Atobahnkirche

Komm mal zur Ruhe! Es gibt 44 Autobahnkirchen in Deutschland

Deutschlands Autobahnen sind Stressstrecken. Rechts raus, ein kurzer Halt, durchatmen, auftanken und weiter geht der wilde Ritt. Frischer Sprit aus der Zapfsäule, der schnelle Kaffee als Muntermacher, Fast Food für die Eilenden, die ihrem Ziel entgegenhetzen, Termine vor Augen, Zeitdruck im Nacken. „Komm mal zur Ruhe“ lesen die Getriebenen vom Turm der Epiphaniaskirche in Bochum an der A40. Das Gotteshaus ist eine von 44 Autobahnkirchen in Deutschland. Hier kann die Seele rasten.

Rund eine Million Menschen besuchen nach Angaben der „Versicherer im Raum der Kirchen“ jedes Jahr eine Autobahnkirche. Der aus einem Pfarrerselbsthilfeverein hervorgegangene Verband betreut das Netz von 19 evangelischen, acht katholischen und 17 ökumenisch getragenen Häusern, die an Raststätten, Autohöfen oder nah einer Autobahnabfahrt zur Entspannung, Besinnung und Andacht einladen. In Bochum kamen die Pfarrer zu ihrer Jahreskonferenz zusammen.

Michael Otto, Pfarrer der Epiphaniaskirche in Bochum-Hamme, die zugleich Autobahnkirche Ruhr ist, zählt um die zehn Besucher täglich. Ralf Steiner von der ältesten evangelischen Autobahnkirche Exter, die 1959 eröffnet wurde, schätzt für sein Haus zwischen 50 und 100 Tagesbesucher. Oft seien es berufstätige Männer im mittleren Alter, die in die Kirchen einkehrten, zehn bis 15 Minuten verweilten und gestärkt in den Alltagsstress zurückkehrten.

Spende in Höhe von 4000 Euro

Allein aus Spenden der Besucher oder Zuwendungen etwa der Stadtwerke werden die zusätzlichen Energie- und Unterhaltungskosten für die verlässlich von acht bis 20 Uhr, mancherorts rund um die Uhr geöffneten Kirchen bestritten. Michael Müller, Pfarrer einer Autobahnkirche in Sachsen, berichtete von einer Spende in Höhe von 4000 Euro, die seine Gemeinde von einem Gast für die Restaurierung einer Friedhofsfigur erhielt.

Müller erzählte auch von den Farbschmierereien so wie Otto von vier eingeschlagenen Türen in Bochum und Steiner vom Diebstahl des Altarkreuzes in Exter sowie von Hakenkreuzen in Baden-Baden. Derlei Vorkommnisse aber brächten die Gemeinden nicht von dem Projekt Autobahnkirche ab, auf das sie stolz seien – 365 Tage im Jahr, offen für alle. Auch für Muslime, die Pfarrer Otto um Erlaubnis fragten, ihren Gebetsteppich an dem Ort der Ruhe ausrollen zu dürfen. Sie durften.

Schlechte Beschilderung

Die Pfarrer beklagen einen Trend zur schlechteren Beschilderung. „Piktogramme allein sind nicht genug“, sagte Birgit Krause nach der zweitägigen Konferenz, „viele verstehen das Zeichen gar nicht.“ Deshalb setzen sich die Vertreter der Autobahnkirchen für eine bundesweit einheitliche Beschilderung ein. Sie wollen die Auffindbarkeit durch mobile Endgeräte im Internet verbessern und entwickeln außerdem Gebetshilfen in mehreren europäischen Sprachen.

Die 21 Teilnehmer der Beratungen in der Bochumer Autobahnkirche bereiteten außerdem den Tag der Autobahnkirchen am 3. Juli vor und diskutierten die Frage, ob es in reinen Autobahnkapellen, die nicht an eine Gemeinde gebunden sind, auch kirchliche Handlungen wie Trauungen geben soll.

Erhöht die Verkehrssicherheit

Das Netz der Autobahnkirchen wächst weiter, eine neue ist am Rastplatz Sindelfinger Wald in Planung. Die Idee von der „Raststätte für die Seele“, die Stress abbaut, beruhigt und auf diese Weise nach Ansicht der Betreiber die Verkehrssicherheit auf den Autobahnen erhöht, ist bislang ein fast ausschließlich deutsches Unterfangen. In Tschechien gebe es eine einzige Autobahnkapelle, in Österreich zwei Autobahnkirchen. Erstmals werde nun in der Schweiz an der Autobahn 13 ein Projekt erwogen, für das die mehr als 50-jährigen Erfahrungen der deutschen Gotteshäuser zu Rate gezogen werden.

Nach Jahrzehnten des Wachstums seien die Besucherzahlen nun etwa stabil, berichten die Pfarrer. „Eine offene Kirchentür“, so sagte es Pfarrer Steiner, „ist ein wichtiges Symbol.“ Auch unter diesem Gesichtspunkt ist die spärlicher werdende Beschilderung für ihn ein Ärgernis. Mit der Umbenennung der Autobahnabfahrt in Vlotho-West sei das Hinweisschild auf die Kirche verschwunden. „Da ist nur noch das Piktogramm, und der Name Exter kommt gar nicht mehr vor.“

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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