Garzweiler
Aus blühenden Landschaften und Dörfern wird Braunkohle. Früher industriepolitich sinnvoll. Auch heute noch vertretbar?

Energiewende in Deutschland: Eine Frage der Kohle.

Kohle wird oft synonym für Geld verwendet. Für die Energiewende wird derzeit vor allem beides gebraucht. Oft diskutiert werden die steigenden Kosten sowie die EEG-Umlage – den boomenden Energieträger Kohle vergessen dabei viele. Greenpeace hat hierzu vor einigen Wochen mit einer Aktion auf dem Dach des Willy-Brandt-Hauses mediales Aufsehen erregt. Sie machte auf die kohlefreundliche Politik des Bundeswirtschaftsministers Sigmar Gabriel (SPD) aufmerksam und forderte einen Abbaustopp. Aber kann eine Energiewende ohne Kohle klappen?

Deutschland und die Kohleenergiewende

Mit einem großen Nachbau des Schaufelrades eines Kohlebaggers demonstrierte die Umweltorganisation gegen die derzeitige Energiepolitik der Bundesregierung. Wie sie auf das Dach der SPD-Parteizentrale gelangen konnte, blieb unklar, deutlich hingegen war die Botschaft. „Herr Gabriel, Kohle zerstört das Klima“, stand auf einem großen Banner geschrieben. Wenn es um das Thema Energiewende geht, herrscht in Deutschland Aufbruchstimmung. Das Land fühlt sich wohl in der Rolle des Klassenprimus, wenn es um den Ausbau der Erneuerbaren Energien geht. Nicht zuletzt bei der Festlegung der Klimaziele für die EU bis 2030 geht die Regierung davon aus, dass die Ziele bereits deutlich vorher erreicht werden – zumindest was den Anteil an erneuerbaren Energien angeht.

Allerdings spricht Greenpeace mit seiner Aktion einen Punkt an, der neben dem Energiewende-Hype gerne etwas ausgeblendet wird: Deutschland ist nach wie vor ein starker Kohle-Standort. Vergessen wird schnell, dass trotz des rasanten Anstiegs von und der Bemühungen um sauberen Strom im derzeitigen Versorgungssystem immer noch Kohle-Energie einen hohen Anteil ausmacht. Fast die Hälfte des in Deutschland verfügbaren Stroms stammt immer noch aus Kohlekraft. Vor allem Braunkohle erlebt derzeit sogar eine kleine Renaissance. 2013 wurden gewaltige 185 Millionen Tonnen gefördert (2007: 180 Millionen). Damit ist Deutschland mit Abstand globaler Spitzenreiter .

Konflikt: Wirtschaftsstandort versus Klimaziele

Aus Sicht der Umwelt kann man nur wünschen, dass weniger abgebaut wird, denn mehr Kohle bedeutet auch eine höhere Belastung durch das klimaschädigende Gas Kohlendioxid (CO2). Die Ziele der EU für 2020, den CO2-Ausstoß im Vergleich zu 1990 zu senken, kann Deutschland aller Voraussicht nach nicht erreichen . Ein gegensätzliches Konfliktfeld liefern jedoch Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Wirtschaft. BDI-Geschäftsführer Markus Kerber warnt davor, dass Produktion und Arbeitsplätze verloren gehen könnten, sollten in Zukunft zu strenge Klima-Kriterien vereinbart werden. Sicherlich sind die Jobs der Arbeitnehmer, die mit fossilen Energieträgern arbeiten, gefährdet, auch wenn in den mit der Energiewende verbundenen Sektoren neue Arbeitsplätze geschaffen werden .

Kapazitätsmarkt und CO2-Zertifikate: Wirtschaftliche Interessen machen es der Kohle leicht

Der Staat möchte Kohle derweil auch weiterhin subventionieren. Sigmar Gabriel (SPD) schlug unlängst vor, sogenannte Kapazitätsmärkte einzuführen. Hierbei bekommen Betreiber konventioneller Kraftwerke nicht nur beim Verbrauch ihres Stroms eine Vergütung, sondern auch für das Bereithalten von Strom, wenn es in Zeiten hohen Bedarfs mit der Versorgung eng werden könnte. Grund dafür ist der immer größer werdende Anteil an erneuerbaren Energien, die zumeist vorrangig in das Stromnetz eingespeist werden. Dadurch werden alte Kraftwerke unrentabel. Kapazitätsmärkte würden den Betreibern mehr Geld zuspielen, auch wenn deren Strom gar nicht genutzt werden würde. Neben höheren Kosten für Verbraucher, werden dadurch CO2-Ziele schwerer zu erreichen sein.

Problematisch bleibt auch der Handel mit CO2-Zertifikaten. Diese werden an Unternehmen ausgegeben, um deren Emissionen zu regulieren. Jedes Unternehmen darf demnach nur das an CO2 verursachen, was es an Zertifikaten erworben hat. Derzeit liegt der Preis für eine Tonne des klimaschädlichen Gases bei knapp 6 Euro (Stand: November). Ein effizienter Klimaschutz würde laut Greenpeace allerdings erst ab 40 bis 50 Euro funktionieren. Neben einem Mindestpreis für Zertifikate wird auch über die Reduzierung von Zertifikaten diskutiert. Wenn weniger Zertifikate ausgegeben werden, würden davon die weitaus effizienteren Gaskraftwerke profitieren, die beim Ausstoß von Emissionen deutlich besser abschneiden als ihre Kohlebrüder.

