Geduld BVB, das wird schon wieder.

Vor Beginn der Fußball-Bundesligasaison 2014/15 wurde Borussia Dortmund von den meisten Trainern und anderen Fachleuten als der Verein angesehen, der dem FC Bayern München zwar nicht den Titel streitig machen würde, aber doch am ehesten Paroli bieten könnte. Als Zweiter der Liga würde der BVB ungefährdet wieder an die vor Geld überquellenden Töpfe der Champions League gelangen.

Diese Auffassung basierte auf der Tatsache, dass Jürgen Klopp seit 2008 die Mannschaft zu einer ganz großen in Europa geformt hat, die in der Bundesliga nicht immer den erfolgreichsten, aber doch den attraktivsten Fußball gespielt hat, jedenfalls bis Ende letzter Saison, ohne auf so ein großes, arriviertes Reservoir an Spielern zurückgreifen zu können wie z.B. der FC Bayern.

Wie sieht aber die Zwischenbilanz nach dem 8. Spieltag, also nach fast einem Viertel der zu absolvierenden Spiele aus? Borussia Dortmund findet sich mit sieben Punkten auf dem 14. Tabellenplatz wieder, 13 Zähler hinter dem bereits schon wieder mit vier Punkten führenden FC Bayern, mit 10:14 Toren und mit nur zwei Punkten Abstand auf einen Abstiegsplatz. Hinzu kommt das verlorene Revierderby gegen Schalke 04. Das sind die so ernüchternden wie beunruhigenden Fakten, man spricht sogar von einem historischen Fehlstart. Übrigens: Was für eine mit Stuttgart, Hamburg, Dortmund und Bremen illustre Ansammlung am Tabellenende! Freiburg stört da geradezu.

Vor dem letzten Spiel beim FC Köln hat Klopp gesagt, „Jetzt beginnt der Rest der Saison!“ Der Mannschaft muss also die Bedeutung des Spiels bewusst gewesen sein. Zwar hatte sich Durm beim Aufwärmen verletzt und musste ersetzt werden, dafür konnten aber die lange verletzten Reus, Gündogan und Mkhitaryan wieder eingesetzt werden. Dennoch ist es der Mannschaft nicht gelungen, selbst bei 64,2 % Ballbesitz, 6:3 Ecken und 16:5 Torschüssen zum Erfolg zu kommen. Auffällig waren wieder erhebliche spielerische Mängel, vor allem auch Abstimmungsprobleme zwischen den Mannschaftsteilen, viele, zu viele Abspielfehler sowie eklatante individuelle Fehler auch von gestandenen Führungsspielern.

Wie ist eine solche Situation möglich bei einer Mannschaft, die immerhin vier Nationalspieler zur WM-Teilnahme in Brasilien abgestellt hat, wenngleich von den Spielern Hummels, Großkreutz, Durm und Weidenfeller nur Hummels zum Einsatz kam?

Warum ist es Trainer Jürgen Klopp, der unbestritten zu den Besten der Liga zählt und dessen Motivationskünste geradezu legendär sind, noch nicht gelungen, die Leistungskurve der Mannschaft nach oben zu biegen?

Natürlich ist nicht zu übersehen, dass Spieler wie Kuba, Schmelzer, Sahin und Bender noch verletzt sind, aber diese Probleme haben andere Mannschaften auch. Warum können die Spieler aus der sog. 2. Reihe, die doch seit Jahren das Training mitmachen und die Vorstellungen und Vorgaben des Trainers kennen müssen, nicht ihr sicherlich vorhandenes Potenzial abrufen? Ein allgemeines, immer wieder zu beobachtendes Phänomen.

Ein weiterer Grund liegt sicherlich auch im Weggang von Götze, Lewandowski und Kagawa.

Aus meiner Sicht hat der Ausfall von Lewandowski das größere Problem hinterlassen; es fehlt ein Vollstrecker, der sich auch mal in einer 1:1-Situation durchsetzt und den Ball im Tor unterbringt. Kagawa ist nun wieder zurück, wohl noch nicht richtig fit, und Immobile, der die offensichtliche Schwäche im Sturm beheben soll, ist noch nicht in ausreichendem Maße integriert und braucht halt noch seine Zeit.

Klopp ist ein mit allen Wassern gewaschener Trainer, der seine Mannschaft in- und auswendig kennt; er wird die nach dem Gewinn des WM-Titels bestimmt vorhandenen rauschartigen Zustände der WM-Teilnehmer beseitigt haben, dennoch wirken die Spieler irgendwie gehemmt, die spielerischen Automatismen laufen nicht wie eben früher so selbstverständlich, es gibt viele, zu viele individuelle Fehler.

Was spielt sich in den Köpfen, in der Psyche der Spieler in natürlich individuell unterschiedlicher Weise ab, welches sind die individuellen sowie gruppendynamischen Abläufe, die die Arbeit eines Trainers so schwer machen und für die es keine genormten Vorgehensweisen gibt? Unzulängliche fußballerische Fertigkeiten spielen sicherlich keine Rolle.

Ich bin mir sicher, dass Jürgen Klopp diese Probleme in den Griff bekommen wird, es ist wirklich mal Geduld angesagt; hoffentlich ist dann aber der Zug in die Champions League noch nicht abgefahren. Der bei den Berufspessimisten bereits aufgetauchte Gedanke an die 2. Liga schadet nicht mal, so absurd ist das!

 

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Hartmut Schmidt

Der Autor war Fußballspieler, Trainer und Schiedsrichter. Heute analysiert Schmidt die deutsche Bundesliga und den DFB-Pokal mit einem scharfen Blick auf die Leistung der Unparteiischen.


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