Guenassia

Flüchtlinge in Paris – Debutroman eines 59jährigen über die Freiheit.

Europa nach dem Krieg erfühlen und verstehen kann, wer Jean-Michel Guenassia liest. Erst in seinem 59. Lebensjahr veröffentlichte der Jurist und Journalist 2009 seinen ersten Roman und gewann damit sogleich einen Prix Goncourt – und zwar für den von der französischen Jugend
gewählten besten Roman des Jahres. Von Eva Moldenhauer übersetzt erscheint „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ auf deutsch 2012, wurde von der Kritik durchaus beachtet, verdient aber unendlich viele Leserinnen und Leser.

Den Prix Goncourt des Lycéens hat er verdient, weil im Zentrum ein 12jähriger Junge in Paris anfangs der 60er Jahre steht. Auf Neudeutsch heißt so etwas „coming-of-age-story“. Und die ist so grandios aus der Sicht der Hauptfigur, Michel, erzählt, dass Jugendliche auch ein halbes Jahrhundert später ziemlich genau verstehen dürften, was da auf der Grenze zwischen Jungen und jungem Mann passiert. Die Verhaltensweisen, Fragen, Ratlosigkeiten, Loyalitätskonflikte, Verliebtheiten, Kümmernisse, die Lügen und die Wahrheiten, die wachsende Distanz zu den Eltern, die Ausbruchsversuche – das alles erkennt man wieder – im Zeitalter der (nochmal neudeutsch:) Patchworkfamilies erst recht, denn Michels Eltern trennen sich während dieser Zeit auf ziemlich unschöne Art und Weise.

Exotisch für Jugendliche

Aber die Umstände sind natürlich komplett andere als 2009, geradezu exotisch für heutige Jugendliche und dadurch ist Michels Bericht eine mitreißende Geschichtsstunde für Junge, Älteren beschwört er manche Erinnerungen herauf. Der Roman ist Stadtsoziologie, Konfliktgeschichte,
Ideengeschichte und er lehrt, wie tief Politik in das Leben von Individuen eingreifen kann, wenn man sie lässt.

Der Insel-Taschenbuchverlag hat sich für ein küssendes Paar vor einem Straßencafé als Titelfoto entschieden und die Anpreisungen lassen eine Liebesgeschichte in einer „Mischung aus französischem Charme und Intellektualismus“erwarten. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Mischung aus abgestandenem Klischee und hochtrabender Bildungsbeflissenheit junge Leserinnen und Leser eher abschreckt. In dem Fall entgeht ihnen eine spannende, aufwühlende und höchst unterhaltsame Leseerfahrung.

Liebe kommt vor, zerwühlte Betten kommen vor, ein erster Kinobesuch, erste Schallplatten – Rock’n Roll; Camus und Sartre kommen vor, die – hätte es das Wort schon gegeben – sicher schon damals Popstars waren.

Der Algerienkrieg kommt allerdings auch vor, der Standesdünkel französischer Kleinbürger kommt vor, der Slansky-Prozess spielt eine kleine Rolle, ein Mann namens Werner stammt aus Ostberlin und spielt eine recht sympathische Nebenrolle. Fotos werden noch in der Dunkelkammer von belichteten Kodak- oder Agfa-Filmen entwickelt und spielen am Ende eine atemberaubende Rolle.

Letztes Geleit für Sartre

Aber der Reihe nach:
Die Geschichte beginnt mit dem Begräbnis von Jean-Paul Sartre auf dem Friedhof Montparnasse in Paris. Der erwachsene Michel wendet sich verständnislos von den Massen ab, die Sartre das letzte Geleit geben, denn er hält den Verstorbenen für einen verblendeten Scharlatan der Ideengeschichte. Während er sich noch vornimmt, demnächst auf das Grab „zu pissen“, entdeckt er einen dicken alten Mann, den er auch von hinten sofort am Gang erkennt. Es ist „Pavel, der Orthodoxe“, ein ehedem wichtiger Funktionär der Tschechoslowakischen KP, der nur knapp den stalinistischen Säuberungen im Prag von 1949 entkommen war. Pavel und Michel haben sich 15 Jahre nicht mehr gesehen.

