Norbert Blüm

„ Herr Präsident. Sie sind ein Folterknecht“ – Norbert Blüm(CDU) erhielt die höchste Auszeichnung Chiles

Eine kleine, festlich arrangierte Feierstunde im Hotel Königshof zu Bonn: Chiles Botschafter, Patricio Pradel, hat zu einer seltenen Ehrung eingeladen. Das „Diploma de honor del gobierno de Chile“ haben vor Norbert Blüm nur wenige Auserwählte bekommen. „Mein Land bedankt sich für Ihre tapfere Hilfe, mit der Sie Tausenden von Chilenen das Leben gerettet haben“, sagt Chiles Botschafter an die Adresse des Geehrten – und der sichtlich bewegte Blüm erinnert sich in stockenden Sätzen, was sich vor fast dreißig Jahren zugetragen hat. Im Präsidentenpalast La Moneda von Santiago, wo der Sozialist Allende von Pinochets Putschisten 1973 ermordet worden war, hatte sich der deutsche Arbeitsminister mit Pinochet einen denkwürdigen Schlagabtausch geliefert. Noch heute ist der Achtzigjährige mit seinem damaligen Auftritt zufrieden: „So hatte mit dem wahrscheinlich nie einer geredet“.

Als Blüm zu seiner Reise nach Chile aufbrach, hatte er sich längst als unermüdlicher Streiter und Gegner von abstrakten Posen profiliert. 1974 hatte er sich in Athen mit der damaligen griechischen Junta angelegt, die den Schriftsteller Günter Wallraf eingesperrt hatte. Er war beim DDR-Regimekritiker Havemann in Ost-Berlin und hatte in Ankara die türkische Regierung wegen Menschenrechtsverletzungen kritisiert. Dabei fragte das Mitglied von Amnesty International selten nach politischer Opportunität. „Ich mag kein Korsett“, hatte er in einem Gespräch mit dem SPIEGEL betont und hinzugefügt, dass er sich bei Menschenrechten und Folter nur an seinen Gott und an das erste Gebot des Grundgesetzes-Die Würde des Menschen ist unantastbar- , aber an keinerlei Bevormundung halten werde .

Einmischung als Gebot bei Folter

„Politiker müssen oft handeln, ohne absolut sicher zu sein, was richtig ist. Aber in einem Punkt gibt es eine absolute Sicherheit: dass es keinen Grund auf der Welt gibt, Menschen zu foltern. Staaten, die dieses Instrument nutzen, scheiden aus dem Kreis von zivilisierten Ländern aus.“ Da schütze auch das oft bemühte Prinzip der Nichteinmischung nichts. „Wo es um die unverzichtbare Würde des Menschen geht, gilt Einmischung als Gebot. Keinen Zentimeter wird zurück marschiert.“

So wie Blüm dachten nicht viele in der CDU. Kurz vor der Abreise nach Chile hatte Kohls Regierung die Macht des Diktators gefestigt, indem man einen Weltbankkredit von 250 Millionen Dollar für das bankrotte Militärregime akzeptierte. Jetzt standen Kohl und der rechte CDU/CSU-Flügel vor der Frage, ob die Bundesrepublik sechzehn von der Todesstrafe bedrohte Inhaftierte aus Chile als politische Asylanten aufnehmen oder als Terroristen abweisen sollte, wie CSU-Innenminister Zimmermann gemeinsam mit CSU-Chef Franz-Josef Strauß verlangte, der bei einem Chile-Besuch dem Diktator noch geschmeichelt und das Fazit gezogen hatte, Chile sei keine Folterdiktatur, sondern ein „demokratisches und freies Land“.

Hunderttausende unschuldig verhaftet

Aber Hunderttausende wurden während der siebzehnjährigen Pinochet-Diktatur oft unschuldig verhaftet; viele Tausende überlebten Haft und Folter nicht. Nur wenige konnten entkommen.

Man muss sich an die peinlichen Erklärungen damaliger CDU-Größen erinnern, um die couragierte Reise Blüms heute historisch einzuordnen. Wo sich Blüm für die Menschenrechte engagierte und dafür als „Herz-Jesu-Marxist“ bespöttelt wurde, rechtfertigten rechte Unionspolitiker die Diktatur in Chile mit dem fadenscheinigen Argument, Pinochets Generäle hätten das Land vor dem Bürgerkrieg gerettet. CDU-Generalsekretär Bruno Heck hatte nach dem Sturz Allendes die Internierung Tausender Chilenen in einem Fußballstadion mit dem epochalen Satz kommentiert, die Unterbringung der Häftlinge auf dem blanken Zementboden sei „zwar ausgesprochen schlecht, die Häftlinge könnten sich aber den ganzen Tag über im Freien bewegen, was bei sonnigem Wetter für die Inhaftierten sicher angenehm, bei Regen und Kälte aber unerträglich und scheußlich“ sei.

