Im Spiel ist vieles dann ganz anders

Bei dem vor einem bevorstehenden Spiel obligatorischen Pressetermin analysieren Trainer und auserkorener Spieler den kommenden Gegner in beeindruckender Weise bis ins Kleinste. Sie lassen erkennen, dass man den Gegner nicht unterschätzt und genau weiß, wie man diesen, natürlich immer besonders unangenehmen Gegner bezwingen wird. Wer mag daran zweifeln?

Im Spiel ist dann alles ganz anders – völlig  überraschend. Der Gegner hat ja wirklich mit acht oder neun Spielern im oder vor dem Strafraum gestanden und die Räume eng gemacht. Das ach so lieb gewonnene Kurzpassspiel konnte ja gar nicht oder nur mit allergrößter Mühe und etwas Glück zum Ziel, also ins Tor führen.

Jahrelang ist Philipp Lahm als Verteidiger für seinen Offensivdrang gelobt worden, fast schon egal, ob auf Links oder auf Rechts. Und es ist beklagt worden, dass auf der anderen Seite kein gleichwertiges Pendant vorhanden war. Khedira und Schweinsteiger haben ein fast schon ideales Paar im Mittelfeld abgegeben. Und dann der Sturm mit einer Flügelzange und einem so genannten Stoßstürmer, aber alle Drei mit dem einzig gewinn-, sprich siegbringenden Drang zum vertikalen Spiel, also direkt zum Tor. Dahinter Kroos und Özil, die nach hinten arbeiten, den Ball verteilen und eben auch mal „steil gehen“ können. Von der Fähigkeit der beiden, bei sich bietender Gelegenheit aus der Distanz zu schießen, ganz zu schweigen.

Diese Meinung vertreten Millionen Hobbytrainer und eben auch die Boulevardpresse – leider! Denn da wird sich Cheftrainer Löw nicht beeinflussen und etwas anderes, etwas ganz Besonderes einfallen lassen, das kann man doch wohl erwarten. Also Lahm zur Effizienzminderung ins hintere Mittelfeld, Flügelunterstützung durch die Verteidiger ist ohnehin eine überholte Spielweise (machen ja alle!), und die nicht durch übergroße Schnelligkeit aufgefallene Viererkette rückt raffinierterweise bis zur Mittellinie vor, denn man hat ja noch den Neuer, der wird es bei gelegentlichen, blitzschnellen Kontern schon richten. Diese lästigen Konter hätten ohnehin durch das eigene Mittelfeld unterbunden gehört, so war es schließlich abgesprochen; aber der Gegner war wohl nicht informiert.

Wie wäre es denn mit Weidenfeller im Tor und den ungeniert beidfüßig schießenden, schnellen, nervenstarken Neuer gleich in die Viererkette! Das würde sogar den eigentlich nicht mehr zu überbietenden Einfallsreichtum bei der sensationellen Freistoßvariante aus dem Algerienspiel, als Müller im Anlauf zu Boden ging, noch in den Schatten stellen.

Aber zur Beruhigung: im Spiel gegen Frankreich wird alles anders, besser. Denn die französische Mannschaft macht nicht „hinten dicht“, sucht selbst das Spiel nach vorne, will eigene Tore nicht dem Zufall eines gelegentlichen Konters oder einer erfolgreichen Schwalbe überlassen. Die passen endlich mal zur derzeitigen Taktik und Spielweise der deutschen Mannschaft.  Den voraussichtlich siegreichen Ausgang wird auch Herr Lahm im hinteren Mittelfeld nicht verhindern können.

 

 

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Hartmut Schmidt

Der Autor war Fußballspieler, Trainer und Schiedsrichter. Heute analysiert Schmidt die deutsche Bundesliga und den DFB-Pokal mit einem scharfen Blick auf die Leistung der Unparteiischen.


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