Kurze Hosen

Kurze Hosen – eine Stilkrititk

Der Sommer 2016 verabschiedet sich und damit auch ein Thema, das es wegen offensichtlicher Relevanz bis in „Die Zeit“ geschafft hat. Manuel Andrack, ehemaliger „sidekick“ von Harald Schmidt und nun sympathischer Berufswanderer konnte in der seriösen Wochenzeitung ein ausführliches Plädoyer für die kurze Männerhose lancieren. Chapeau!
Ich aber bin dagegen.
Zugegeben, im Garten, im Schwimmbad und bei längeren Radtouren trage auch ich kurze Hosen. Beim Fahrrad spricht das geringe Risiko, dass Hosenbeine in die Kette geraten könnten, dafür; beim Schwimmen braucht man weniger Kraft und im Garten bin ich privat.

Von KiWi gibt es eine schöne Postkarte, auf der zu lesen ist, „welche Männer in der Öffentlichkeit kurze Hosen tragen“ dürften. Die Antwort: „Fußballer, Bademeister und Bart Simpson“. Diejenigen, die etwas länger brauchen bis der Groschen fällt, informiert das Kleingedruckte: „Tja, Männer, das war’s!“

Manuel Andrack hat im Großen und Ganzen drei Argumente für das Tragen kurzer Männerhosen: die Bequemlichkeit, die Ästhetik und die Bahamas*. Statt letzteren hätte er auch die berühmten Lederhosen in Oberbayern bemühen können, hat aber vermutlich aus Bequemlichkeit darauf verzichtet. Hier wie dort trägt man zu den mehr oder weniger kurzen Hosen Kniestrümpfe, traditionelle oder sonstwie korrekte Halbschuhe und setzt allenfalls das Knie allgemeiner Betrachtung aus. Auf den Bahamas trägt man dazu Blazer mit womöglich goldenen, in Oberbayern bestickte Hemden mit Hirschhornknöpfen. Vermutlich will Manuel Andrack aber das bevorstehende Münchner Oktoberfest gar nicht erwandern und hat sich derartige Erörterungen erspart, was verständlich ist.

Befremdlich erschien mir hingegen seine Vorfreude darauf, beim Wandern in schönem Wetter – zipp: die inmitten der Wanderhosenbeine befindlichen Reissverschlüsse betätigen und so den unteren Hosenbeinteil entfernen zu können. Als Besitzer einer solchen Wanderhose erfuhr ich den Nutzen dieses Vorgangs als recht begrenzt. Ja, mir schien sogar, dass der halbe Reissverschluss am Ende der gekürzten Hose noch mehr auf der Haut herum schabte als zuvor der ganze. In heroischer Inkonsequenz habe ich an drei der fünf diesjährigen privaten Wandertage ausprobiert ohne die unteren synthetischen Hosenbeine auszukommen und weiß, wovon ich rede. Das alles handelt noch vom Wandern und im weitesten Sinne also von Sport, wo kurze Hosen selbst für Männer normal sind. Aber in der Stadt? Gerade da will Andrack aber noch mehr kurzbehoste Männerbeine sehen.

Dabei trifft man doch auffällig wenige Sportler  in städtischen Fußgängerzonen an, womit die Zweifel an Andracks Begeisterung ihren Anfang nehmen. Er selbst beschwärmt gebräunte Männerwaden als attraktiv, schränkt aber ein, dass die Zehennägel in den zu kurzen Hosen obligatorischen Sandalen allerdings gepflegte zu sein hätten. Gebräunten Waden, an deren Füßen aber unrettbare Zehennägel wachsen, empfiehlt er geschlossene Schuhe – allerdings: OHNE SOCKEN !

Dem Kurzhosenträger dürfte an dieser Stelle sofort klar werden, dass seine bunten Turnschuhe ohne Socken unerträglich sind. Manuel Andrack hat ein Einsehen und empfiehlt sogenannte Füsslinge. Dabei handelt es sich im Socken, die vorgeben, nicht über den Rand von Schuhen hinaus sichtbar zu sein, obwohl sie es in 100 % der Fälle sind.

Schlechte Nachrichten auch für Männer mit käseweissen Waden, die nämlich allerhand Anstrengungen unternehmen müssten, um die käseweissen in gebräunte Waden umzuverwandeln. Das aber, tröstet der Wanderer, ist möglich. Noch schlechtere Nachrichten für Männer, die S- oder U-Bahnen zu benutzen gedenken. Denen rät Manuel Andrack vom Tragen kurzer Hosen dringend ab! Er selbst hat nämlich erfahren müssen, wie unangenehm es der funktionierenden Männlichkeit ist, wenn der kalte Hauch der Klimaanlagen auf dem kurzen Weg in die offenen Hosenbeine auf sie trifft. Diese Art von Verkühlung dürfte für bereits lädierte Männlichkeiten noch unangenehmer, ja geradezu gefährlich sein!

An dieser Stelle kann man das Plädoyer Andracks für kurze Männerhosen in der Stadt mit dessen eigenen Waffen angreifen: Da stramme, gebräunte Männerwaden nach meiner Beobachtung in weiten Teilen Deutschlands äußerst selten sind und da bei Benutzung des ÖPNV von kurzen Männerhosen ohnenin abgeraten wird, kann man Männer nur davor warnen, in kurzen Hosen im urbanen Milieu herum zu laufen. Es sieht entweder erbärmlich aus, ist gesundheitsgefährdend oder in Extremfällen sogar beides!

