KZ-Außenlager Schwerte
Gedenkstätte an das Außenlager vom ehemaligen KZ-Buchenwald in Schwerte Ost

Flüchtlinge in Schwerte könnten in ein altes, leerstehendes Rathaus. Streit um ehemaliges KZ-Außenlager hält an – Vorwurf der Geschichtsvergessenheit

Schwerte. Die breite Empörung traf Schwerte wie aus heiterem Himmel. Die westfälische Stadt im Kreis Unna will Flüchtlinge im ehemaligen Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald unterbringen. An die fatale Symbolkraft dieser Entscheidung hatte in der Stadtverwaltung wohl niemand auch nur einen Gedanken verschwendet.

Als „sachgemäß“ verteidigte Bürgermeister Heinrich Böckelühr (CDU) die Pläne vor Journalisten, die in ungewöhnlich großer Zahl zur Pressekonferenz gekommen waren. Schon die Wortwahl lässt darauf schließen, dass das Vorhaben im Rathaus bürokratisch routiniert gehandhabt wurde. Es fehlen Unterkünfte für Asylbewerber, und die Baracke steht leer. Da passen 21 Betten hinein. Fertig.

In das KZ-Außenlager pferchten die Nationalsozialisten 1944/45 rund 700 polnische Sklavenarbeiter. Sie mussten in einem Eisenbahnausbesserungswerk schuften. Die späte und langwierige Debatte über die Zwangsarbeiterentschädigung in den 1990er Jahren entriss die mehr als 130 Buchenwald-Außenlager dem Vergessen. Damals hatte Schwerte Vorbildcharakter. Die Stadt zählte zu den wenigen Ausnahmen, die das Geschehen schon gründlich aufgearbeitet hatten und mit einer Gedenkstätte daran erinnerten.

Maßgeblichen Anteil an der Unterschutzstellung des ehemaligen KZ-Außenlagers und der weithin anerkannten Aufarbeitung hatte der damalige Leiter des Kulturbüros in Schwerte, Herbert Hermes. Er hält die aktuellen Pläne der Stadt für „unglücklich“. Sie lassen das nötige Einfühlungsvermögen für die Menschen vermissen, die aus Verfolgungsgründen zu uns flüchten, sagt der Ruheständler im Gespräch mit dem Blog der Republik. Das Ansehen Schwertes habe bereits gelitten.

Dem Bürgermeister, der die Nutzung als Flüchtlingsunterkunft auch mit Hinweis darauf verteidigt, dass die Baracke schon in früheren Jahren für andere Zwecke genutzt worden sei, widerspricht Hermes. „Das ist kein normales Grundstück“, sagt er, und ein städtischer Beschluss sei eben keine private Entscheidung. Die „historische Belastung“ des Geländes stelle „die Kernfrage“ dar. Und genau diese Frage haben die Verantwortlichen offenbar ignoriert – auch der Rat der Stadt. Mit Ausnahme der Linken stützen alle Fraktionen den Plan.

In einer gemeinsamen Erklärung betonen Stadtverwaltung und Stadtrat, das betreffende Gebäude sei erst in den 1950er Jahren errichtet worden und habe bereits einen Kindergarten, ein Künstleratelier und in den 1990er Jahren auch Balkanflüchtlinge beherbergt. Luftaufnahmen belegten, dass nach dem Krieg alle Gebäude des Außenlagers abgerissen worden seien, bis auf eine Wachbaracke. Die sei aber, anders als von den Kritikern zunächst angenommen, nicht als Flüchtlingsunterkunft vorgesehen. Der Appell von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) an die Stadt Schwerte, von dem Vorhaben abzusehen, ging wohl daher ins Leere.

Zugleich entfällt damit die mögliche, in Schwerte auch gar nicht offensiv vorgetragene Lesart, dass die Hinterlassenschaften der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft 70 Jahre nach Kriegsende noch einem sinnvollen humanen Zweck dienen sollen.

Das Schwerter Beispiel zeigt die Überforderung vieler Städte, Flüchtlinge angemessen unterzubringen, auf besonders krasse Weise. Weil geeigneter Wohnraum fehlt, werden verfallene Gebäude, Container oder Zelte genutzt, die weder ein würdevolles Leben, noch eine Integration der Menschen ermöglichen. Doch ausgerechnet in Schwerte gebe es geeignete Alternativen, sagt Herbert Hermes. „Ein ganzes ehemaliges Rathaus steht leer.“ Diese Variante sei bisher jedoch nicht einmal öffentlich diskutiert worden. Unter dem Aspekt erhalten die Worte von Bürgermeister Böckelühr, die aus der Pressekonferenz zitiert wurden, einen beinahe zynischen Beiklang. „70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagte der Christdemokrat, „dürfen nicht alle Gebäude tabu sein.“

Hermes hadert mit der Geschichtsvergessenheit der „neuen Generation“ im Rathaus seiner Stadt. Sie habe ein Erbe angetreten, sagt er mit Verweis auf die Beschlüsse von Ende der 1980er Jahre, die das ehemalige KZ-Außenlager als Mahn- und Gedenkort erhalten sollten: „Der Geist dieser Beschlüsse muss weiterleben.“

Bildquelle: Wikipedia, Helfmann – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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