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Vor 10 Jahren sollte ein Pop-Beauftragter deutsche Musik vorm Aussterben retten. Doch die schaffte es auch ohne fremde Hilfe zurück in die Charts.

Man singt deutsch

Zwölf Jahre sind seither vergangen: 2003 sorgte die SPD für allgemeine Verwunderung und bisweilen auch Erheiterung, als sie mit Siegmar Gabriel den ersten politischen Pop-Beauftragten präsentierte. Seine Aufgabe: Die Förderung und Unterstützung der deutschen Musikindustrie sowie der deutschsprachigen Sänger und Musiker. Gar von einer Quote für deutschsprachige Musik im Radio war damals immer wieder die Rede. Es blieb nicht mehr als eine hitzige Debatte, die schnell abflaute. Schon nach ein paar Monaten gab „Siggi Pop“, wie Gabriel damals gern und etwas hämisch genannt wurde, das Amt wieder ab.

Heute, da der SPD-Politiker längst deutscher Wirtschaftsminister und Vizekanzler ist, hat sich das Problem von einst sozusagen von selbst erledigt. Denn nie wurde hierzulande so viel deutschsprachige Musik gehört, gespielt und gekauft wie in den vergangenen Monaten. Eben erst waren die Top Ten der offiziellen Deutschen Album-Charts allesamt deutschsprachig. Das gab es noch nie. Und die Branche diskutiert bereits, ob wir es nach dem Boom Anfang der 1980er Jahre mit dem Phänomen einer neuen Neuen Deutschen Welle zu tun haben.

Der künstlerische Direktor der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim, Professor Udo Dahmen, sieht in der Entwicklung eher einen konstanten Trend. Der Deutschen Presse-Agentur sagte er jüngst: „Die Selbstverständlichkeit deutschsprachiger Künstler und deren Songs in den Charts ist eine ganz andere als zur Zeit der Neuen Deutschen Welle. Aktuell ist der Ausschlag viel stärker. Frühere Sparten-Musik wie Hip-Hop ist zudem endgültig im Mainstream angekommen.“ Tatsächlich scheinen die Grenzen zwischen den Genres nach und nach zu verschwinden. Kein Jugendlicher schämt sich heute mehr, Schlager wie „Atemlos“ von Helene Fischer lautstark mitsingen zu können, gleichzeitig Fan von Rappern wie Cro („Raop“) zu sein und am Abend Shows wie „Sing meinen Song“ einzuschalten, in der Stars wie Sarah Connor und Xavier Naidoo, aber auch die A-capella-Formation „Die Prinzen“ und der österreichische Volksmusik-Rocker Andreas Gabalier ihre Songs gegenseitig ganz neu interpretieren.

Nicht nur erfolgreiche Musiker wie Lindenberg

TV-Formate wie dieses (dessen Titelsong es übrigens ebenfalls ganz oben in die Charts geschafft hat), aber auch längst etablierte und erfolgreiche Musiker wie Udo Lindenberg, Die Fantastischen Vier und auch Herbert Grönemeyer haben den neuen Trend hin zur deutschen Sprache in der Musik ganz sicher befördert. Ebenso Hits wie „Nur noch kurz die Welt retten“ von Tim Bendzko oder Peter Fox’ „Haus am See“. Auch Max Mutzke und Sarah Connor, die beide neuerdings die deutsche Sprache für sich und ihre Musik entdeckt haben und damit ausgesprochen erfolgreich sind, haben diesen Erfolg noch verstärkt. Gregor Meyle, Madsen, Philipp Poisel … es ließen sich hier noch viele Namen nennen.

Nun muss man nicht jeden einzelnen dieser Musiker mögen. Ebenso wenig ihre Songtexte. Nicht den selbst ernannten Philosophen Grönemeyer, auch die Schlager-Fabrik Helene Fischer ist sicher nicht Jedermanns Geschmack. Und wenn Andrea Bourani („Auf anderen Wegen“) seine Freundin „freigibt“, weil sie ja ach so spießig und langweilig ist, während er noch Lust aufs Leben hat, will man doch eigentlich lieber weghören. Doch ihre Musik erreicht uns. Und wir bleiben dran. Denn sie ist cooler und moderner als früher, wie es Musikmanager Thomas M. Stein, im „Express“ ausgedrückt hat. „Man muss heute nicht auf US-Künstler zurückgreifen, um angesagte Arrangements und einen zeitgemäßen Mix zu kriegen.“

All das schafft die deutsche Musikindustrie heute selbst. Ohne politischen Pop-Beauftragten. Der beste Botschafter und Beauftragte der Musik ist und bleibt eben die Musik selbst. Und darüber sollten wir uns freuen und so manchen englischen Song-Text einfach mal übersetzen … In vielen Fällen würden wir wohl kaum wissen wollen, was wir da so alles mitsingen.

 

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Anja Luckas
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Die Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftlerin publiziert als Journalistin. Sie schrieb unter anderem als Kultur- und Politikredakteurin der Westfälischen Rundschau, wo sie als Nachrichtenchefin arbeitete.


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