Matthew Lynn
Mehr als eine Urlaubslektüre: Matthew Lynn zeigte schon 2011, wie Politik, Finanzwelt und Gesellschaft über Jahre hinweg die Augen vor dem Offensichtlichen verschlossen haben, nämlich, dass Schulden nicht mit neuen Schulden abgebaut werden können und dass der Euro weniger ein Segen für die Volkswirtschaft als deren Untergang sein könnte.

Kein Grexit und kein Grexitus 

Auch wenn ein delphisches Orakel gewagt wäre und wenn die Aussichten für Griechenland in Europa unübersichtlich bleiben: Wir Deutschen müssen endlich begreifen, dass nicht alle Völker so ticken wie wir. Lernen müssen wir auch, dass sie unseren Ratschlägen nicht folgen. Und erst recht müssen wir akzeptieren, wenn sie unsere Vorbedingungen nicht erfüllen. Als Europäer sind wir verpflichtet, darauf zu achten, dass es keinen Grexit gibt und keinen Grexitus geben wird.

Gerade 70 Jahre ist es her, dass die deutsche Wehrmacht und Adolf Hitlers SS Griechenland besetzt hatten, ausplünderten, in Brand setzten und zerstörten. Davon wissen Hellas-Touristen nichts, wenn wir dort unsere Sonnenferien verbringen. Und die Griechinnen und Griechen denken nicht mehr daran, wenn wir ihre Gäste sind. Nur noch die Uralten haben die Nazi-Gräuel im Kopf.

Alle anderen haben ihre eigenen Köpfe. Sie wollen sich nicht belehren lassen von Politikern wie Wolfgang Schäuble, Sigmar Gabriel oder Horst Seehofer, denen die Kenntnisse, die Einsichtsfähigkeit und die Feinfühligkeit fehlen, mit Besonderheiten der griechischen Geschichte und Gegenwart, mit griechischen Mentalitäten und Eigenwilligkeiten umzugehen.

Auch maßgebliche Fernsehkommentatoren wie Siegmund Gottlieb, Anja Kohl oder Rolf-Dieter Krause verbreiten germanozentrische, börsenbeeinflusste und Brüssel-inspirierte Meinungen. Rücksichtslos gegenüber der griechischen Bevölkerung lassen sie sich von vertrags-mechanistischen Überlegungen der Finanz- und Bankenwelt mit ihren klassischen Institutionen leiten. Viele Griechen, nicht nur die in Deutschland lebenden, wissen, welche schrägen Bilder ihres Landes von Talkrunden-Dauergästen wie Wolfgang Bosbach oder Hans-Werner Sinn gezeichnet werden.

Der als Finanzminister zurückgetretene Syriza-Politiker Yanis Varoufakis ist in Deutschland systematisch als Störenfried und Buhmann aufgebaut worden, der angeblich Benehmensregeln nicht beherrsche und sich extravagant aufführe. Dass er in die Brüsseler Konferenzsäle mit heraushängendem weißem Oberhemd und ohne Seidenschlips eilte, schien manchen Reportern wichtiger als seine Vorschläge, Ideen und Visionen.

Varoufakis als unkonventioneller Vordenker einer anderen Finanzpolitik in Europa, vielleicht sogar eines anderen Finanzsystems – damit mochten sich die auf Summen und Kurse fixierten Journalisten nicht beschäftigen.

Zu hoffen ist, dass Varoufakis nicht locker lässt und mit anderen Finanzfachleuten Systeme entwickelt, die besser in die Wirklichkeit der Welt passen als die für Krisen aller Art nur kurzfristig geeigneten Instrumente, die gleich verbraucht und wieder unpassend sind, wenn eine neue Variante die globale Wirtschaft stört.

In Deutschland ist größtenteils nicht verstanden worden, warum mehr als 60 Prozent der Griechinnen und Griechen „Nein“ zu weiterem Abstieg  gesagt haben. Sie können nicht mehr und wollen nicht mehr in einem vom überheblichen Rest Europas missachteten Land leben, dem niemand mehr helfen mag, wenn es keine Gewinne – wie bei Olympischen Spielen oder aus Rüstungsgeschäften – mehr abwirft. Kennzeichnend ist, dass in fast jede Affäre mit Schmier- oder Schwarzgeldern, die in Griechenland aufgedeckt wurde, irgendeine deutsche Firma verwickelt war: Waffen-, Pharma-, Bau- und Elektronikunternehmen – viele wurden verdächtigt, nur wenige wie Siemens überführt.

Mit den seit dem Ende der Militärdiktatur (1967-1974), dem EU-Beitritt (1981) und der Übernahme des Euro (2001) teils fahrlässig unkontrollierten und teils kriminell gewachsenen Hinterlassenschaften griechischer Regierungen konnte die im Januar 2015 gewählte linke Syriza-Regierung nicht binnen fünf Monaten aufräumen. Es wäre die Pflicht der nordeuropäischen Demokratien, das Versäumte nachzuholen anstatt Griechenland, das nur 2,2 Prozent der EU-Bevölkerung hat, immer fester auszupressen oder gar sich selbst zu überlassen. Was käme denn nach einer Syriza-Regierung, wenn sie scheiterte? Die konservative Nea Demokratia und die sozialdemokratische PASOK haben – im Wechsel und gemeinsam – versagt. Wenn der Rest Europas einschließlich seiner fragwürdigen rechtsnationalistischen und rechtspopulistischen Parteien (auch in Athen ist ärgerlicherweise eine von ihnen an der Regierung beteiligt) die Mehrheit der Bevölkerung und Syriza und ihren Ministerpräsidenten Alexis Tsipras nicht ernst nimmt oder bewusst nach außen drängt, dann werden die Menschen eines Tages rechtsextrem wählen. Eine solche Partei gibt es schon, sie nennt sich Goldene Morgenröte.

Die wollen wir nicht. Jetzt ist Gelegenheit, mit frischen  Gedanken und wachsamer Intelligenz ein Europa der Solidarität, der Partnerschaft und der sozialen Demokratie zu bilden. Nicht das Europa, wie es sich die Finanzwelt wünscht.

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Helmut Lölhöffel

Der Journalist arbeitete als Redakteur beim Kölner Stadtanzeiger, dem ddp und der Süddeutschen Zeitung, bevor er als Senatssprecher in Berlin tätig wurde. Heute koordiniert Lölhöffel das Projekt Stolpersteine und ist Kommunikationsberater beim Deutschen Behindertensportverband.


'Kein Grexit und kein Grexitus ' hat 2 Kommentare

  1. 10. Juli 2015 @ 09:44 Thomas

    Hier muss jetzt schnellstmöglich eine Lösung her und es muss darüber nachgedacht werden, was in Zukunft verändert werden muss, dass kein weiteres EU Land in eine solche Situation kommt, denn das kann am Ende jeden betreffen.

    Antworten

  2. 13. Juli 2015 @ 13:27 Annette

    Genau so ist es! Mir aus der Seele gesprochen! Es geht in Europa vor allem um gegenseitiges Verständnis und Toleranz der jeweils anderen Kultur gegenüber – bei allen „Fehlern“ auf BEIDEN Seiten.

    Antworten


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