Buchcover Überlebensglück. Bildquelle: Steidl Verlag

Negt: Überlebensglück. Eine autobiographische Spurensuche

Oskar Negt, Jahrgang 1934, wuchs als jüngstes von sieben Kindern auf einem kleinen Bauernhof in Ostpreußen auf. Anfang 1945 flieht er mit zwei minderjährigen Schwestern zunächst nach Königsberg und dann mit einem Schiff über die Ostsee in ein Flüchtlingslager in Dänemark, wo die Geschwister – getrennt von den Eltern – über zwei Jahre in einem Internierungslager verbringen. Erst danach findet die Familie in der Nähe von Ostberlin wieder zusammen, um kurze Zeit später erneut die Flucht in den Westen anzutreten. Erst 1955, also zehn Jahre nach der Flucht aus Ostpreußen, findet die Familie in der Nähe von Oldenburg ein neues Zuhause.

Besonders beeindruckend an dem Buch ist, dass Negt über die Schilderung des dramatischen Einzelschicksals hinaus über Themen wie Flucht, Vertreibung, Asyl, Heimat u.a. reflektiert, und zwar mit „philosophischem Tiefgang“. Da denkt einer über Menschheitsthemen nach, der weiß, wovon er spricht. Negt schreibt: Die Vorstellung, einen sicheren Ort in der Welt zu finden, wo ich mich auf Dauer ansiedeln kann oder Gastrecht genieße, bis die Leib und Leben bedrohende Gefahr vorüber ist, lässt sich von ihren naturrechtlichen Ursprüngen gar nicht ablösen. Mehr als ein Jahrtausend lang, bis in die Neuzeit hinein, war die Kirche ein solcher Ort des Asyls, nicht immer gefeit gegen die Machtansprüche des Staates, aber doch mit dem Versprechen, den Verfolgten nicht einfach den Henkern auszuliefern. Auch dem modernen Denken ist dieser Topos eines sicheren Ortes, der den Flüchtenden, Herumirrenden, Verfolgten einen Ausweg zeigt, ihnen wenigstens vorübergehend Schutz gewährt, nicht unbekannt. Aber auch das Recht auf Ansiedlung, auf Migration in vollem Wortsinne, lebt, wenn es friedlich beansprucht wird, von einem naturrechtlichen Element des Gemeinbesitzes der Erde. Kant spricht hier sogar von einem erfahrungsunabhängigen, das heißt transzendentalen Prinzip der Hospitalität, von einem weltbürgerlichen Gastrecht auf Erden. (281 f.)

Es ist beeindruckend, wie es Negt gelingt, seine persönlichen Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang zu stellen, indem er z.B. auf die Ursachen der Flüchtlingsströme verweist: Denn die reichen Länder sind durch eine Wirtschaftsform, die den weniger entwickelten Ländern keine gerechte Basis für erfolgreiche Konkurrenz auf dem Weltmarkt bietet, nicht unbeteiligt daran, dass die Flüchtlingsströme vielleicht schon bald zu riesigen Völkerwanderungen anwachsen werden. Nicht nur Krieg, Gewalt und Verfolgung werden die Menschen zur Flucht bewegen, immer mehr werden sich auch aus ganz anderen Motiven auf den Weg machen. Es werden immer mehr Menschen kommen, die entwurzelt sind, die keine ökonomische Lebensgrundlage besitzen, die nichts zu verlieren haben als ihre Not und ihr Elend. (292) Vor diesem Hintergrund hält er die aktuelle Diskussion um sichere Herkunftsstaaten für fragwürdig; nicht nur, weil es keine trennscharfen Kriterien gibt, sondern weil sie lediglich den Extremfall von Krieg, Diktatur und Terror meinen, nicht aber die ökonomischen Formen der Unterdrückung und Ausbeutung.

Negt erinnert in diesem Zusammenhang an den verwundbarsten Artikel des Grundgesetzes: das Asylrecht. Er warnt vor dem Irrglauben, durch Änderungen des Asylartikels die o.g. Probleme lösen zu können. Er sieht darin eine fatale Korrektur des Erfahrungsgehalts der deutschen Geschichte, deren Folgen nicht absehbar sind. Es gibt so etwas wie eine Bringschuld der Deutschen im Blick auf das politische Asyl … Die Liste der deutschen Asylbewerber, die in anderen Ländern Asyl erhielten, ist praktisch unabschließbar. Heine und Walter Benjamin in Paris, Marx in London, Brecht in Dänemark und den USA, Thomas Mann, Freud, Einstein usw. usw. – Hunderttausende Deutsche, die anderswo Asyl erhielten. Und er fragt: Ist das Ergebnis der aufgeheizten Asyldebatten, die den rechtsradikalen Mördern Handlungsvollmachten zu signalisieren scheinen, das definitive Ende des kurzen Sommers des politischen Asyls in Deutschland?

