Logo Presseclub

Der vornehme Club der Scheinheiligen: Öffentlicher Brief an Fernsehdirektor Schönenborn zum Presseclub am 9. April 2017

Schon die scharfmachende Headline war eine törichte:

„Amerikas Gegenschlag – Leichtsinn oder starkes Zeichen?“

Was soll das heißen – Gegenschlag? Jemand tötet in Syrien die Zivilbevölkerung mit Sarin, übrigens seit Jahrzehnten mit den lukrativen Lieferungen aus deutscher Produktion! Ächtung hin oder her.

Wer das Giftgas eingesetzt hat, ist noch nicht bewiesen, wahrscheinlich die Männer von Assad.

Wenn Trumps Männer danach in Syrien bombardieren, ohne UN-Mandat, war das jenseits von UN-Resolutionen. Also eher „ein starkes Zeichen“ von Kriminellen? Das Wort „Gegenschlag“ suggeriert zudem eine Notwehr. Die USA in höchster Gefahr? Der Begriff ist also nicht nur irreführend, er legitimiert einen Völkerrechts-Verstoß! Die bescheuerte Fragestellung „Leichtsinn oder starkes Zeichen“ hat mal wieder das BILD-Zeitungsniveau ins Öffentlich Rechtliche betont locker untergebracht, denn so furchtbar einfältig ist ja das Volk, also will man es mit machtvollen Zusammenhängen von Geostrategien doch nicht überfordern.
Hop oder Top, welche Wette gilt, Herr Schönenborn? Die Tatsache, dass der profilierungssüchtige Oberste Ami dann direkt den Einsatz seiner Todesmaschinen auch noch als tatkräftige Warnung des selbst ermächtigten Weltpolizisten Richtung Nordkorea verstanden wissen wollte, dieses Faktum brutum hätten Sie als verantwortlicher Moderator keinesfalls unterschlagen dürfen.

Bis auf Andreas Zumach wirkten alle anderen KollegInnen zombiehaft abgebrüht, kein Fünkchen Empathie zeigte sich in ihren Gesichtern.
Diese pseudoprofessionelle Ungerührtheit, mit der die Auguren Kornelius, die Spiegel-Lady von Mittelstaedt und Sylke Tempel ihre ach so coolen Tipps abgaben, war erschreckend konspirativ unterfüttert schon durch eine Anmoderation, die die dürftigen Formulierungskünste von Jörg Schönenborn vorgaben: „ da die Welt sich irgendwie verändert hat, ob zum Besseren oder zum Schlechteren, dass lässt sich im Moment noch nicht sagen…sorgte ein Angriff dafür, dass über 80 Menschen einen qualvollen Tod starben durch das Giftgas Sarin…“ Ja, das schöne Wort „sorgen“ wird inflationär dann verwendet, wenn es um menschliches Handeln geht, aber man bleibt lieber gedankenlos unkonkret. Jedoch: Es geht hier nicht um Erdbeben: Einzelne Individuen tun doch etwas, haben Absichten, also sollten wir doch ein „Tu-Wort“ einsetzen, wenn es um Verantwortung geht.

Also: Auch für passende Verben werden Sie bezahlt!

Und was war das für eine unglaubliche ideologische Entscheidung der Redaktion, von 4 Kollegen die Hälfte – nämlich Kornelius und Tempel – aus dem Pool der „Atlantikbrücke“ einzuladen, des mächtig einflussreichen Pressuregroup-Vereins. Oder durfte Herr Schönenborn – selber Mitglied dieses Thinktank – sich seine Spezis für diese nette Party selber aussuchen, man bleibt quasi unter sich, eine clevere Talk-Show, damit die Richtung stimmig bleibt? Dieser Opportunismus ist schamlos!

