Eine Betrachtung über zwei Filme und Fritz Bauer Oktober 2015

Was ist los in diesem Land, in dem Menschen wegen ihrer Menschlichkeit, wegen ihrer Hilfsbereitschaft, wegen ihres Optimismus kritisiert und beschimpft werden? Was ist los in diesem Land, in dem in Halle auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft ein Brandanschlag verübt wird? In dem Rechtsradikale im mecklenburgischen Ort Jamel Andersdenkende bedrohen, terrorisieren? Der Bürgermeister, lokale Politiker, die Polizei schauen meistens weg, lassen sich einschüchtern, ducken sich weg! Die rechtspopulistische AfD bei den letzten Forsa-Umfragen in Bayern 9 Prozent erreicht, im Bundesdurchschnitt 7 und in Sachsen 13 Prozent.

In dieser Woche hätte sich jeder zwei Filme anschauen können, von denen der eine heute spielt und im Fernsehen lief. Der andere ist im Kino zu sehen und behandelt die Zeit vor 50 Jahren in der noch jungen Bundesrepublik, einem Land, das mühsam die jährlichen Versetzungen in der von den Alliierten verordneten Demokratieschule schaffte, in dem sich die alten Nazis eingerichtet hatten mit ihrer feigen Vergangenheitsverleugnung und ihrem strammen Antikommunismus. Das passte in`s konservative Land der Globkes, Oberländers und Heusingers, das passte aber dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer nicht. Der war Jude, Emigrant und unbeugsam, was den alten SS-Mitläufern und Eliten nicht passte.

„Der Staat gegen Fritz Bauer“. Heißt der Kinofilm. Burghardt Klaußner spielt Bauer. Und wie er das tut! Er ist der Mann, der für das Zustandekommen der Auschwitzprozesse sorgt, der Jagd auf Adolf Eichmann macht. Er will zur Bekanntmachung wie zur Aufarbeitung der NS-Verbrechen beitragen gegen den Widerstand derjenigen Nationalsozialisten, die sich hatten entnazifizieren lassen und in der noch jungen Bundesrepublik als Polizisten, Soldaten, Ärzte und Juristen untergekommen waren. Die NPD ließ sich unter anderem in Bremen wie in Baden-Württemberg in die Parlamente wählen. Ehemalige Nationalsozialisten wie Heinrich Lübcke und Carl Carstens wurden zu Bundespräsidenten gewählt. Im übertragenen Sinne die Großväter derer, die sich heute rechtsradikal organisieren, Andersdenkende denunzieren, Brände legen und ausländische Flüchtlinge jagen.

Weiblich, sexy, rechtsextrem

„Weiblich, sexy, rechtsextrem“ heißt der Film der Berliner Autorin und Regisseurin Caterina Woj, der am 5. Oktober im öffentlich – rechtlichen deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Nicht in der ARD, nein, nein. Im WDR – Fernsehen um 22 Uhr. Die meisten Zuschauer werden ihn nicht gesehen haben, was sehr schade ist für sie wie für die ARD. Wer sich einmal daran erinnert oder nachliest, wie die ARD in den 60ger und 70ger Jahren gesellschaftliche Fragen und Probleme behandelt hat, stellt nicht nur gravierende Unterschiede fest, er bemerkt gewiss auch, wie unpolitisch es geworden ist.

Der Film in der bisher immer noch verdienstvollen Reihe „Die Story“ zeigt, dass Frauen in der rechten Szene keine untergeordnete Rolle mehr spielen. „Sie geben sich harmlos, sind freundlich und bürgernah, sind unauffällig“. Sie unterwandern die demokratische Alltagskultur. Im eingangs erwähnten Jamel ist das längst geschehen. In Sachsen passiert es, in Thüringen, in Nordrhein – Westfalen. Was ist in den 50 Jahren geschehen. Es bedarf einer intensiven Sondierung, nicht allein durch gelegentlich, häufig eher versteckt, gesendete Filme im Fernsehen, nicht alleine durch den ebenfalls großartigen Streifen über Fritz Bauer. Die Zivilgesellschaft muss sich um diese Sondierung kümmern.

 

Bildquelle: Wikipedia, Dontworry, CC BY-SA 3.0

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Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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