Der neue Schorlau: Hintergründige Aufklärung im spannenden Krimiformat

Es gibt politische Zusammenhänge, die wir alle erahnen: Macht, Machenschaften, Machtmissbrauch, Geld, Korruption, Betrug, etc. All dies beeinträchtigt unser Leben auch in einer parlamentarischen Demokratie in unterschiedlich gravierender Weise, auch wenn wir nur weniges genau wissen.

Und es gibt sie gleichzeitig: unser aller Überforderung, mit den Informationen, mit den Fakten „angemessen“ umzugehen, die Zusammenhänge dergestalt zu begreifen, auf dass sich auch im Einzelnen etwas wirklich spürbar zum Gerechteren entwickelt.

Wir spüren die Eigendynamik des kapitalistischen Systems, die uns schleichend krank macht, die uns schwächt.

Wir wissen allerhand, wir sind empört, doch der banale Alltag holt uns ein. Da passen all die theoretischen Schriften und ihre konzentrierte Lektüre auf die Dauer nicht mehr so richtig in unser hektisches Zeitbudget, das gekennzeichnet ist von einer pausenlosen Reizüberflutung, die eher zum müden Abschalten einer geschundenen Wahrnehmung auch in der so genannten Freizeit führt.

Eine sehr unterhaltsame und informative Möglichkeit, mit allerhand politischen Ungereimtheiten dennoch vergnüglich und gleichermaßen empört umzugehen, bieten die Kriminalromane von Wolfgang Schorlau. Selten habe ich die jeweils konkreten Atmosphären mit den informativen Hintergründen so hellsichtig verbunden erlebt, wie bei diesem deutschen Schriftsteller, Jahrgang 1951.

Ob die fiesen Deals in der Wasserversorgung unserer Kommunen, die Vertuschungen aktueller Politiker von historisch niemals verjährten Naziverbrechen und neofaschistischer Attentate, wie das Komplott in München, der Privatdetektiv Georg Dengler, ein ehemaliger BKA-Kommissar, begibt sich immer wieder in Teufels Küche, stört die Kreise der hohen Herren, manchmal auch Damen, die ihre Geschäfte dann nicht mehr ganz so reibungslos durchziehen können. Mehr sei hier nicht verraten. Die beiden neusten Romane basieren wieder auf sehr genauen journalistischen Recherchen. Im Krimi „Die letzte Flucht“ begibt sich Wolfgang Schorlaus Protagonist in die todbringenden Gefilde der Pharmaindustrie. Und die Leser können nachempfinden, wie gerne der Autor seinen Detektiv mit dem Spür-Sinn für die versteckten kriminellen Energien auch in der Politik auf die Spur von nur anscheinend redlichen Kaufleuten bringt, wie präzise man sich durch die werbewirksamen Strategien der Lobbyisten hindurch bewegen muss, und welch findige Beharrlichkeit notwendig ist, um diesem riesigen Geschäft mit unserer Gesundheit beizukommen. In seinem siebten Roman „Am Zwölften Tag“ gerät der Sohn Jakob Dengler mit seiner Clique von Tierschützern in die brutalen Fänge der mafiösen Fleischindustrie aus Deutschen Landen. Genauestens wird den Lesern geschildert, wie entsetzlich grausam es in der Massentierhaltung zugeht, wie der Fetisch der „Stückzahlen“ realisiert wird, die kolossale Ausbeuterei der schutzlosen Arbeiter aus Osteuropa.

Ja, es kann zumindest demjenigen ziemlich übel werden, der bis jetzt die eiskalten und ekelerregenden Fakten seines tagtäglichen Fleischkonsums verdrängt und beschönigt.

Dennoch: im Sinn unser aller Verantwortlichkeit für unser Tun und Lassen – die Romane des Wolfgang Schorlau klären uns nachhaltig auf, und schließlich lebt es sich gesünder, an Leib und an Seele, wenn wir weniger auf Kosten anderer Mit-Geschöpfe – Menschen und Tiere – unserem so genannten Wohlstand frönen.

Und so reist der beharrliche Schriftsteller mit seinem freundlich melancholischen Impetus des Aufklärers durch die Lande – wie neulich nach Radolfzell und diskutiert im geräumigen Buchladen ausführlich mit seinen LeserInnen und denen, die es werden mögen.

Sein neuster Roman „Die schützende Hand“ behandelt all die monströsen Ungereimtheiten, die uns unser deutscher Staat und seine so genannten Verfassungs-Schützer jahrelang desinformierend offeriert haben. “Wieviel Staat ist im NSU?“, das fragt sich der Autor, dessen literarische Arbeit auch in diesem Buch besonders durch die flankierende Recherche des Journalisten Ekkehard Sieker an erschreckender Authentizität gewinnt. Derart „geschlossene Systeme“ wie der deutsche Staatsapparat mit seinen Geheimdiensten dürfte jene Gewalt mit hervorbringen, die er angeblich bekämpft, so aber werden verwerfliche Charaktere parallel quasi mit produziert, und diese schaden uns Allen!

 

Wolfgang Schorlau: Kiwi Taschenbücher: jeweils 9,99 €

Bild: Von Elke Wetzig – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33268631

 

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


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