In seiner Ursachenforschung weist Negt auf eine grundlegende Störung im Geschichtsverständnis der Deutschen hin, in dem die Balancearbeit zwischen Innen und Außen immer wieder misslingt. Die Erfahrungen eigener Not, von Vertreibung, Flucht, Mauern und Stacheldraht reichen offenbar nicht aus, diesen fatalen Kreislauf zu durchbrechen, demzufolge in dem Maße ausgeschlossen wird, wie andere eingeschlossen bleiben. (291 f.) Nur bedingt habe der Fremdenhass mit den Fremden zu tun; vielmehr sind nach Negt die Existenzängste, zerbrochenen Lebensperspektiven junger Menschen, der Verlust an gesellschaftlicher Achtung und materieller Mindestausstattung, durch Arbeitslosigkeit und Abrutschen in die Armut verursacht. Sie bereiten den gesellschaftlichen Boden, auf dem rechtsextremistische Einstellungen mit ihren Feinderklärungen und Vernichtungsphantasien gegen das Fremde, Andersartige und schließlich gegen Andersdenkende wachsen und gedeihen. Der Fremdenhass lebt von der Täuschung, dass die Gesellschaft gesund und krisenfrei gemacht sei, wenn der letzte Ausländer das Land verlassen hat. (288)

Negts Schlussfolgerungen lassen an Klarsicht, denkerischer Radikalität und Konsequenz nichts zu wünschen übrig. Das hat nicht nur mit seinen persönlichen Erfahrungen von Flucht und Vertreibung zu tun, sondern vor allem damit, dass sein Denken geistesgeschichtlich fundiert und von einem tiefen Humanismus durchzogen ist. So gehören denn auch seine Rückbezüge auf Kants Aufklärungsschriften und dessen Text Zum ewigen Frieden für mich zu den Höhepunkten des Buches. Nach Kant ist die Idee eines Weltbürgerrechts keine phantastische und überspannte Vorstellungsart des Rechts, sondern eine notwendige Ergänzung des ungeschriebenen Kodex sowohl des Staats- als auch des Völkerrechts zum öffentlichen Menschenrechte überhaupt und so zum ewigen Frieden, zu dem man sich in der kontinuierlichen Annäherung zu befinden nur unter dieser Bedingung schmeicheln darf.

Im Ringen um Orientierung in diesen Zeiten der Unübersichtlichkeit (Habermas) greift Negt immer wieder auf Kant zurück. Orientierung und Aufklärung gehören zusammen, lautet dann auch eine Zwischenüberschrift des Buches. Nach Negt versteht Kant Aufklärung als eine Art Wegbeschreibung; die Vernunft wagt den Ausgang in die Öffentlichkeit, indem sie selbstverschuldete Faulheit und Feigheit überwindet und die entmündigende Abhängigkeit von ‚Vormündern’ und einschüchternden Autoritäten überwindet. Nicht am Aufklärungsvermögen scheitert das Mündigwerden, sondern am mangelnden Entschluss zum Risiko, die im Privaten, vielleicht an einem Stammtisch oder in der Familie, angesammelten und erprobten Vernunftgründe dem öffentlichen Urteil auszusetzen. (27) Im Kantschen Credo: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! – sieht Negt denn auch die kürzeste Formel des Humanismus. Sich dieser Botschaft humanistischen Denkens zu erinnern, ist eines der wichtigsten Anliegen dieses verdienstvollen, überaus lesenswerten Buches.

Negt: Überlebensglück. Eine autobiographische Spurensuche; Steidl Verlag, Göttingen 2016, 319 Seiten, 24 Euro

Bildquelle: Steidl Verlag

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Joke Frerichs

Joke Frerichs, Dr. rer. pol.; Studium der Politikwissenschaft; Soziologie; Philosophie; Germanistik, lebt als freier Autor in Köln. Zuletzt erschien sein Roman Das Haus des Dichters (2016) und das Journal Inside Out. Die Welt lässt sich nicht umarmen (2016)


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