Eine literarische Entscheidung

Patrick Modiano ist es also. Ein Franzose. Ein Erzähler. Ein Unbekannter. Es ist keine Schande, den diesjährigen Literaturnobelpreisträger nicht zu kennen. Selbst die  Jury der Schwedischen Akademie erklärte bei der Bekanntgabe des Ausgezeichneten, dass Modiano außer in seiner französischen Heimat weitgehend unbekannt ist.

Entsprechend lange dauerte es, bis am Tag der Entscheidung die ersten Würdigungen in den Feuilletons der großen deutschen Zeitungen und Online-Portale erschienen. Während in den Schubladen dort wahrscheinlich seit Jahren schon die Elogen auf die „üblichen Verdächtigen“ wie etwa die Amerikaner John Irving und Philip Roth oder den Tschechen Milan Kundera griffbereit liegen, hatten wohl die wenigsten Literaturkenner mit dem 69-jährigen Franzosen gerechnet. Zumal auch in diesem Jahr die zuvor gehandelten Favoriten eher aus politischen Krisengebieten wie Kenia (Ngugi wa Thiong’o), Syrien (Adonis) oder Weißrussland (Swetlana Alexijewitsch) stammten. Modiano war erst wenige Tage vor der Bekanntgabe erstmals überhaupt erwähnt worden.

Umso mehr verdient die Entscheidung der Schwedischen Akademie Anerkennung, hat sie sich doch – wie leider sonst so oft – diesmal nicht von politischen Motiven leiten lassen, sondern hat eine einzig und allein literarische Entscheidung getroffen. Auch unabhängig davon, dass mit Patrick Modiano bereits zum 15. Mal einem Franzosen die höchste literarische Auszeichnung zuteil wird. Kein anderes Land der Welt hat mehr Literaturnobelpreisträger hervorgebracht, den letzten, Jean-Marie Gustave Le Clézio, erst im Jahr 2008.

So ist denn auch das Lob der Feuilletons weitgehend eindeutig. Die Kritiker schwärmen von der Melancholie im Werk des in Paris lebenden Autors, in dem stets die Erinnerung (an den Zweiten Weltkrieg und die Besatzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten) im Mittelpunkt steht. Es sind aber auch Erinnerungen an vergangene Begegnungen, an verlorene Beziehungen.

In einem seiner Romane heißt es einmal: „Die erste Begegnung zweier Menschen ist wie eine leichte Verletzung“. Wir sollten diese Verletzung nicht scheuen und Patrick Modiano begegnen, ihn kennenlernen – um uns irgendwann an diesen Unbekannten zu erinnern.

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Anja Luckas
Über  

Die Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftlerin publiziert als Journalistin. Sie schrieb unter anderem als Kultur- und Politikredakteurin der Westfälischen Rundschau, wo sie als Nachrichtenchefin arbeitete.


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