Es kommt noch ein Weiteres erschwerend hinzu: Seltsamerweise sind kurze Männeerhosen zumeist für weitaus umfangreichere Transportaufgaben vorgesehen als lange. Deswegen halten sie neben den üblichen Gesäß- und Seitentaschen in Höhe der unteren Oberschenkel außen großflächige Taschen mit Dehnungsfalten vor, deren Fassungsvermögen das von mehreren Damenhandtaschen zu übertreffen scheint. Unglücklicherweise neigen diese Taschen – wie alle Vakui – dazu, sich rasch mit allerlei Materie anzufüllen, was dem optischen Eindruck des Behosten durchaus abträglich ist.

Der Vollständigkeit halber sei – das Kapitel Ästhetik abschließend – noch auf die häufig anzutreffende Weite kurzer Männerhosen hingewiesen, die umso unersprießlicher ins Auge fällt, je dünner die Knie und Waden sind, die leider unübersehbar daraus hervorlugen.

Fazit: Mir scheint, die Würde des Mannes ist grundgesetzwidriger Weise antatsbar, wenn er kurze Hosen in Fußgängerzonen oder sonstigen öffentlichen, städtischen Umgebungen trägt. Das gilt vielfach gesteigert für Träger solcher Hosen, die vor etwa 70 Jahren für Damen vorgesehen und Caprihosen genannt wurden. Sie bedecken schamhaft das Knie und enden immer oberhalb der Fußknöchel, mal inmitten, mal im unteren Drittel der manchmal doch recht kurzen Männerwade.

Die vermutete Bequemlichkeit derartiger Kleidungsstücke korreliert umgekehrt proportional zu der Art und Weise, wie Männer gemeinhin  gesehen werden wollen. Sie versuchen nämlich in der Stadt und in ihren so oder so zu kurzen Hosen und den dazu oft gewählten etwas abständigen, bunt bedruckten T-Shirts – sowie zumeist eben doch Socken – genauso würdevoll einher zu schreiten, wie sie es als vormalige Träger angemessen langer Hosen gewohnt sind.  Allein, das gelingt nie! Ein Hauch – um es untertrieben auszudrücken – von Lächerlichkeit stolziert da ständig mit, ganz gleich wie seriös die Gesichtszüge dabei im Gleis gehalten werden. Trüge Mann stattdessen etwa eine dünnstoffige, hellfarbene aber lange Sommerhose, würde aus der lächerlichen Figur sofort ein gestandenes Mannsbild undzwar ohne Beeinträchtigung der Bequemlichkeit!

In Abwandlung einer schönen Formulierung aus einem sommerlichen „Streiflicht“ der Süddeutschen Zeitung, das sich unter anderem den Nudisten in den Isarauen widmete, könnte man sagen : Da die Herren auffallend bemüht sind, sich in den kurzen Hosen zu benehmen als hätten sie lange an, könnten sie auch gleich die langen Hosen anbehalten!

Leser und vielleicht gerade Leserinnen werden womöglich über Ausnahmen sinnieren, die meinen Beobachtungen und meinem Urteil engtgegen gehalten werden könnten. Die gibt es zweifellos. Zwei davon räume ich ganz freiwillig – und zusätzlich zum sportlicheren Radfahrer – ein. Zum Einen sind es die Straßen – aber auch die Hochbauarbeiter und die Männer von derMüllabfuhr, die außer ihren kurzen Hosen nur noch die vorgeschriebenen signalfarbenen Westen offen tragen. Sie verlieren ihre Würde nicht, denn es ist die Würde der Arbeit! Zum Anderen sind junge, langbeinige, wohlproportionierte, eventuell Ausdauersport treibende, trainierte Männer ohne Bauchansatz zu nennen. Die sehen in kurzen Hosen weitaus attraktiver aus als die mir im Straßenbild als deutliche Mehrheit erscheinende Menge normaler Männer meines Alters oder – wenigstens –  meiner Figur. Allerdings wäre der Vorteil der Jungen genau derselbe, würden sie lange Hosen tragen.

In ganz anderen Zusammenhängen – und ich meine noch zu seiner Zeit als Bundeskanzler – hat der unermüdlich nachdenkende Helmut Schmidt angeraten, niemals Dinge nur deshalb zu tun, weil es möglich ist. Heben Sie, lieber Leser und Sie, liebe Leserin für Ihren Mann, sich diesen Rat bitte zum Zwecke der Berherzigung im nächsten Sommer auf.

*) die Bahamas sind dank einer freine Assoziation in den Text geraten; Andrack hat sie nicht erwähnt. Wie auch, er schwärmt ja von gebräunten, also gut sichtbaren Männerwaden und nicht von solchen, die durch Kniestrümpfe der Betrachtung entzogen sind. Mir kamen die berühmten Inseln wegen Andracks Empfehlung in den Sinn, auch im Büro kurze Hosen zu tragen.

Bildquelle:  kaboompics.com, Karolina Grabowska.STAFFAGE, CC0

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Wolfgang Wiemer

Politologe i.R.; arbeitete als politischer Referent, Büroleiter, Pressechef des Deutschen Bundestages und in der Parlamentsverwaltung; lebt in Bonn


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