Museum Auswandererhaus Bremerhaven

Das deutsche Auswandererhaus dokumentiert das Leben vieler Flüchtlinge: Millionen verließen Deutschland – Angst vor Verfolgung, Hoffnung auf ein besseres Leben

Millionen Menschen verließen einst Deutschland, weil sie Angst vor Verfolgung hatten. Sie flohen in die USA und nach Argentinien und Brasilien, weil sie auf ein besseres Leben hofften. Andere kehrten Europa den Rücken, weil sie Karriere machen wollten. Für 7,2 Millionen Menschen begann am Kai von Bremerhaven ein neues Leben, hier starteten sie ihren Weg in die unbekannte neue Welt. Im Auswandererhaus in Bremerhaven, genau an dem Punkt, an dem die Schiffe einst ihre nicht ungefährliche Reise begannen, sind die Schicksale von Tausenden von Flüchtlingen dokumentiert. Deutschland, erfährt man, war immer schon ein Ein- und Auswandererland. Ein packendes Thema und sehr aktuell angesichts der Zehntausenden von Flüchtlingen, die ihre Heimat Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea und Somalia, um nur diese Länder zu nennen, verlassen haben und weiter verlassen und vornehmlich in Deutschland Schutz suchen.

Stolpersteine erinnern an die Auswanderer in die Neue Welt.

Stolpersteine erinnern an die Auswanderer in die Neue Welt.

300 Jahre Auswanderungsgeschichte lautet das Thema des preisgekrönten Auswandererhauses in Bremerhaven. 12.80 Euro bezahlt der Erwachsene für seine Eintrittskarte, Geld, das er nicht bereuen wird. Denn er begibt sich damit auf eine Zeitreise in frühere Jahrhunderte und er erfährt, warum so viele Menschen Deutschland und Europa verließen. In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts flohen sie aus dem Land, weil sich ihre Hoffnungen auf mehr Freiheiten zerschlagen hatten. August Roebling sieht schon 1831 den Vormärz gescheitert und fürchtet die Restauration mitsamt dem Militär. Eine Geschichte, die man unter dem Namen von Johann August Roebling im Museum nachlesen kann. Der Mann, ein Landvermesser aus dem thüringischen Mühlhausen, geboren 1806, verlässt seine deutsche Heimat 1831 und landet am 3. August 1831 in Philadelphia.

Warnung vor Taschendieben

Die Fahrt in die neue Heimat dauert in den Jahren rund 8 Tage. Die Menschen müssen für die Kosten ihre gesamten Ersparnisse einsetzen und dafür eine ziemlich grausige Überfahrt über den Atlantik in Kauf nehmen, zumeist irgendwo unter Deck im Dunkeln untergebracht, in einem Quartier ohne die nötige Hygiene, kein Arzt an Bord, es gibt kaum etwas zu essen, oft sind die Lebensmittel verdorben, das Trinkwasser ist knapp. Darüber hinaus müssen sie sich vor Taschendieben hüten, die Polizei warnt die Auswanderer eindringlich vor diesen Gefahren.

Auswanderer nehmen mit auf die lange Reise, was möglich und nötig ist, und das ist nicht viel, weil der Raum knapp ist auf den überfüllten Schiffen, die nicht zu vergleichen sind mit den heutigen Kreuzfahrschiffen, auf denen es sich locker und leicht leben lässt bei guter Verpflegung und kühlen Getränken. Damals war das Reisen riskant, da ging schon mal jemand über Bord, hin und wieder geriet ein Schiff in Seenot. Nicht jeder erreichte sein Ziel und wenn er es erreichte, musste er hart kämpfen, um in Amerika oder Brasilien sein Glück zu finden. Hinter Glas sieht der Besucher des Auswandererhauses die wenigen Habseligkeiten, die der Flüchtling mit auf die Reise nahm, weil er sie brauchte oder sie für nötig hielt: Koffer, ein wenig Kleidung, die Puppe für die Kinder, das Rasierzeug, der Rosenkranz.

