Hillary Clinton & Donald Trump

Die Präsidentschaftsdebatte in den USA: Eins zu null für Hillary Clinton – doch das reicht noch nicht

Im Zeitalter von Facebook, Twitter und Co. mögen Fernsehdebatten zwischen Präsidentschaftskandidaten fast schon altertümlich erscheinen, kann man doch mit diesen nicht mehr ganz so neuen sozialen Medien Millionen von Anhängern in Bruchteilen von Sekunden erreichen. Trotzdem erwarteten Beobachter, dass sich gut 100 Millionen US-Bürger den neunzigminütigen Schlagabtausch zwischen der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton und ihrem republikanischen Gegenspieler Donald Trump am 26. September anschauen würden. Auch in anderen Teilen der Welt raubte diese Debatte manchem den Schlaf, trafen die beiden Kandidaten doch zum ersten Mal direkt aufeinander. Da konnte man gespannt sein, ob Trump wie gehabt beleidigen und pöbeln und Clinton arrogant dazu lächeln und zurückgiften würde. Beides geschah nicht. Trotzdem war die Debatte auf dem Campus der Hofstra-Universität in Long Island erhellend. Donald Trump konnte noch einmal seine düstere Vision eines von seinen Gegnern und Verbündeten ausgetricksten und ausgenutzten Amerika wiederholen, das er wieder zu alter Größe führen will. „Our country is in deep trouble“, so Trump. Hillary Clinton setzte eine vorsichtig optimistische Sicht dagegen, reich im Detail, vorgetragen mit meist freundlichem Lächeln, das ihr Sympathien selbst bei ihren Skeptikern einbrachte.

Trump fordert die politische Elite heraus – nicht nur Hillary Clinton

Trump ist bei dieser Wahl der Herausforderer. Hillary Clinton ist für ihn die Amtsinhaberin, und das schon seit dreißig Jahren. Er macht sie verantwortlich für alles, was schief lief in den letzten Jahren, und davon gibt es aus seiner Sicht eine ganze Menge. Clinton macht er dafür verantwortlich wie im Grunde die gesamte politische Elite, die er durch seine Kandidatur herausfordern will. In der Debatte blieb er sich treu, wenn nicht in seiner ruppigen Art, dann doch in seiner Vision. Seine Sicht der Lage Amerikas ist vor allem eins: düster und pessimistisch. Dem Land geht es wirtschaftlich schlecht, Jobs wandern aus und finstere Gestalten wandern ein. Gegner und Verbündete haben das Land über Tisch gezogen – im Handel spielen sie mit gezinkten Karten, in der Verteidigung lassen sie sich von den USA beschützen. Nun lastet eine riesige Bürde, eine gigantische Staatsverschuldung auf dem Land, die man nur loswerden kann, wenn man entschieden und radikal handelt. Strafen einführt für Unternehmen, die ihre Produktion ins Ausland verlagern. Steuersenkungen denen gewährt, die im Lande bleiben. Unternehmen weniger durch Regulierungen gängelt. Auf diese Weise will Trump das Land nach vorn bringen und dabei seine Erfahrungen als erfolgreicher Geschäftsmann einbringen.

Hillary Clintons Vision ist dagegen facettenreicher. Gibt es ein Problem, so kann nur ein Bündel von Maßnahmen helfen, das ist ihr Mantra. Dinge, die man möglichst gleichzeitig in Angriff nehmen sollte. Dafür hat sie einen Plan, möchte in die Menschen und in das Land investieren und den so geschaffenen Reichtum gerechter verteilen. Für ihre Versprechen auf höhere Löhne, Bildung und bessere Infrastruktur sollen vor allem die Reichen bezahlen. Nicht durch Abschottung des Landes sei Wohlstand zu erzielen. Unabhängige Experten hätten ihr bescheinigt, dass mit der Umsetzung ihres Planes zehn Millionen neue Jobs geschaffen würden. „Deshalb bin ich in die Einzelheiten gegangen, wenn es darum geht, was wir tun können und tun sollten,“ so Clinton. „Und ich bin entschlossen, dass wir die Wirtschaft wieder richtig in Fahrt bringen können.“ Wer geduldig dicke Bretter bohren will und um die Komplexität des politischen Handelns weiß, den mag eine solche Vision überzeugen. Wer auf schnelle Lösungen aus ist, wird an Clintons Rezepten eher zweifeln. Beide, Clinton und Trump, setzen auf unterschiedliche Gruppen in der Gesellschaft. Clinton auf die Einsichtigen, Geduldigen, für die sich nicht morgen schon alles gebessert haben muss. Trump dagegen reduziert Wirtschaft auf einen Konflikt mit den Konkurrenten, den man nur als geschickter, ja skrupelloser Geschäftsmann gewinnen könne.

