Flagge der Chrysi Avgi

Morgenröte über der Akropolis

So schwer begreifbar es ist, dass der linke Ministerpräsident Alexis Tsipras erneut mit einer Partei des rechten Spektrums zusammengeht, umso bedenklicher ist, dass Rechtsextreme bei den Parlamentswahlen wieder Zulauf bekamen und ein starker Faktor der griechischen Innenpolitik bleiben.

Die Partei, die sich Goldene Morgenröte (Chrysi Avgi) nennt, hat 0,7 Prozentpunkte zugelegt und ist mit rund sieben Prozent (vorläufiges Endergebnis) wieder ins Parlament gelangt. Sie hat autoritäre, neonazistische und rassistische Züge. Trotzdem bekommt sie nennenswerten Zulauf besonders von jungen Griechinnen und Griechen.

In einer Broschüre der Friedrich-Ebert-Stiftung Athen ist „Die Goldene Morgenröte und ihre Wirkung auf die griechische Jugend“ analysiert. Der Text des Soziologen Alexandros Sakellariou ist auf englisch nachzulesen unter http://library.fes.de/pdf-files/bueros/athen/11501.pdf . Er hat beobachtet, dass sich vor allem männliche Anhänger der Goldenen Morgenröte von dieser Partei ernst genommen fühlen und warnt davor, dass sie sich an deren Ideologie klammern.

Kaum politische Bildung der Jugendlichen

Der Erfolg der Rechtsextremen bei Wahlen in Griechenland ist enorm und erstaunlich, besonders bei den unter 35-jährigen. Bei den Parlamentswahlen 2012 hat die Goldene Morgenröte landesweit 6,9 Prozent gewonnen, bei den 18-24-jährigen allerdings 13 und bei den 25-34-jährigen 16 Prozent. Bei den Europawahlen 2014 stieg der Anteil der Goldenen Morgenröte auf 9,4 Prozent, bei den 18-24-jährigen sogar auf 21,2 Prozent. Sie wurde drittstärkste politische Kraft in Griechenland und schickte zwei Abgeordnete ins Europäische Parlament. Bei den Parlamentswahlen im Januar 2015 erreichte die Goldene Morgenröte 6,3 Prozent – bei den Jungwählern bis 24 überdurchschnittlich 8,4 Prozent und bei den 25-34-jährigen mit 7,9 Prozent fast ebenso viele. Diese Anteile sind jetzt erneut gestiegen.

Die Hauptgründe für die Anziehungskraft der Goldenen Morgenröte auf jüngere Menschen sind nach Ansicht von Sakellariou: die ökonomische Krise, ein Mangel an historischen Kenntnissen, nationale Ideale, Ablehnung des Systems und die Immigranten. Die sichtbar ungelöste Ausländer- und Flüchtlingspolitik, womit in dem verarmenden südeuropäischen Land viel Stimmung gemacht wird, verschafft ihr Zuspruch.

Was auch vor dieser Wahl in Griechenland nicht gelungen ist: die Aufmerksamkeit auf die Ideologie zu richten, die die Goldene Morgenröte verbreitet. Auf politische Bildung Jugendlicher wird kein besonderer Wert gelegt. Junge Leute werden so gut wie gar nicht an der Politik beteiligt. Rassistische und fremdenfeindliche Töne sind in der griechischen Öffentlichkeit, auch bei Politikern und in den Medien, durchaus gängig. Kaum jemand widerspricht.

 

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Helmut Lölhöffel

Der Journalist arbeitete als Redakteur beim Kölner Stadtanzeiger, dem ddp und der Süddeutschen Zeitung, bevor er als Senatssprecher in Berlin tätig wurde. Heute koordiniert Lölhöffel das Projekt Stolpersteine und ist Kommunikationsberater beim Deutschen Behindertensportverband.


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