Wenn das Leben zur Hölle wird

Das Schicksal des Siegfried Kirchheimer, geboren 1891, beschreibt der jüdische Arzt mit eigenen Worten: „Ich bin ausgewandert worden“. Nach 1933 wird er mehrmals verhaftet, die SA setzt ihm zu, er wird angefeindet, das Leben ihm zur Hölle gemacht. Er muss schließlich seine Praxis in Wolfenbüttel schließen und es gelingt ihm 1938 im letzten Augenblick die Flucht per Schiff ab Bremerhaven in die Freiheit nach Amerika.

Schicksale über Schicksale. Beispiel Erich Koch-Weser. Er wurde vom verfolgten Minister der Weimarer Republik zum Kaffeefarmer in Brasilien, sein Enkel Caio Koch-Weser wurde später Direktor der Weltbank und Finanz-Staatssekretär der Bundesregierung. Oder die Geschichte der Familie Tesch, die der vormalige australische Botschafter Peter Tesch dem Museum überließ. Sein Urgroßvater stammte aus der Uckermark, Angela Merkel lässt grüßen. Oder die Ärztin Hertha Nathorff, die vor den Nazis mit ihrem Mann über London nach New York entkam. Oder das Leben des jüdischen Musikers Hermann Ehrenhaus, den die Nazis um seine Karriere bringen wollten und der deshalb in Argentinien Zuflucht fand. Tausende Biografien sind in Bremerhaven dokumentiert. Ein Jeder kann hier nach seiner Familie forschen, wenn einer der Vorfahren einst von Bremerhaven aus in die Neue Welt geschippert sein sollte.

Keine Arbeit, keine Rechte

Kein Land, keine Arbeit, keine Rechte, das waren oft die Motive der Auswanderer. Wirtschaftsflüchtling? Man fühlt sich an das Heute erinnert und die Lage der Flüchtlinge in Syrien, im Irak, in Somalia, in Mali oder wo auch immer die Menschen bedrängt und bedroht werden und sich dann auf den langen Weg in ein besseres und sicheres Leben machen. Europa ist das Ziel, Deutschland oft der Traum. Damals ging die Reise in eine andere Richtung, von Deutschland weg Richtung Westen. Das Museum zeigt lebendige Geschichte: So sieht der Besucher die Rekonstruktion einer Abschiedsszene in Bremerhaven im Jahre 1888, Objekte, die Geschichte erzählen, oft traurigen Inhalts. Das nächste Bild zeigt Ellis Island in den USA und den größten Bahnhof, Grand Central Terminal in New York.

Zwischen 1830 und 1974 wanderten mehr als 7,2 Millionen Menschen über Bremerhaven in die Neue Welt aus, nach Nordamerika, Australien oder Südamerika. Jede Auswanderung ist mit einer bewegenden Geschichte verbunden. Der Museumsbesucher begleitet mit seinem Boarding Pass einen Auswanderer in die Neue Welt und dann einen Einwanderer zurück nach Deutschland. Beides gab es, dokumentiert wird es im Auswandererhaus, 2007 als bestes Museum Europas ausgezeichnet. Die Zeitreise geht über drei Jahrhunderte deutscher Aus- und Einwanderergeschichte und beginnt im Museum, wo man sich an Bord eines Schiffes begibt. Am Ende landet er in einer Ladenpassage im Deutschland des Jahres 1973 mit einem Frisör, einem Kaufhaus, einem Kiosk mitsamt Zeitungen und Coca Cola, Bravo.

Zu den über sieben Millionen Auswanderern aus Bremerhaven muss man die fünf Millionen Flüchtlinge zählen, die über Hamburg den Weg in die Freiheit und ein anderes Leben suchten. Sie verließen Deutschland und Europa, weil sie das Gefühl hatten, dass hier die Lichter ausgehen und nicht mehr angehen würden. So war das nach dem Ersten Weltkrieg, so hatte es der britische Außenminister Edward Grey vorhergesagt. Es folgten die Nazis und der Zweite Weltkrieg mit all seinen schlimmen Folgen. Und heute? Was treibt die Flüchtlinge aus ihrer Heimat, warum fliehen sie übers gefährliche Mittelmeer, was vielen den Tod bringt, warum zieht es sie nach Deutschland? Ist die Lage in Deutschland damals nicht mit dem Elend heute in einigen Ländern Afrikas und Asiens vergleichbar? Es stimmt den Besucher des Auswandererhauses nachdenklich.

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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