Clinton ließ Trump als Geschäftsmann schlecht aussehen

Doch da genau versuchte ihn Hillary Clinton zu packen. Sie war auf diese Debatte gut vorbereitet. Sie ließ Trump als Geschäftsmann schlecht aussehen. Das war klug und geschickt, denn Trumps Anhänger schätzen an ihm, dass er es als Geschäftsmann zu Reichtum brachte. Nicht immer auf die feine Art, erklärte nun Hillary Clinton in der Debatte. In der Finanzkrise habe er versucht, aus dem Schaden anderer Leute Geld zu machen. Tellerwäscher, Handwerker, Architekten habe er nicht anständig bezahlt, obwohl er ihre Leistungen in Anspruch genommen habe. Und als Unternehmer habe er sechsmal durch Konkurs versucht, sich zu entschulden und erwäge eine solche Vorgehensweise nun sogar für die Schulden des Staates. Für Clinton war das ein klarer Beweis dafür, dass ein direkter Transfer der Erfahrungen als Unternehmer in die Politik schädlich sei. Klar, dass Trump dagegenhielt. Lieferanten unter Druck zu setzen, Schulden loszuwerden statt zu begleichen, Steuern zu vermeiden – das gebiete der gesunde Menschenverstand einem Unternehmer, sei gängige Praxis. Das sehen seine Anhänger vermutlich ähnlich, hoffen sie doch, dass er diese Fähigkeiten nun zu ihren Gunsten einsetzt. Deswegen dürfte es sie auch wenig stören, wenn Trump seine Steuerbescheide nicht veröffentlicht, weil er – wie Clinton vermutete – gar keine Bundessteuern bezahlt hat. „That makes me smart“, so Trump. „Das zeigt halt, wie schlau ich bin.“ Für Hillary Clinton und – wie man hoffen darf – viele Bürgerinnen und Bürger im Lande zeigt das nur, dass Trump sich vermutlich davor drückt, die Kosten für das Militär, die Veteranen, die Schulen oder das Gesundheitssystem mitzutragen. „Er hat etwas zu verbergen“, so Hillary Clinton.

Wie man sich in den Schlagzeilen hält und dann doch die Wende schafft

Trump versuchte dagegen zu punkten mit Dingen, die er durch seine ruppige Art schon als Kandidat erreicht habe. Jahrelang hatte er behauptet, Obama sei kein amerikanischer Staatsbürger qua Geburt im Lande. Nun rechnete er es sich als Verdienst an, dass Obama seine Geburtsurkunde in Langfassung der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hatte. Dass das schon 2011 der Fall war, er aber an seiner Behauptung bis Anfang 2016 festhielt, versuchte er in der Debatte wegzudrücken. Doch die Erklärung ist einfach: Er hielt sich mit dieser wider besseres Wissen immer wiederholten Behauptung in den Schlagzeilen, als er sonst nicht viel zu vermelden hatte. Jetzt versuchte er gar, Hillary Clinton den schwarzen Peter unterzujubeln: Auch ihre Helfer Sidney Blumental und Patty Doyle hätten 2008 recherchieren lassen, ob Obama nicht doch in Kenia geboren sei. Trump verstieg sich gar zu der Behauptung, die Afro-Amerikaner seien ihm inzwischen dankbar dafür, dass er Obama zur Herausgabe seiner Geburtsurkunde veranlasst habe.

Eine ähnliche Strategie verfolgte er in Sachen NATO. Trump hatte bekanntlich die NATO für obsolet erklärt. Einmal bezahle Amerika die Zeche für die Verteidigung der Alliierten in Europa – das könne so nicht weitergehen. Zum anderen sei die NATO keine Hilfe im Krieg gegen den Terror. Dass sie das nun doch tue und – wie er im Wallstreet Journal kürzlich gelesen habe – sich in den Kampf gegen den Terrorismus einbringen wolle, sei sein Verdienst. Kein Zweifel: Auch Trump hatte sich auf die Debatte vorbereitet. Mit Hilfe dieser vermeintlichen Erfolgsgeschichten versuchte er geschickt, Änderungen in seinen Positionen zu rechtfertigen. Und den Glauben zu bestärken, mit dieser Art vorzugehen könne er als Präsident noch viel mehr erreichen.

