Eine Frage der Toleranz

Steh auf! Nie wieder Judenhass! Unter diesem Motto hatte der Zentralrat der Juden vor einigen Tagen zu einer Kundgebung in Berlin aufgerufen. Tausende kamen und machten durch ihre Präsenz ihren Abscheu gegen Antisemitismus deutlich. Gleichwohl, auch wenn es einigen nicht passt, gibt es ihn, den Antisemitismus und zwar nicht nur in extremen Gruppen der Bevölkerung, er ist selbst in der Mitte der Gesellschaft vorhanden.  Das wird man doch noch sagen dürfen, unter dieser Entschuldigung wird oft verbreitet, was schlicht aus Unkenntnis und aus einem Vorurteil heraus in die Öffentlichkeit hinein gesagt wird.

Die Diskussion über das Them hält an, viele fühlen sich angesprochen, mancher reagierte verletzt, weil er meinte, er zähle sich zu den Anständigen, er sei nicht geschichtsvergessen, er sei kein Antisemit.

Wenn ich mich vor oder hinter unsere jüdischen Mitbürger stelle- ja es sind Mitbürger jüdischen Glaubens-, tue ich das bewusst, um jenen Minderheiten klarzumachen, dass ich ihre Vorurteile nicht teile, dass ich sie nicht unwidersprochen hinnehme. Das ist es nämlich auch, dass wir widersprechen müssen,  wenn sich Intoleranz breit macht am Arbeitsplatz, in der Kneipe, auf der Straße oder in der Tram. Toleranz ist gefordert gegenüber Andersgläubigen, Andersdenkenden, Andersaussehenden, wir dürfen nicht schweigen, wenn andere verunglimpft werden. Es darf nicht sein, dass sich irgendwer in Deutschland, gleich ob Deutscher oder Ausländer, Weißer oder Schwarzer,  Pole oder Afrikaner  unsicher fühlt, Angst hat, das Haus zu verlassen.  Das gilt auch für Sinti und Roma, selbstverständlich. Wir müssen mit ihnen reden, mit ihren Sprechern ins Gespräch kommen, damit Missverständnisse ausbleiben, damit wir uns besser verstehen lernen. Aber auch sie müssen lernen, mit uns zu leben, wir müssen lernen, einander zu achten und aufeinander achten. So hat es der frühere Bundespräsident Johannes Rau mal ausgedrückt.

 

Deutsche jüdischen Glaubens, diesen feinen sprachlichen Unterschied hat einst der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, gemacht. Er hatte Recht. Sie sind deutsche Staatsbürger, sie leben hier, sie gehen  zur Wahl, sie arbeiten und unterrichten hier, und wenn der kleine Rückblick in die deutsche Geschichte erlaubt ist, Deutsche jüdischen Glaubens haben im ersten Weltkrieg für das Deutsche Reiche gekämpft, sie sind verwundet, andere getötet worden. Es sind nicht einfach die Juden, es sind Deutsche jüdischen Glaubens.

Ernsthafte Kritik an der Politik der Israel-Regierung  Netanjahus ist damit nicht ausgeschlossen. Die Siedlungspolitik entspricht nicht dem Völkerrecht, ja sie ist rechtswidrig und dient nicht dem Frieden mit den Palästinensern, den zu erreichen das große Ziel aller friedliebenden Menschen im Nahen Osten sein muss, um den Ur-Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern zu beenden. Dazu gehört die Anerkennung des Staates Israel und die Anerkennung des Staates Palästina, das Leben dieser Völker in gesicherten Grenzen.  Wer hat den Mut, einen solchen Frieden ohne Vorbedingungen anzustreben? Dem wäre der Friedensnobelpreis sicher.

Vor vielen Jahren gab es mal einen Aufstand der Anständigen, ein Begriff, der nicht jedem gefällt, den aber jeder für sich in Anspruch nehmen kann. Damals riefen deutsche Politiker wie Johannes Rau und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, dazu auf.  Auch heute fällt dieser Begriff hin und wieder. Ich begreife nicht, warum einige daran Anstoß nehmen. Wir sollten uns erheben, aufstehen und uns auflehnen gegen jene, die bei uns im Lande gelegentlich die Menschen anderen Glaubens oder anderer Hautfarbe verunglimpfen, sie beleidigen. Das sollten wir nicht zulassen. Aufpassen, was da passiert und wo das enden kann.

Auschwitz ist Geschichte, aber nicht vergessen, die Ermordung von sechs Millionen Juden durch Nazi-Deutschland war ein Jahrhundert-Verbrechen, zu dem viele schwiegen und gegen das sich nur wenige auflehnten. Nie wieder! Doch, das darf, das muss hin und wieder gesagt werden. Wer das nicht weiß, wer das nicht versteht, für den müsste es eine Pflicht geben, einmal im Leben das KZ Auschwitz in Polen zu besuchen. Spätestens da wird ihm übel werden, wenn er die Reste dieses Verbrechens zu sehen bekommt, die Reste der Kinder-Kleider, der Brillen, der Schuhe, der Haare, der Koffer.

Den Antisemitismus zu bekämpfen, jeder Art von Ausländerfeindlichkeit zu begegnen, Rassenhass nicht zuzulassen, andersgläubige Mitmenschen gegen Beleidigungen in Schutz zu nehmen, Toleranz zu leben, damit sich Intoleranz nicht breit macht und gesellschaftsfähig wird, dazu sind alle aufgerufen, die Deutschen christlichen wie jüdischen Glaubens, aber auch die hier lebenden Muslime, gleich ob sie deutsche Staatsbürger sind oder anderen Nationen angehören.

Jede Diffamierung ist eine zu viel. Gegen wen auch immer.

 

 

Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 4 491 Abonnenten.



Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


'Eine Frage der Toleranz' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht