunikation. Heute würde man sagen, der Mann ist gut, sehr gut vernetzt, er kennt sie alle, die was zu sagen haben. Einst als Flüchtlingskind aus Schlesien vertrieben und im Württembergischen gelandet, wurde Kleinert, der an der FU in Berlin Politologie studiert hatte, Pressesprecher des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth und später Staatssekretär. Legendär sein Ruf in Bonn, Späth ohne Kleinert, nicht denkbar. Dann wechselte er zu Daimler-Benz und fungierte dort als eine Art „Außenminister“. Der CDU-Politiker Kleinert, der von ziemlich unten nach ziemlich oben kam, hat seine Wurzeln nie vergessen. So setzt er sich u.a. ein für Straßenkinder in St. Petersburg wie das Deutsch-Ukrainische Forum und den Fechtclub in Tauberbischofsheim ein.


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