Wer ist lernfähiger – Clinton oder Trump?

Zu Trumps Erfolgsrezepten gehört es offenbar auch, die Katze nicht zu früh aus dem Sack zu lassen. Transparenz ist seine Sache nicht, und auch von Berechenbarkeit hält der Kandidat wenig. Auch das scheint auf Erfahrungen zu beruhen, die er als Geschäftsmann gemacht hat und die er nun in der Politik gewinnbringend einsetzen will. So versuchte er, Hillary Clintons Plan zu Bekämpfung des Islamischen Staats ins Lächerliche zu ziehen. Sie habe ihn auf ihrer Homepage für alle veröffentlicht, auch ihre Feinde. Doch beim Stichwort Islamischer Staat zeigt Clinton ihre bekannte harte Seite. Den Terrorismus will sie nicht nur im Internet bekämpfen, sondern sie plädiert dafür, die Führer des Islamischen Staates auszulöschen. Immerhin war sie mit von der Partie, als Osama bin Laden liquidiert wurde. Ein anderer Kandidat hätte Clinton vermutlich wissen lassen, dass es damit nicht getan ist – an Führungsnachwuchs hat es terroristischen Vereinigungen bisher nicht gemangelt. Doch ein Kandidat wie Trump, der keine Vorstellung davon hat, wie man den so genannten Krieg gegen den Terror erfolgreich führen kann, lässt diese Chance ungenutzt. Vermutlich hat er gar keinen Plan, da hat Hillary Clinton recht.

Doch in einem Punkt immerhin scheint sich Trumps Außenpolitik von der Hillary Clintons unterscheiden. Amerika könne nicht der Weltpolizist sein, sagte er ganz ähnlich wie Barack Obama , während Hillary Clinton an der Führungsrolle der USA festhält und Diktatoren die Stirn bieten will. Ob sie die Lektionen gelernt hat, die Obama während seiner Präsidentschaft gelernt hat, muss man bezweifeln. Die USA können trotz ihrer gewaltigen Rüstung die Welt nicht im Alleingang gestalten. Das müssen sie im Konzert mit anderen tun, wie Obamas hartnäckiges Festhalten an Waffenstillstandsverhandlungen für Syrien zeigt. Doch ein Kandidat Trump, der Obama als Versager abtut, kann sich diese Lektion nicht zu eigen machen. Er überlässt nicht nur Hillary Clinton das Feld, sondern schürt die Angst, dass es mit ihm nur noch viel schlimmer kommen könne.

Diese Chance vergibt er auch bei der Diskussion um den Irak-Krieg, indem er an seiner Behauptung festhält, er habe den Krieg schon vor dem Ausbruch im Jahr 2003 abgelehnt. Diese Behauptung haben eifrige Factchecker schon zigmal als falsch entlarvt. Zumindest ließ sich dafür kein Beleg finden. Doch im Unterschied zu seinen republikanischen Rivalen im Vorwahlkampf hat Trump den Krieg unumwunden als Desaster bezeichnet. Viele seiner Anhänger empfinden das ebenso, und so werden sie wenig darum geben, ob Trump den Krieg nun schon vor dem Ausbruch abgelehnt hat oder erst danach. Entscheidend ist, dass der Krieg ein kolossaler Fehler war, dessen Folgen die Menschen in der Region, in der Welt und in den USA immer noch zu tragen haben. Es kommt nicht von ungefähr, dass neokonservative Kriegsbefürworter wie Robert Kagan Clinton statt Trump wählen wollen. Auch hier lässt Trump eine Chance ungenutzt, weil er Obama nicht folgen mag und keine Bereitschaft zeigt, sich außenpolitisch einer der verschiedenen Strömungen im Lande zuzuordnen. Allenfalls als Isolationisten könnte man ihn bezeichnen, doch auch darüber scheint er sich keine Gedanken zu machen, da er glaubt, mit der Logik eines Geschäftsmannes außenpolitische Fragen angehen zu können.

