Referendum

Nach dem Referendum: was ist zu tun?

Seit Monaten war und ist das Verfassungsreferendum in der Türkei mit all seinen Nachwirkungen, die neu auf uns zukommen, eines der beherrschenden Themen in den deutschen Medien. Nicht nur politische Talkshows, TV-Magazine und Unterhaltungsendungen haben sich auf das „Erdowahn“-Phänomen förmlich gestürzt. Auch namhafte Printmedien haben reagiert, und in den sozialen Netzwerken geht die Post ungefiltert persönlich und deshalb noch heftiger ab. Die Sorgen und Nöte in Deutschland und Europa waren zeitweise fast schon ein Nebenschauplatz.

Diese sogenannten Experten und Besserwisser, ob nun mit oder ohne türkische Wurzeln, haben uns schon vor dem Putschversuch in der Türkei im Sommer 2016 mit den immer gleichen Argumenten gefüttert – solange, bis uns allen das Thema aus den Ohren herauskam: Was uns Deutschtürken angeht, so hatten wir irgendwann schlicht und ergreifend genug von provokanten Worthülsen, dem unterirdischen Schmähgedicht von Jan Böhmermann und auch von den austauschbaren Bildern von „RTE“ nebst den einhergehenden Horrormeldungen über die bevorstehende Außerkraftsetzung der türkischen Demokratie. Und dann haben deutsche Tageszeitungen auf einmal damit begonnen, in türkischer Sprache zu schreiben. Wir wissen, dass sich die türkischstämmigen Bürgerinnen und Bürger in Deutschland nur selten für deutschsprachige Printmedien interessieren. Also warum auf einmal dieser Aktionismus, der doch primär an die deutsch-türkische Intelligenzia gerichtet war? Klar ist, dass diese Veröffentlichungen (u.a. „Spiegel“ und „Die Zeit“) kein Verkaufsschlager waren.

Ich mag diese Verlogenheit nicht, die uns seit 50 Jahren glauben macht, dass wir „Deutschländer“ erst dann eine Chance auf Integration hätten, wenn wir fehlerfrei und ohne Akzent deutsch sprächen. Der Auftrag an uns Gastarbeiterkinder, vor allem an uns Türken der zweiten und dritten Generation, lautete immer, dass die Sprache der Schlüssel zum Erfolg sei – ob auf dem Schulhof, auf dem Fußballplatz und in so vielen anderen Lebenssituationen. Es kam uns vor, als wäre es ein Diktat der deutschen Gesellschaft, dass wir nur Deutsch als Alltagssprache zu benutzen hätten, während die Deutschen ja lieber Spanisch oder Italienisch lernen, obwohl sie ihren Urlaub oft in der Türkei verbringen! Die Worte „EVET“ und „HAYIR“ dürften ihnen nun endlich bekannt sein.
Es geht um die Fragen der Identität

Bevor ich auf die Grundproblematik näher eingehen werde, möchte ich den deutschen Medien doch zugutehalten, dass sie die menschliche Verbundenheit zwischen Deutschland und der Türkei in der Summe aufgenommen und auf eine höhere Stufe gestellt haben. Im Grunde war es ein längst überfälliges und durchaus auch ehrlich patriotisches Anerkenntnis der Zusammengehörigkeit unserer so verschiedenen Kulturen und Glaubensrichtungen, die die ökonomisch motivierte Massenzuwanderung von Gastarbeitern nach Deutschland mit sich gebracht hat. Und es war auch eine Verneigung vor unserem meistens gelungenen Zusammenleben – in der Firma, Nachbarschaft und in so vielen Familien. Dies gilt aber vorwiegend für bürgerliche Schichten. Türken, die es nach Jahrzehnten nicht geschafft haben, sich in Deutschland einzugemeinden, die sich abkapseln oder ein Kopftuch tragen, stehen weiterhin auf dem Abstellgleis.

Doch es ist komplizierter: Denn Besserwisser und Demokratielehrer wollten uns Deutschtürken in türkischer Sprache auch beibringen, warum wir beim Ermächtigungs-Referendum von RTE mit „Nein“ stimmen sollten, sofern wir überhaupt stimmberechtigt waren. Beschimpfungen an die Adresse der „Ja-Fraktion“ mussten ertragen werden. Aus dem „Nein“-Lager wurde fast jede wie auch immer geartete relativierende Bemerkung mit einem „Shitstorm“ beantwortet. Bemerkungen à la: “Na, dann geh´ doch zu deinem Erdowahn“, hallen noch nach. Weil vielen Leuten, die sich als Experten bezeichnen, fehlt das Feingefühl und Fehlinterpretationen schwirren in der Luft. Nicht nur Erdogan-Befürworter müssen sich fortlaufend belehren lassen. Auch wir 800.000 Deutschtürken, die wir uns nur für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden haben, sind oft genug Opfer von zynisch gehobenem Stammtischgerede – einfach jeder, der einen türkischen Namen trägt.

Doppelpass und EU-Aufnahme der Türkei

Wenn die CDU in den Wahlkampf gegen den Doppelpass zieht, dann bitte gegen alle und nicht nur gegen die Türken. Wie viele Doppelstaater leben überhaupt in Deutschland und warum werden nur die Türken stigmatisiert? Eine Auswertung der Melderegister von 2011 zeigt, dass weit über 4,3 Millionen Deutsche mindestens eine weitere Staatsangehörigkeit haben. Die meisten kommen aus den EU-Staaten, Polen, Russland und der Türkei. Demnach besaßen Deutschpolen (690.000) und Deutschrussen (570.000) zwei Pässe – demnach bilden Deutschtürken mit 530.000 die drittgrößte Gruppe. Aus meinem Umfeld weiß ich, dass ein Doppelpass nicht automatisch zu mehr oder weniger Integration führt. Die alleinige Fokussierung auf Türken führt zu einer politisch bewussten Abgrenzung.

