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Mehr in Menschen und Anlagen investieren! – Chancen für eine Teilhabe-Gesellschaft –

Die Rentner von heute und morgen können beruhigt auf die Perspektiven für 2030 blicken: Im Durchschnitt werden ihre Renten pro Jahr um etwa 2 % steigen. Die gute wirtschaftliche Entwicklung und insbesondere die damit verbundene Zunahme der Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten sichern die soliden Finanzen der Rentenversicherungskassen. Allerdings müssen Jahr für Jahr etwa 80 Mrd. € aus dem Bundeshaushalt an die Rentenkasse überwiesen werden, um die Zahlungen an die ältere Generation zu garantieren.

Neue industrielle Revolution

Für die Frauen und Männer, die nach 2030 in Rente gehen werden, sind die Aussichten nicht so günstig. Zum einen werden das die geburtenstarken Jahrgänge der 60er Jahre sein, für die ab 2029 das gesetzlich festgeschriebene Renteneintrittsalter von dann 67 Jahren gelten wird. Zum anderen gehen die Fachleute davon aus, dass bis etwa zum Jahre 2030 bis zu 6 Millionen Arbeitnehmer aus den Betrieben ausscheiden und so ein Engpass auf dem Arbeitsmarkt entstehen könnte.
Schließlich müssen sich die Menschen in den Produktionsbetrieben, Dienstleistungsunternehmen und Verwaltungen in den nächsten Jahrzehnten auf geradezu revolutionäre Veränderungen einstellen. Die Digitalisierung, das Internet der Dinge, die Roboter und Sensoren sowie die Entwicklungen auf dem Feld der künstlichen Intelligenz werden in Zukunft die Arbeitswelt weitgehend stärker verwandeln, als es jemals durch frühere technische Revolutionen geschah. Insbesondere betroffen davon werden Arbeitsplätze sein, die bislang noch für einfache Tätigkeiten in der Industrie, in der Logistik und anderen Service-Bereichen bestehen. Sogar im Finanzgewerbe werden mehr und mehr sog. Advisory-Roboter zum Einsatz kommen, die zweifellos auch manchen Bankenberater ersetzen werden. Während die großen Unternehmen sich längst auf das „Internet of everything“ einstellen, müssen mittlere und kleine Firmen sich noch darauf ausrichten und manchen Rückstand aufholen.

Erfolge mit Innovationen

Mittel- und langfristig gilt es, dass Deutschland seine Erfolge im härter werdenden internationalen Wettbewerb nur sichern und ausbauen kann, wenn es gelingt, technologisch und innovativ in der globalen Spitzengruppe mitzuhalten. Anlagen, Maschinen, Autos und andere Produkte „made in Germany“ werden auch in Zukunft national wie international Kunden finden, wenn sie besser sind als die billigeren Angebote aus China, Indien, den USA oder anderen Ländern. Viele Millionen Arbeitsplätze hängen hierzulande von dieser internationalen Konkurrenzfähigkeit ab. Auch deutsche Kunden kaufen mehr und mehr Handys, Autos, Textilien, Elektronik, Roboter, Sensoren und viele andere Waren von ausländischen Firmen, die hierzulande Marktanteile von 30, 50 % und mehr erreichen. Wenn solche Produkte billiger und/ oder besser sind, wird kaum jemand sein Konsum- und Kaufverhalten von einem „Germany first“ bestimmen lassen. Das gilt im Übrigen auch für den Tourismus; wir Deutschen sind Spitzenreiter in Auslandsreisen.
Es gibt nur einen Königsweg, um unsere wirtschaftliche und soziale Zukunft zu sichern. Wir müssen heute mehr investieren, um in Forschung und Entwicklung marktreife Innovationen zu erreichen, um global wettbewerbsfähige Erzeugnisse in deutschen Betrieben herzustellen, um konkurrenzfähige Arbeitsplätze zu sichern, auf denen die Beschäftigten gute Löhne und Gehälter verdienen und die ertragreich genug sind, um hohe Abgaben für die Sozialsysteme und für die staatlichen Steuerkassen zu generieren.

Priorität für Humankapital – Bildung

Die wichtigste und wertvollste Ressource Deutschlands sind die Menschen, die mit ihren unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten als Forscher, Wissenschaftler, Entwickler und Erfinder, als Ingenieure, Handwerker, Designer, Facharbeiter und Dienstleister immer wieder auf’s Neue die Basis unseres Wohlstandes sichern. In den Betrieben ist es der dynamische Unternehmer, der mit Wagemut und Risikofreude Arbeit und Kapital kombiniert, um so Produkte und Leistungen auf den Märkten anzubieten. Die Investitionen von heute sind also von größter Bedeutung für die Arbeitsplätze von morgen und die Erfolge von übermorgen. Das gilt im Übrigen für die privaten gleichermaßen wie für die öffentlichen Investitionen, das gilt für die Investitionen in moderne Produktionsanlagen ebenso wie für die Investitionen in die Bildung, Ausbildung und Qualifizierung von Arbeitskräften.

