Einer der ganz Großen des deutschen Fußballs ist an Alzheimer erkrankt: Gerd Müller war der Bomber der Nation – Bescheiden, sympathisch, bodenständig

Wer ihn damals gesehen hat auf dem Trainingsplatz an der Säbener Straße oder im Stadion an der Grünwalderstraße und später im Olympiastadion in München, der hat ihn geschätzt. Ich weiß es nicht genau, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Gerd Müller, einer der ganz Großen des deutschen Fußballs, Feinde hatte. Er trat stets bescheiden auf, führte nie das große Wort, spielte fair und schoss Tore am laufenden Band. Die Nachricht, dass dieser Mann an Alzheimer erkrankt ist, hat viele Menschen betroffen gemacht, die ihn kannten, ja erschüttert.

Ich habe ihn gesehen, wie er trainierte, damals in München. Als Studenten fuhren wir gelegentlich zum Trainingsgelände der 60er und der Bayern. Dort lief er rum, der kleine Mann mit den kurzen, aber kräftigen Beinen. Sein damaliger Trainer Tschik Cajkovski nannte ihn „kleines dickes Müller“, weil er ein wenig pummelig wirkte. Aber auf dem Platz da explodierte dieser Mittelstürmer, mit dem der Franz Beckenbauer einen Doppelpass nach dem anderen spielte und dafür sorgte, dass der Gerd in Position gebracht wurde. Und wenn der den Ball hatte, drehte er sich blitzschnell in den Gegenspieler rein oder um den herum und schoß- meistens ins Tor. Es waren nicht immer die so genannten Bomber-Tore, also mit Wucht ins Netz gedroschen, nein, der Gerd Müller „müllerte“, wie es hieß, die Bälle ins Tor, hin und wieder dem Torwart durch die Beine. Zur Erinnerung: Gerd Müller schoss das Siegtor gegen die Niederlande im WM-Finale 1974 in München. Deutschland war Weltmeister.

69 Jahre ist er alt, seinen 70. Geburtstag wird Gerd Müller zumindest nicht in der Öffentlichkeit feiern. Das hat der FC Bayern in einer Presseerklärung im Einvernehmen mit der Familie von Müller bekannt gemacht. Und das ist gut so. Er wird in guter, in bester Erinnerung bleiben, der Mann, den man den „Bomber der Nation“ nannte, weil er in 62 Länderspielen 68 Tore erzielt hatte und sagenhafte 533 Treffer in 585 Spielen für die Bayern schoß. Niemand wird ihn je überholen, auch nicht Robert Lewandowski, der Pole, der einst für den BVB spielte und seit einiger Zeit für die Bayern auf Torjagd geht.

Die Zuschauer im Stadion haben von ihm selten ein Foul gesehen, auch die heute üblichen Mätzchen und Schauspieleinlagen waren seine Sache nicht. Er spielte einfach und ziemlich gerade aus. Er war kein besonders schneller Läufer, aber seine Reaktionen am Ball waren pfeilschnell, der Gegner schaute ihm dann meistens hinterher. Diesen Kicker Müller musste man einfach mögen, auch wenn die anderen Mannschaften oft gegen die Roten aus Bayern verloren, die Dortmunder, die Schalker und die anderen, weil der Gerd Müller nicht zu halten war und ihnen gelegentlich allein die Bude voll haute.

Er hat alles gewonnen mit dem FC Bayern, er war mehrfach Deutscher Meister, er gewann mit den Bayern mehrfach das, was man heute die Champions League nennt, er wurde mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Welt- und Europameister. Am 3. November wird Gerd Müller 70 Jahre alt, eigentlich kein Alter. Aber die heimtückische Krankheit hat ihn erwischt. Er lebt seit einigen Monaten in einem Pflegeheim. Schade, dass man ihm dann nicht mehr die große Bühne bieten kann. Er hätte es verdient, wenngleich er selber diese Art von Shows nicht mochte. Dazu war er zu bescheiden.

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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  1. 7. Oktober 2015 @ 22:45 Einer der ganz Großen des deutschen Fußballs ist an Alzheimer erkrankt: Gerd Müller war der Bomber der Nation – Bescheiden, sympathisch, bodenständig - Der Blogpusher

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