Ortschaften verschwinden für Braunkohle

Im Osten und im Rheinland wird wohl noch lange fleißig nach Braunkohle gebaggert. RWE Power im Westen und Vattenfall im Osten haben langfristige Genehmigungen zum Abbau bis 2030 oder sogar 2045. Da sich die riesigen Kohlebagger unaufhaltsam durch die Landschaften arbeiten, müssen viele Ortschaften den gefräßigen Maschinen zwangsläufig weichen. Die Frage, die sich stellt: Können die Entscheidungsträger es immer noch mit guten Argumenten vertreten, dass einige ihre Heimat verlassen müssen, während doch überall der politische Tenor herrscht, dass ein rascher Wandel im Energiesektor angestrebt wird?

Auch wenn Proteste der einzelnen betroffenen Ortschaften verständlicherweise laut werden, hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass eine Enteignung zulässig sei, wenn sie dem Gemeinwohl diene.

An diesem Dilemma gibt es Zweifel von allen Seiten. Die Landesregierung in NRW, in Person von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), hat entschieden, dass der Ausbau von Garzweiler II zumindest verkleinert wird und erntet hierfür sogar Protest aus den eigenen Reihen. Was nicht verwundert, gilt die SPD in NRW traditionell eher als eine Kumpel-Kohle-Partei. Greenpeace und BUND bereiten weitere Klagen vor. Selbst die Betreiber der Tagebauten, Vattenfall und RWE, zweifeln an der Zukunftsfähigkeit ihrer Braunkohlekraftwerke. Erst kürzlich hat Vattenfall erklärt, dass es den Tagebau im Osten verkaufen möchte .

Klimaziele sind keine Utopie

Auch wenn vorrangig Wirtschaft, Politik und Fachleute um die richtige Umsetzung der Energiewende streiten, liegt die Verantwortung nicht nur bei diesen allein. Auch jeder einzelne Verbraucher kann sein Verhalten unter ökologischen Gesichtspunkten hinterfragen und verändern. Es muss an vielen Stellschrauben gedreht werden, damit die Energiewende klappen kann. Solange gilt auch in Zukunft: Wie immer spielt Geld eine Rolle, wenn es um die Kohle geht.

Sonstige Quellen:
http://www.dw.de/kohlestrom-boomt-in-deutschland/a-17351553
www.tagesspiegel.de/meinung/teuer-schmutzig-gefaehrlich-trotz-energiewende-deutschland-das-land-der-braunkohle/9300112.html

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/energiewende-brauchen-kapazitaetsmaerkte-fuer-versorgungssicherheit/7998042-4.html

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/streit-ueber-stromausfaelle-und-kapazitaetsmaerkte-strom-bei-wind-und-wetter-1.1819377

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Matthias Epkes

machte eine Ausbildung im Landesarchiv Niedersachsen und studiert heute Sozialwissenschaften an der Universität Düsseldorf. Der gebürtige Ostfriese und bekennende Veganer befasst sich besonders mit ökologischen und ernährungstechnischen Themen.


'Energiewende in Deutschland: Eine Frage der Kohle.' hat einen Kommentar

  1. 20. November 2014 @ 20:32 Heinrich Ernst

    Man sieht: Die Energiewendeproblematik bleibt eben keine technische denn vielmehr eine juristisch-finanzielle Frage. Und hier alle alten Pfründe zu berücksichtigen bremst das Projekt bis zum Stillstand. Aufbruchstimmung sähe anders aus. Solare Energie kann noch viel mehr leisten, als man ihr bis dato zutraut. Das Netz nimmt noch wesentlich mehr PV-power auf, bevor wir überhaupt über Speicher nachdenken müssen. Das auf-die-Bremse-treten mit dem dauernden Speicher-Lamento klingt nach einem Obstbauern, der 10 Äpfel erntet und 30 verkaufen könnte, aber von seiner Verwaltung gezwungen wird eine Lagerhalle zu errichten. Wozu? Die Industrie verschläft zudem die billig wie nie dagewesene Eigenstromversorgung von ihren riesigen Dächern. Der Häuslebauer auch. In unserem Land wird wegen 0,5% Zinsunterschied die bank gewechselt. Aber wenn ich 30-50% Strom sparen kann heißt es nur „lohnt sich nicht – rechnet sich erst in 10-12 Jahren“. Ach so, das ist also unser geistiger Ereignishorizont?! Eine Handy-Flatrate kaufe ich auch auf zwei Jahre, warum keine Strom-Flatrate auf 20 Jahre? Solange hält die Anlage auch locker mit minimalen Reparaturen (im Vergleiche zu ALLEN anderen Investitionsgütern) und mein Brennstofflieferant geht auch nicht pleite oder streiken. Das EEG wäre dann ohnehin hinfällig und kann als ewiger Zankapfel zu den Akten gelegt werden. Diesen kleinen Schritt zur Sonne kann JEDER Immobilienbesitzer für kleines Geld innerhalb von 2-4 Wochen tun. Sol lucet omnibus – die kleinen Asterixleser können das Zitat auch schon finden. Wer kein Dach hat, beteiligt sich dann eben – Anlagemöglichkeiten wären dann ja genug. Wenn man diese kleine/große Chance erst mal verinnerlicht hat, fragt man sich, worüber in diesem Land gestritten wird und man erkennt klar. Es ist die Jurokratie mit ihrem Gespinst, die solche game-changer-Reformen verhindern – koste es was es wolle (den Bürger). Wenn wir dann erst mal 200-300GW solare Erzeugungskapazität in D haben, können wir auch langsam anfangen über Speicher nachzudenken. Aber ich denke unser Bewußtsein wäre dann auch weiter und der ewige Hamster in uns würde ein wenig langsamer laufen und die Sache auch anders aussehen lassen…. (mit nachhaltigen Grüßen – alles Gute) KPNC

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