Anstieg der öffentlichen Investitionen

Seit etwa 10 Jahren sind die öffentlichen Investitionen in Deutschland nominal um rund 40 % angestiegen; 2015 nahmen sie um knapp 5 % zu. Allerdings wurden damit gerade etwas mehr als 2 % des Bruttoinlandsproduktes in staatliche Bauten, Infrastruktur, Wohnungen, Ausrüstungen usw. investiert; von einer besonderen Investitionsdynamik oder gar – offensive kann da gewiss nicht die Rede sein. Von den öffentlichen Investitionen des vergangenen Jahres in Höhe von insgesamt 67 Mrd. € entfielen jeweils etwa ein Drittel auf den Bund, die 16 Bundesländer und die über 11.000 Gemeinden. Immerhin sollen die Investitionen des Bundes in den nächsten zwei Jahren auf 35 Mrd. € steigen; vor allem sind kräftigere intensive Ausgaben für die Verkehrsinfrastruktur geplant. Bereits im letzten Jahr sind die Auftragseingänge im Baugewerbe merklich angestiegen – im öffentlichen Hochbau um 15 %, im Straßenbau um 27 % und im öffentlichen Tiefbau – ohne Straßen – um 25 %. Das hat zu einem erheblichen Antragsstau geführt, da es zum einen an Planungskapazitäten bei den Bauämtern fehlt; zum anderen stellt der Fachkräftemangel ein noch höheres Problem für die Bauwirtschaft dar. Der dringend notwendige Ausbau der Energienetze für den Transport des im Norden Deutschlands produzierten Stroms aus erneuerbaren Energiequellen in Richtung Süden geht kaum voran: Das komplexe Planungsrecht, enge Zeitpläne und obstruktive Bürgerinitiativen sind hier die größten Hindernisse. Kräftig erhöht haben sich im letzten Jahr auch die Genehmigungen im Wohnungsbau – nämlich um 20 % auf 375.000 Wohnungen. 2016 wurden jedoch nur gut 275.000 Wohnungen fertiggestellt; auch hierin spiegelt sich die Begrenzung der Baukapazitäten wider. Mittelfristig wird der Bedarf an neuen Wohnungen auf mindestens 350.000 pro Jahr geschätzt.

Private Investitionen fördern!

In fast allen Bereichen der deutschen Wirtschaft werden große Investitionsdefizite deutlich. Das gilt für den Staatssektor und für die Baubranche sowie vor allem auch für die Industrie, wo seit Jahren die Abschreibungen in vielen Branchen deutlich die neuen Investitionen übertreffen. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sich die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft in der Vergangenheit eher verschlechtert denn verbessert haben. Da ist es zu begrüßen, dass nun aus dem Bundeswirtschaftsministerium ein Milliarden-Programm zur Stärkung der Innovationskraft der deutschen Wirtschaft angekündigt wird: Mit Finanzhilfen und Steuererleichterungen sollen insbesondere innovative kleine und mittlere Unternehmen gefördert werden. Firmen mit weniger als 1.000 Beschäftigten sollen in Zukunft 10 % der Personalkosten für Forschung und Entwicklung steuerliche geltend machen können.
Hinzu sollen drei nationale Forschungsprogramme für den Mittelstand und ein neuer Gründerfonds mit einem Volumen von 300 Mio. € eingerichtet werden. Dabei soll es insbesondere um die Entwicklung von Schlüsseltechnologien gehen.

Wege zur Teilhabegesellschaft

Investitionen in Forschung und Entwicklung, Innovationen, Schlüsseltechnologien, Investitionen in Produktionsanlagen und Sachkapital sind indessen nur die eine Seite ein und derselben Medaille, um die Herausforderungen der Zukunft erfolgreich zu meistern. Die andere Seite muss in gleicher Weise mit Blick auf die nächsten Jahrzehnte mindestens gleichwertig beachtet werden: Dabei geht es um die Mitarbeiter in den Unternehmen. Ohne die qualifizierten Belegschaften hätte die deutsche Wirtschaft schon in der Vergangenheit nicht Spitzenplätze erreicht. Die demographischen Veränderungen und die Digitalisierung machen es dringend notwendig, noch viel mehr in die Bildung, Aus- und Fortbildung sowie in die Qualifizierung der Menschen zu investieren. Die geistigen, handwerklichen und anderen Fähigkeiten des Einzelnen sind in der Regel das wichtigste „Eigenkapital“ und zugleich das „Humankapital“ für Unternehmen, Verwaltungen, Handwerksbetriebe und andere Institutionen. Während Finanz- und Sachkapital durchaus weltweit zu generieren sind, muss Humankapital vor allem hier im eigenen Land gebildet werden.
Dem Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Dieter Kempf, ist nur zuzustimmen, wenn er einen Bildungsschwerpunkt bei den jungen Schulabgängern fordert, denn „unsere Gesellschaft kann und darf es sich nicht leisten, auch nur einen jungen Menschen ohne Ausbildung und Chance auf Teilhabe am Erwerbsleben zurückzulassen und ein Leben lang zu alimentieren.“ Das gilt vor allem auch für die Integration von Migranten mit klaren Konzeptionen des Forderns und Förderns in dualen Ausbildungssystemen, die praktisches Arbeiten und die Erlernung der deutschen Sprache miteinander kombinieren.

Viel stärker als in der Vergangenheit sollte die vorausschauende Arbeitsmarktpolitik auf die Um- und Weiterqualifizierung in den Unternehmen setzen. Die notwendigen Umstrukturierungsprozesse in den Betrieben müssen rechtzeitig flankiert werden, damit die Menschen auf neue Technologien, Abläufe, Fertigungsprozesse usw. vorbereitet und dafür zielgenau qualifiziert werden können. Statt später Arbeitslosengeld zu zahlen und eine längere Phase der Arbeitslosigkeit zu finanzieren, ist es allemal besser und humaner, möglichst zielgenau in Kooperation mit den Personalchefs und Betriebsräten in den Unternehmen eine vorausschauende zielgenaue Qualifizierung von Mitarbeitern zu betreiben. Die Umgestaltung der bisherigen Arbeitslosenversicherung zu einer „Arbeitssicherungsversicherung“ würde die Teilhabeangst vieler Menschen deutlich verdrängen. Das wäre auf jeden Fall besser als die Verlängerung des Arbeitslosengeldes und der Arbeitslosigkeit – insbesondere von älteren Arbeitslosen.

Bildqielle: pixabay, user geralt, CC0 Public Domain

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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