Mit diesem Vorspiel werden wir mit dem 12jährigen Schulschwänzer Michel bekannt gemacht, dessen wichtigste Bezugspersonen der ältere Bruder, dessen Schallplatten sammelnder bester, linksradikaler Freund und deren Freundinnen sind. Die Familien der Eltern sind zerstritten, die Eltern selbst bald auch und kommen als Vorbilder kaum in Betracht. Mit Hilfe des Bruders schafft er mit Ach und Krach die Versetzung in die nächsthöhere Schulklasse und der Vater lädt ihn zur Belohnung ins Kino ein. Weil „Ben Hur“ ausverkauft ist, sehen sie „Außer Atem“. Wütend verlässt der Vater das Kino während Michel glaubt zu verstehen, warum sein älterer Bruder den Film empfohlen hat.

Michels Lieblingsbeschäftigung ist Tischfußball, darin ist er sehr gut, er spielt mit Älteren um Geld und gewinnt häufig. In der Kneipe mit dem Kicker ist immer viel los und während er auf sein nächstes Spiel wartet, beobachtet er, wie dauernd Männer hinter einem Vorhang verschwinden und nicht mehr herauskommen. Irgendwann treibt ihn die Neugier hinterher und er findet sich in einem Schachclub wieder. Ein Dutzend rauchender Männer spielen Schach, andere schauen ihnen dabei zu. Noch mehr als darüber, dass in einem Raum, den der Wirt als Abstellraum benutzt, ein Schachclub tagt, wundert sich Michel über die Anwesenheit von Jean-Paul Sartre und Joseph Kessel. Auf der Tür hinter dem Vorhang steht mit Kreide der Titel gebende Name des Clubs der unverbesserlichen Optimisten.

Aus der Heimat geflohen

Bedenkt man, dass Kessel russische Eltern hatte und u.a. am Ural zu Schule gegangen war, stammen alle Klubmitglieder außer Sartre aus Osteuropa: „Sie hatten mehrere Dinge gemeinsam. Sie waren unter dramatischen oder phantastischen Umständen aus ihrer Heimat geflohen (…) Einige waren nie Kommunisten gewesen (…) Andere waren Kommunisten der ersten Stunde gewesen, zutiefst überzeugt, für das Wohl der Welt
einzutreten (…)Einige waren es noch immer (…) Sie stürzten sich in endlose Diskussionen (…)und stellten unmöglich zu beantwortende Fragen: Warum ist es schief gegangen? Wo haben wir uns getäuscht? Hatte Trotzki recht? Liegt die Schuld einzig bei Stalin, oder sind wir Komplizen,…Ungeheuer? Sind wir schuldig? Und die schlimmste Frage von allen: Wäre die Lösung nicht die Sozialdemokratie? (…) Oft verstummten sie, weil ihnen der Wortschatz fehlte. Igor, einer der Gründer des Clubs, setzte Französisch als gemeinsame Sprache durch. In diesem Punkt war er unnachgiebig…:“Wir sind in Frankreich, wir sprechen französisch. Wenn du polnisch sprechen willst, dann geh zurück nach Polen. Ich selbst bin Russe, ich will verstehen, was du sagst.“

Die Leserinnen und Leser lernen viele der Clubmitglieder näher kennen. Den Arzt, der nur als Krankenpfleger arbeiten darf und in einer Nachtschicht alle Kompetenzen überschreitend eine Fehldiagnose erkennt und da keiner der Klinikärzte erscheint, selbst einem Verletzten das Leben rettet.

Kellner, Boten, Taxifahrer sind sie, einer schleppt regelmäßig nicht mehr verkäufliche Lebensmittel von seiner Arbeit an, ein homosexueller ungarischer Schauspieler, verlässt seinen Partner, kehrt zurück und lässt sich vom Regime in Budapest feiern, weil er wegen seines Akzents in Paris keine Rollen bekommt. Alle befinden sich ständig in prekären Situationen. Ein französischer Polizeispitzel ist dabei, den alle längst durchschaut haben und fast schon liebevoll „Langohr“ nennen und Sascha, der als Laborant bei einem Fotografen arbeitet, kommt manchmal vorbei, wirdignoriert und verschwindet wieder. Igor reagiert aggressiv auf ihn, der sich aber nie gegen dessen Angriffe wehrt.

Für Michel wird der Club spätestens, nachdem sein Bruder zum Kriegsdienst nach Algerien eingezogen wird, zur Heimat. Die Migranten bemühen sich beharrlich, ihm das Schachspiel beizubringen und er wird auch Fortschritte machen.