Auf der einen Seite riefen die deutschen Mandatsträger in die Mikrofone, dass Deutschland keine Provinz der Türkei sei und hier kein öffentlicher Wahlkampf geführt werden darf. Wenige Stunden später machten dieselben nach dem gleichen Muster mit dem türkischen Wahlkampf in den Talkshows weiter. Diese paradoxen Verhaltensweisen schlachteten die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagleden von den Linken und Cem Özdemir von den Grünen immer und immer wieder aus. Sie waren so in Rage geraten, dass sie sogar oft mit den CSU-Politikern auf der gleichen Wellenlänge im Einklang waren.
Auf der internationalen Ebene hoffe ich nach 50 Jahren, dass eine ehrliche, klare und verbindliche Sprache der Bedingungen in den laufenden Verhandlungen zwischen der EU und Türkei gesprochen wird. Die dringenden Fragen über Zollunion, Visafreiheit für Geschäftsleute und Finanzhilfen sollten positiv beendet werden. Ständiges Hinhalten und halbleere Versprechungen sollten endlich vorbei sein. Dabei dürfen gegenseitige Druckkulissen nicht das Klima bestimmen, das über Jahrhunderte aufgebaut worden ist. Vielmehr sollten in der EU und in der Türkei die gemeinsamen Interessen in den Vordergrund gerückt werden.

Die Wahlergebnisse aus dem Ruhrgebiet

Warum ist man verwundert über das Wahlergebnis vor allem in den Großstädten des Ruhrgebiets. Das Land NRW wird seit fast über 50 Jahren von den Sozialdemokraten und in den letzten Wahlperioden gemeinsam von den Grünen regiert; nur von 2005 – 2010 gab es eine CDU und FDP Landesregierung mit einem Integrationsminister. Das war die richtige Richtung! Jeder Insider weiß, dass die Integration im Ruhrgebiet mehr oder weniger gescheitert ist. Die Schulabbrecher-Quote ist hoch und dementsprechend auch die Jugendarbeitslosigkeit sowie die Altersarmut bei der ersten Gastarbeitergeneration. Nicht nur in Essen, Dortmund, Duisburg und in anderen Städten beherrschen Parallelgesellschaften den Alltag. Moscheeorganisationen, Kulturvereine und türkische TV-Sender prägen das Denken und somit das Wahlverhalten.

Die Kommunal- und Landespolitiker sowie die Behörden und Verwaltungen sollten sich endlich zu einer zukunftsorientierten interkulturellen Organisationsentwicklung bewegen. Die Bildungsaufträge sollten nicht mehr, nach parteipolitischen Aspekten bewertet, nur an die traditionellen Bildungsträger vergeben werden, sondern auch innovativen, interkulturell offenen und multilingualen Projektmanagern angetragen werden. Konzepte sollten generell spezifisch für bestimmte Stadtteile und unter Einbindung der Betroffenen erstellt werden. Das heißt, Nicht nur über die Menschen reden, sondern sie ernst nehmen und mit ihnen gemeinsam die Zukunft dieser Städte gestalten. Da helfen auch die Relativierungen nicht, die die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz (SPD) zur hohen Zustimmungsquote von in Deutschland lebenden Türken zum Verfassungsreferendum vor Pauschalkritik warnt. „Unter dem Strich haben nur etwa 14 Prozent aller hier lebenden Deutsch-Türken mit Ja gestimmt. Das ist klar nicht die Mehrheit. Das muss man mal zur Kenntnis nehmen“, sagte die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. In Deutschland leben fast 3 Million Menschen mit türkischen Wurzeln. Nur 1,4 Million waren wahlberechtigt, davon sind 416.000, also nicht mal die Hälfte, wählen gegangen.

Cem Özdemir und die Türkei-Kennerin Claudia Roth kamen sofort mit den ersten Vorschlägen besondere Demokratie-Integrationskurse für „ja-Wähler“ auszurichten. Eine weitere Beleidigung zur Abschottung aus dieser Gesellschaft.

Es ist Zeit an neuen Ansätzen zu arbeiten, vor allem eine gemeinsame interkulturelle Konzeption, die seit Jahrzenten wie z. B in der Schulpolitik fehlt, anzustreben. Wir müssen in die Zivilgesellschaft investieren, in den Austausch zwischen Schülern und deren Eltern und Lehrern sowie Studenten und deren Professoren, also auch auf die Wissenschaft setzen und gemeinsame Mikroprojekte entfalten, die schnelle Erfolgsergebnisse zeigen. Internationale Akteure wie Ministerien, Kammern, Verbänden und die Industrie sollten sich für die großen Herausforderungen zur Zusammenarbeit verbrüdern.

Bildquelle: Wikipedia, Nub Cake, CC BY-SA 4.0

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Gül Keskinler

Gül Keskinler lebt seit einigen Jahrzehnten in Deutschland. Die „Deutsch-Türkin“ ist Chefin der Agentur für Interkulturelle Kompetenz EKIP in Köln, die Konzepte für Bildung, Qualifizierung und Kompetenzerweiterung entwickelt und umsetzt. 2006 - 2016 ehrenamtliche DFB-Integrationsbeauftragte.


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