Aleppo

Heuchelei um Aleppo und tränenreiche Betroffenheit

Selten ist ein gleiches Ausmaß an Heuchelei zu betrachten wie derzeit um Aleppo. Das Bombardement des Ostteils der zweitgrößten Stadt in Syrien scheint zu Ende zu sein. Nicht aber das Betroffenheitsgeschwätz im Westen. Von dort kein einziger sinnvoller Vorschlag, wie das Morden beendet und wenigstens der Ansatz einer gewaltfreien Perspektive gefunden werden könnte. Nun also offenbar doch weiter ein gesicherten Korridor aus der Stadt, der es der geschundenen Zivilbevölkerung und den Kämpfern gegen Assads Truppen ermöglicht, aus den umkämpften Stadteilen abzuziehen. Jeder, der aus dem Inferno heraus kommt, wird wissen, dass er dies Russland zu danken hat. Der als Hauptschurke ausgemachte Kremlchef Putin war es, der es ermöglichte. Merkwürdig wie sich die Riege der Moderatoren in den Nachrichtenprogrammen darum drücken, diesen Tatbestand auch zuzugeben.

Unter den Überlebenden der Fassbomben der Assad-Truppen sind viele verwundete Zivilisten und Kämpfer. So sie überhaupt transportfähig sind, und, sicheres Geleit vorausgesetzt, könnten sie jetzt endlich medizinisch versorgt werden. Dabei ist nicht anzunehmen, dass dies unter den Bedingungen im syrischen Kampfgebiet auch möglich ist. Fast erleichtertes Aufatmen, dass NATO-Generalsekretär Stoltenberg ein militärisches Eingreifen der NATO in Syrien wenigstens als nicht hilfreich zurückgewiesen hat.

Wo bleibt die Luftbrücke?

Dafür auf dem EU-Gipfel in Brüssel wieder nur, dafür aber reichliche Betroffenheitslyrik. Angeblich Tränen in den Augen der Regierungschefs und -Chefin, als sie bei ihrer Tagung dem Bürgermeister von Ost-Aleppo zugehört hatten.

Aber auch unter Tränen war kein Angebot zu hören, um wenigstens ein paar hundert der schwer kriegsverletzten Zivilisten oder Kinder in Krankenhäuser ihrer Länder aufzunehmen. Oder wenigstens eine Luftbrücke anzubieten, um humanitäre Hilfe Wirklichkeit werden zu lassen.

Stattdessen war in Brüssel zu vernehmen, dass Asylsuchende künftig in Sammellager in Ägypten, Mali, Libyen und, und, und untergebracht werden sollen, damit Flüchtlinge dort Asylanträge stellen können und dort auch ihre Ablehnung entgegen nehmen dürfen. Natürlich um den Schlepperbanden das Handwerk zu legen (vorsicht Ironie) und das Massengrab Mittelmeer nicht weiter zu füllen (ebenfalls Ironie). Wichtig allein, der zerstrittenen EU nicht weiter auf die Nerven zu gehen. Darüber wurde in Brüssel verhandelt. Tränen hin oder her.

Bildquelle: Qasioun News, Screenshot Youtube, Public Domain

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Uwe-Karsten Heye

Der Print- und Fernsehjournalist arbeitete unter Gerhard Schröder als Regierungssprecher bevor er als Generalkonsul nach New York ging. Heye ist Autor mehrerer Bücher und bloggt vor allem zu den Themen Rassismus und Antisemitismus.


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