Die Wahrheit und nichts als die ganze Wahrheit?

Soll der Moderator die Fakten zurechtrücken, wenn die Kandidaten von der Wahrheit abkommen? In diesem Wahljahr ist bereits viel über Lügen in der Politik geschrieben worden. Donald Trump hat das Lügen hoffähig gemacht, aber Hillary Clinton vertraut die Öffentlichkeit ebenso wenig wie ihm. So war damit zu rechnen, dass die Forderung an den Moderator Lester Holt erhoben wurde, sich einzumischen, sofern die Kandidaten erkennbar von der Wahrheit abweichen. Die Veranstalter plädierten dagegen dafür, die Suche nach der Wahrheit den Kandidaten zu überlassen. Mehrfach appellierte Clinton während der Debatte an die Fact-Checker, nun ihre Arbeit zu tun, wohl wissend, dass Donald Trump in der Statistik der Falschaussagen deutlich führt. Doch die Überprüfung der Aussagen der Kandidaten durch Journalisten oder Experten hat sich in diesem Wahljahr als seltsam unwirksam erwiesen. Trump ist bisher damit durchgekommen, dass er den Tatsachen keine Reverenz erwies, wie es im politischen Geschäft üblich ist. Auch hier erweist sich Trump als Unpolitiker, der nicht durch Präzision und Faktenkenntnis punkten, sondern eher durch bewusste Unschärfe sein Profil schärfen will. Er weiß, seine Anhänger nehmen es auch nicht so genau, ihnen reicht die grobe Richtung, in die es gehen soll.

Die Amerika als Verlierer?

Diese grobe Richtung wurde in der Debatte tatsächlich wieder deutlich – Trump und Clinton werden verschiedene Wege einschlagen. Bei der Wahl Obamas im Jahr 2008 war das auch schon so, mit dem Unterschied, dass viele Beobachter den Präsidenten strukturell so eingemauert sahen, dass sie Obama eine Veränderung nicht zutrauten. Doch es macht einen Unterschied, wer die USA regiert. Das wissen wir inzwischen nur zu gut.

Vielleicht werden diese Unterschiede in den beiden folgenden Debatten noch deutlicher. Beide Kandidaten haben noch Munition. Trump scheint sich angesichts des Aufschwungs in den Umfragen entschieden zu haben, to play it nice, nett zu sein. So deutete er nur an, was er zu Hillary Clinton noch zu sagen habe. Auch bei seinem Leib- und Magenthema Einwanderung kann er noch nachlegen, wenn er wieder in die Defensive gerät. Ob er allerdings mit seinem düsteren Bild vom Zustand der amerikanischen Nation durchkommt, muss sich noch erweisen. Nie hat Amerika einen Präsidenten gewählt, der das Land in derartig dunklen Farben gezeichnet hat. Hier eine kleine Auswahl von Trump-Zitaten aus der Debatte: „Wir sind ein Dritte-Welt-Land“, „Wir haben enorme Probleme“, „Die Afro-Amerikaner sind von den Politikern im Stich gelassen worden“, „Unter Obama haben wir die Kontrolle über Dinge verloren, die wir vorher unter Kontrolle hatten“, „Es gibt so viele Dinge, die wir besser machen müssen“, Wir kümmern uns zu viel um die anderen: „Deshalb verlieren wir, wir sind die Verlierer, wir verlieren alles.“
Die Amerikaner als Verlierer? Wenn sie das glauben und Trump zum Präsidenten machen, sind nicht nur die Bürgerinnen und Bürger der USA die Verlierer. Verliert Trump, so hat er in der Debatte immerhin versprochen, seine Niederlage zu akzeptieren. Das ist ein kleiner Gewinn für die Demokratie, auch wenn man sich darüber wundert, dass diese Frage überhaupt gestellt werden muss.

Bildquelle: Wikipedia via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

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Wolfgang Tönnesmann

war Studienleiter und anschließend bis 2014 Direktor der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz, die politische Bildung mit Schwerpunkt transatlantische Beziehungen betreibt. Tönnesmann arbeitete u.a. als Lehrbeauftragter der Universität Düsseldorf und forschte über Demokratie und Wahlkämpfe in den USA. Er blogt auch unter www.secondthoughts.de


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