Todestag von Camus

Eine der ergreifenden Momente bei der Lektüre ist die Schilderung des Todestages von Camus. Sartre ist da und wirkt wie versteinert, niemand spricht, niemand spielt – weder Schach im Hinterzimmer noch Tischfußball vorne. Der Kellner verteilt die Getränke wie auf Zehenspitzen und Sartre schreibt hier, im Club seinen Nachruf: „ein Zerwürfnis besagt nichts – (…) höchstens eine andere Art zusammen zu leben…“; die Migranten erschüttert dieser Text, den sie lesen können bevor Sartre ihn einsteckt. Michel fragt, warum und bekommt „Weil das genau unsere Probleme sind“, zur Antwort.

Es vergehen nach Camus Tod im Januar 1960 weitere fast fünf Jahre und gut 570 Romanseiten, in denen unendlich viel passiert. Zählt man es auf, glaubt man, es seien zu viele Themen für eine Geschichte, aber weil es ja die Geschichte von Michel ist, passt es sehr wohl. Beim Lesen blieb ich manchmal atemlos hinter den Ereignissen zurück, so wie es sich am Abend eines ereignisreichen Tages anfühlt, von dem man allenfalls die Hälfte auf Anhieb berichten kann. Abitur wird gemacht, die Mutter verstößt den Vater und trickst ihn finanziell aus, der berappelt sich mit Michels Hilfe trotzdem und eröffnet ein eigenes Geschäft in Bar-le-Duc. Die Erlebnisse des älteren Bruders und seiner Freunde in Algerien sind eine schwere Belastung, der Linksradikale stirbt dort, Liebesbeziehungen zerbrechen. Michel schreibt Gedichte und wird ein guter Fotograf. Sascha, der wirklich alles über die Fotografie weiß, ermuntert und berät ihn. Schließlich finden erste Fotos von ihm auch Käufer – was auch eine besondere Geschichte ist. Es gibt aufregende Liebesanfänge und vergebliches Warten, beeindruckende Kinofilme und in zäher Langeweile vertrödelte Tage. Rudolf Nurejew hat einen kurzen Auftritt und schickt Freikarten.

Wort und Widerspruch

Der Bruder wird des Mordes bezichtigt und zusammen mit seinem Vater versucht Michel, ihn vor der Militärpolizei zu verstecken. Aus Loyalität zu ihrer jüdischen Familie, die nach Israel übersiedelt, verässt die Geliebte den Helden des Romans unter Liebesschwüren. Angesichts von Michels Verzweiflung darüber diskutiert der ganze Club über Juden, über den Antisemitismus und über Verfolgte im Allgemeinen, wodurch Michel sich plötzlich ausgeschlossen fühlt und den Club verlassen will. Die Dialektik des Themas seine Wirkung auf Michel, dem es an entsprechenden Erfahrungen fehlt, erschließt sich aus Wort und Widerwort – man kann es kaum nacherzählen!

Schließlich stirbt der Wirt des Clublokals bei der Arbeit hinter seiner Theke und eine neue Zeit zieht dort ein; die Nachfolger bauen alles um und der Club verschwindet aus der Gegend am Boulevard Raspail. Man wähnt sich schon am Ende der Geschichte, als sie noch einmal richtig Fahrt aufnimmt. Sascha kommt – angeblich um der Wirtin sein Beileid auszusprechen – und Igor schlägt ihn in blindem Hass zusammen. Allein Michel rettet ihn vor den heftigen, haltlosen Schlägen und Fußtritten. Igor bekommt Hausverbot und Sascha kommt ins Krankenhaus und ein letztes Mal ist es unmöglich, das Buch beiseite zu legen. Es ist, neudeutsch, ein Pageturner, weswegen der Rest auch nicht verraten wird.

Hatte ich erwähnt, wie schön der Medici-Brunnen im Jardin du Luxembourg ist, wie toll der Park bei strömendem Regen sein kann, dass man sich bei einer Trennung wie Dostojewski vor dem Erschießungskommando fühlen kann? Und hatte ich eingestanden, dass meine Werbung für den Roman ganz anders, aber auch nicht besser gewesen wäre, als die des deutschen Verlags? Es ist ein antikommunistisches Buch. Es ist ein Schrei nach Freiheit. Deshalb passt es in unsere Tage. Spannend, unterhaltsam, wichtig – Lesen, unbedingt!

Jean-Michel Guenassia, Der Club der unverbesserlichen Optimisten. Roman. Aus dem
Französischen von Eva Moldenhauer; Insel-Taschenbuch 4136, Berlin 2012

Bildquelle: Insel-Taschenbuch-Verlag

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Wolfgang Wiemer

Politologe i.R.; arbeitete als politischer Referent, Büroleiter, Pressechef des Deutschen Bundestages und in der Parlamentsverwaltung; lebt in Bonn


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