Buch über Christian Wulff

Fall Wulff – Mediale Peinlichkeiten

Vor Peinlichkeiten ist niemand gefeit – wie die Causa Wulff dramatisch beweist. Die medialen Peinlichkeiten erinnern mich an eine enthüllende Sauna-Szene: Ein Dutzend schwitzender Frauen und Männer hatte über einen abwesenden Saunakumpel hergezogen, sich über sein Benehmen, sein Geld und die mit dem Reichtum angelockte viel jüngere Frau mokiert. Bis eine Lady die obere Schwitzbank verließ und im Hinausgehen die Bemerkung fallen ließ: „Der Mann, über den sie gerade geredet haben, ist übrigens mein Mann …“ Entsetzen! Eiseskälte bei 90 Grad! Was genau hatte man gerade alles über den abwesenden Unsympathen gesagt? Und war der Nachbar nicht noch viel deutlicher, verletzender geworden?

Nach dem Freispruch von Christian Wulff in Sachen Oktoberfestbesuch hat auch die Medien ähnliche Schockstarre befallen. Jagd? Nein, alles ganz fair gelaufen bei ihr, dokumentiert die „Zeit“ in ihrer letzten Ausgabe ihre Berichterstattung über die Verfehlungen Wulffs. Andere, denen dieser Nachweis nicht ganz gelingen könnte, entschuldigen sich. Mea culpa, vielleicht haben wir ein wenig überzogen. Und berichten ganz zahm von Wulffs großem Auftritt bei der Vorstellung seines Buches „Ganz oben – Ganz unten“: Angriff gegen Medien und Staatsanwälte. Eigene Fehler? Ja, aber nur auf Nachfrage. Wichtigste These: Der Rücktritt war falsch, er mit Sicherheit noch heute der richtige Bundespräsident. Ein wenig glauben die Journalisten das nun wohl auch.

Wer in einer Demokratie das Amt des Bundespräsidenten als „ganz oben“ verortet, hat nicht kapiert, dass er als Repräsentant nur „erster“, aber nicht „oberster“ Bürger dieses Landes ist. Und wer sich mit einem Ehrensold von 217 000 Euro pro Jahr „Ganz unten“ fühlt, hat wenig Sensibilität für die sozialen Wirklichkeiten in dieser Gesellschaft. Wie der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zu Recht angemerkt hat.

Nach ganz oben gekommen, wie er es sieht, ist er ohnehin nur durch Angela Merkel. Die Kanzlerin hat das Schloss Bellevue als Deponie missbraucht, umeinen unliebsamen Gegenspieler zu entsorgen. Nicht nur „Mutti“ war gelegentlich sauer auf den Ministerpräsidenten von Niedersachsen, ein Großteil des christdemokratischen Berliner Spitzenpersonals reagierte zunehmend verärgert darauf, wie er in Hintergrundgesprächen vor Journalisten über seine Parteifreunde herzog. Ein unangenehmes und hinterhältiges (Sauna-) Gemecker, das die Unions-Granden gegen ihn auf brachte und die anwesenden Journalisten amüsierte. Auch darin liegt übrigens eine Erklärung, dass es in der Wulff-Krise außer Peter Hintze keinen in der CDU gab, der ihm zur Seite sprang.

Warum hat es damals keiner der Journalisten als charakterlos empfunden, wie Wulff sich auf Kosten von Parteifreunden und -gegnern profilieren, interessant machen wollte? Weil sie es wohlmöglich unterhaltsam fanden, wenn – nicht in der Saunahitze, sondern am gut gedeckten Tisch – heftig über andere gehetzt wurde. Dass Mutti“ und andere am nächsten Tag alles über die Schmähredereien wussten: war das einkalkuliert?

Wulff spielte damals intensiv mit den Medien, nicht nur mit der „Bild“. Und kein anderer Politiker hat jemals sein Privatleben so gnadenlos an den Hamburger Boulevard verhökert wir der damalige MP in Hannover und der spätere Präsident im Bellevue. Dass er selbst mal zum Spielball werden könnte, hatte er ganz offensichtlich nicht im Blick. Und begonnen hat der Wulff-Abstieg aus eigenem Verschulden, weil er als Ministerpräsident vor dem niedersächsischen Landtag winkeladvokatische Aussagen über einen Hauskredit gemacht hat.

Der Mitleid heischende Ton, der sich mehr und mehr über seinen Rücktritt breit macht, ist folglich fehl am Platz. Und wenn Peer Steinbrück, im Wahlkampf von den Medien gebeutelter SPD-Kanzlerkandidat, in der „Zeit“ den Umgang der Presse mit Wulff auf die Skandalebene hebt, auf der Adenauer und Strauß in den sechziger Jahren während der „Spiegel“-Affäre eine kritische Presse mundtot machen wollten, ist das eine gewagte These. Zumal sie von einem kommt, der die Medien wie Wulff als „Folterwerkzeug“ empfunden hat.

Beide, Wulff und Steinbrück, verbindet vor dem Absturz eines: Sie beide haben sich hoch schreiben lassen: Wulff von „Bild“ und Steinbrück von den intelligenteren Blättern aus Hamburg. Aber ganz oben ist man nur dann, wenn man auch die Gesellschaft da unten mit nimmt. Und die hatte sich von dem Bundespräsidenten Wulff abgewandt, bevor der Bürger Wulff juristisch freigesprochen wurde. Er war nicht der richtige Präsident. Er war nicht Medienopfer, sondern ein den Bürgerinnen und Bürgern zugemutetes Opfer im Machtspiel von Angela Merkel.

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Der Autor und Redakteur sammelte langjährige Erfahrung in deutschen Printmedien. Heute schreibt Wolf als freier Journalist im Online-Bereich.


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