Auf Kinderkörpern Kippen ausgedrückt

Norbert Blüm in Chile: das war auch der Auftritt eines Politikers, der den Streit mit der Militärdiktatur gesucht, gefunden und mit Hilfe Gleichgesinnter vorher geschickt inszeniert hatte. Schon am ersten Tag wurde er von Pinochet empfangen; Presse und Fernsehkameras waren zugegen, als der heikle Schlagabtausch begann. „Ich habe sofort geahnt, was auf mich zukam“, sagt er heute. „Aber ich wollte mich nicht auf eine harmlose Plauderei einlassen. Deshalb habe ich sofort mit aller Deutlichkeit und gewissermaßen zum Mitschreiben gesagt: „Herr Präsident. Sie sind ein Folterknecht.“

Auf solche Attacke hatte sich der Minister gründlich vorbereitet. Nach tagelangen Recherchen bei chilenischen Oppositionspolitikern, Menschenrechtsorganisationen, Kirchen, Anwälten, Inhaftierten und deren Verwandten wusste der deutsche Unruhestifter, was im südamerikanischen Unrechtsstaat Schlimmes geschah. Ohne diplomatische Floskeln forderte er den Präsidenten ultimativ auf: „Machen Sie Schluss mit der Folter“. Er habe mit Erschrecken gehört, zu welchen Grausamkeiten Pinochets Helfer fähig seien, „beispielsweise auf Körpern von Kindern Zigaretten auszudrücken, damit deren Schreie die Mütter gefügig machten“.

Sie werden in der Hölle schmoren

Pinochet habe auf die Vorhaltungen hin nur mühsam die Fassung bewahrt, erzählt Blüm und schmunzelt. Der Diktator habe natürlich alles angezweifelt, was er ihm berichtet habe. Das seien nur Lügen, allesamt von Kommunisten erfunden. Jene angeblich gefolterte junge Frau, die mit Benzin übergossen und angezündet worden sei, habe das wohl alles selber getan. Aber Blüm hakte nach: „ Und danach hat sie sich sechzehn Kilometer weit in einen Straßengraben geschleppt, um verzweifelt um Hilfe zu rufen?“ Der General sei trotzdem ausgewichen, habe abgelenkt und auf das barocke Holzkreuz an der Wand gezeigt: „Zu dem bete ich täglich“. Blüm holte zu seinem letzten, vorher gut ausgedachten Schlag aus: „Der liebe Gott kennt die Namen und Adressen aller Ihrer Opfer, Herr Präsident. Sie kommen nicht in den Himmel. Sie werden in der Hölle schmoren“.

Pinochets zwiespältiges Angebot folgte kurz darauf: Auf seinem Schreibtisch befinde sich eine Liste mit sechzehn Namen von Verurteilten, die nur auf ihre Hinrichtung warteten. Darüber habe er mit seiner Unterschrift unter die Dekrete allein zu entscheiden. Er würde auf die geplante Hinrichtung verzichten, wenn Deutschland den in Chile dem Tod Geweihten politisches Asyl gewähre. Der Diktator spekulierte darauf, dass diese Rechnung nicht aufgehen und rechte Unionschristen den Bittsteller Blüm bloßstellen und als Maulhelden entlarven würden.

Strauß tobte -Die Grünen halfen Blüm

Aber es kam anders: Strauß tobte zwar in München wie gewohnt, und die Bonner CDU reagierte auf Blüms öffentlichkeitswirksamen Auftritt mit großem Befremden. Aber der Versuch, Blüms Anliegen öffentlich zu ignorieren, scheiterte kläglich. In einer Sondersitzung des Bundestages zum Thema Chile setzte die CDU/CSU-Fraktion unter Führung von Rudolf Seiters den „Kleinen mit der großen Klappe“ zwar auf den letzten Platz der Rednerliste, und gefügige Parteifreunde redeten zu lange, um den Streitbaren an seinem Redeauftritt zu hindern. Aber die Fraktion der Grünen zeigte sich solidarisch und schenkte Blüm den eigenen vorletzten Platz, damit er das Grauen des Militärregimes ausführlich schildern konnte. „Später kam Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht und versprach, den sechzehn Häftlingen aus Chile Asyl in Niedersachsen zu gewähren. So ist es auch gekommen“.

Viele Jahre später besuchten Norbert und Marita Blüm in Santiago ihre dort studierende Tochter. In einer Markthalle habe plötzlich ein Mann vor ihm gestanden und ihn gefragt, ob er der Blüm aus Deutschland sei. Er habe genickt. „Der fremde Mann fiel mir um den Hals und drückte mich so fest, dass ich fast keine Luft mehr bekam. Dann sagte er: Sie haben mein Leben gerettet. Ich bin einer der Verurteilten, die damals hingerichtet werden sollten“.

Bildquelle: Wikipedia,  J.-H. Janßen, CC BY-SA 3.0

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Volker Mauersberger

Dr. Volker Mauersberger begann seine journalistische Laufbahn beim WDR in Köln, war ARD-Korrespondent in Spanien und Chefredakteur von Radio Bremen. Er schrieb Sachbücher, politische Biografien und einen Doku-Krimi; er lebt halbjährlich in Bonn und Madrid.


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