Rosenmontagszug, Köln 1825

Köln steht auf – Karnevalisten gegen Populisten

Was als kaum beachtete Episode am Rande des Karnevals begann, hat sich zu einem beachtlichen Eklat entwickelt. „ Mit solcher Zustimmung hatten wir nicht gerechnet“, meint Christian Blüm, Schlagzeuger der Kultgruppe „ Brings“, die neben „ Bläck föös“, „Höhner“, „Paveier“ , „Cat Ballou“und „Casalla“ zu den Musikgrößen der Stadt gehört . Von seinem Vater, dem früheren Arbeitsminister Norbert Blüm, hat der Sohn die Neigung zum politischen Engagement geerbt. „ Wir müssen uns einmischen und Haltung zeigen“, sagt der Junior, „ auf einer Bühne, wo gehetzt wird, dürfen wir nicht einfach fröhlich sein und spielen“. Damit will er den breiten Protest bekannter Kölner Karnevalisten, Büttenredner und Musiker an die Adresse der Hotelkette Maritim erklären, die ihre Tagungsräume der rechtspopulistischen AfD für einen Bundesparteitag zur Verfügung stellen will.

Der Widerstand der Kölner Jecken ist beachtlich und beweist, dass der rheinische Karneval nicht nur Folklore und lokales Brauchtum repräsentiert, sondern jederzeit in Politisches umschlagen kann. Unvergessen bleibt jener 9.November des Jahres 1992, als sich über Hundertausend Kölner auf dem Kölner Chlodwigplatz einfanden, um am Jahrestag der Pogromnacht gegen Brandanschläge in Rostock-Lichtenhagen und andere Überfälle Flagge zu zeigen. Das legendäre Konzert unter dem Motto „ Arsch huh“ ist Kult; zwanzig Jahre danach gab es unzählige Sympathisanten, die sich erneut zum Revival einfanden – ein Beweis für unkonventionelles Denken und Liberalität, die Köln bekanntlich seit der Römerzeit prägt.

Völkermühle Europas

„ Jeder Jeck ist anders“, lautet das Lebensmotto dieser Stadt: In der weltbekannten „ Völkermühle Europas“ lässt man nicht mit sich spaßen, wenn es um Respekt vor Ausländern und Flüchtlingen geht. „Köln stand, steht und soll immer stehen für Weltoffenheit, Toleranz und Nächstenliebe“, heißt es in einem Aufruf, den alle karnevalistischen Initiatoren gemeinsam mit den sogenannten Traditionskorps der Stadt formulierten.

Man hofft auf Kardinal Wölki

Noch hofft man darauf, auch Kardinal Rainer Maria Woelki als prominenten Unterstützer zu gewinnen. Der katholische Kirchenfürst ließ bekanntlich am Kölner Dom das Licht ausknipsen, als vor zwei Jahren in Köln eine Pegida –Demonstration abgehalten wurde. Mit breiter Zustimmung seiner einheimischen Gläubigen könnte der populäre Kardinal rechnen. Der Protest der Musikgruppen wird von fast allen bürgerlichen Kreisen der Stadt getragen, die sich dagegen verwahren, dass Köln von AfD-Propagandisten wie Björn Höcke , Alexander Gauland oder Frauke Petry zum „ Leuchtturm für einen Kampf gegen Flüchtlinge“ umgedeutet wird. Die Büchsenspanner der AfD haben Köln seit der Silvesternacht zur Stätte erkoren, wo ein „ zeitweiligen Zivilisationsbruch“ stattgefunden habe. Apokalyptische Übertreibungen wie diese, die fast an Spenglers „Untergang des Abendlandes“ erinnern, brauchen Rechtspopulisten in der Hoffnung, um aus spektakulären Vorfällen wie der Silvesternacht billiges, politisches Kapital zu schlagen. „

Mit Hannelore Kraft und Henriette Reker

Neben Ministerpräsidentin Hannelore Kraft(SPD) und Kölns parteiloser Oberbürgermeisterin Henriette Reker haben sich alle Parteien zustimmend zu dem Plan geäußert, die Hotelkette zu einer Verlegung des AFD-Parteitages zu ermuntern. Bleibt die Direktion hart, ist am Tag des AfD-Parteitages ein „ Konzert der Kulturen“ auf dem Kölner Neumarkt geplant, zu dem man über fünfzigtausend Sympathisanten erwartet. Der Kardinal soll aus Solidarität den „dicken Pitter“ läuten lassen, so hofft man: Gemeint ist die größte, schwingende Domglocke der Welt, die nur aus besonderen Anlässen in Bewegung gesetzt wird.

Nicht nur Privates, auch Karnevalistisches ist in Köln politisch. Oder, wie es im Volksmund heißt: „ Denne, die met dem Strom schwemme, soll mer et Wasser affrave“ – wer mit dem Strom schwimmt, dem sollte man besser gleich das Wasser abgraben!

Bildquelle: Wikipedia, Jodocus Schlappal – Grafische Sammlung Kölner Stadtmuseum, gemeinfrei

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Volker Mauersberger

Dr. Volker Mauersberger begann seine journalistische Laufbahn beim WDR in Köln, war ARD-Korrespondent in Spanien und Chefredakteur von Radio Bremen. Er schrieb Sachbücher, politische Biografien und einen Doku-Krimi; er lebt halbjährlich in Bonn und Madrid.


'Köln steht auf – Karnevalisten gegen Populisten' hat einen Kommentar

  1. 11. Februar 2017 @ 17:51 Doro Steinbach

    Und diese Gruppe steht für Toleranz?

    Antworten


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