Die undankbare Rolle des pubertären Querulanten in dieser inszenierten Gruppendynamik durfte sodann Andreas Zumach – der UN-Berichterstatter für die Taz – übernehmen. Was er auch durchgängig an guten Argumenten, was an naheliegenden Zweifeln, was an wesentlichen Informationen in die kalt grinsende Runde gab – er wurde kaum beachtet. Man rümpfte unwillig die Nase, allen voran Tempel und Kornelius, die sich darin gefielen, zu den „Erwachsenen“ zu gehören. Wie billig, diese Art der Kategorie, als ob Kinder immer im Unrecht seien. Besonders perfide wurde es dann, als Kornelius abwertend von der „sehr sehr moralischen“ deutschen Haltung schwadronierte, die zu zögerlich pragmatische Kriegseinsätze befürworte. Sämtliche vernünftigen Argumente von Zumach – die Flugverbotszonen zum Schutz der Zivilbevölkerung gerade wegen der vielen explosiven Unklarheiten mit den Russen gemeinsam zu organisieren – wurden einfach ignoriert, so dass Zumach immer mehr in trauriger Resignation zusammensank, der Einzige am Tisch, dessen Gefühlsregungen authentisch waren. Dennoch wusste er sich zu wehren, bestand auf einem klärenden Schluss-Statement, immerhin konnte ihm das keiner nehmen.

Insgesamt war dieser Presseclub alles andere als eine konstruktive Kommunikation, der Umgang mit der berechtigten Skepsis von Andreas Zumach respektlos, abwertend und ausgrenzend, und diese supercoolen „Wohlgesinnten“ journalistisch in der Tat unprofessionell. Besonders angesichts der doch für uns alle wesentlichen Fragestellung über die Hintergründe dieses grausamen Stellvertreter-Kriegs in Syrien löste solch ein gespenstisches Gesprächsklima zunehmend Entsetzen in mir aus. Fragen Sie sich doch mal, Herr Schönenborn, ob es nicht der pure Zufall der Geburt ist, dass wir hier leben und nicht irrsinnigem Bombenterror ausgeliefert sind. Jeder Mensch, der diesem geostrategischen Wahn zum Opfer fiel, hätte gerne weitergelebt. Und Sie und die anderen KollegInnen wissen doch, wie weit auch deutsche Konzerne unter Duldung deutscher PolitikerInnen mitverantwortlich sind, von wegen „westliche Werte“. Also stellen Sie sich bitte nicht so unwissend.

Noch eine Frage bleibt: vor 50 Jahren haben die USA-Herrscher mit „ agent orange“ flächendeckend in Vietnam ihr imperiales Unwesen getrieben, nicht nur Bäume entlaubt, so viele Menschen wurden in diesem Krieg ermordet, grausam verletzt, über Generationen traumatisiert, bis heute gezeichnet. Hatten die vietnamesischen Mütter, die Väter, die Kinder, die Amerikaner etwa um diese mörderische „Hilfe“ gebeten? Herr Schönenborn, bitte debattieren Sie in solchen Runden auch mal über die Verheerungen durch dieses Gift für die vietnamesische Zivilbevölkerung.

Ich möchte Reue spüren dürfen, nicht permanent double standards.

Dabei denke ich genauso an die vielen Opfer in Tschetschenien durch russisches Militär und in anderen Ländern der totalitären Sowjetunion.

Opfer und Täter – sie alle haben Namen!

Und – im Sinn von Ernst Bloch – eine „Konkrete Utopie“:

Es ist höchste Zeit, dass wir, die demokratischen wachen WeltbürgerInnen uns eine andere UNO entwerfen und dann gerecht gestalten: die neue UN könnte sich vielleicht UPN nennen: United Peace Nations. Und dann gäbe es da kein hypermaskulines kriegsgeiles Veto mehr im so genannten „Sicherheitsrat“, der aus waffenstarrenden Großmächten besteht, sondern humane Spiel-Regeln für Alle auf diesem Globus, und in so einer UPN darf Mitglied werden, wer diese neu zu definierenden Aufgaben verbindlich einlöst. Die Anderen, die Scharfmacher, können dann eben draußen bleiben.

Bildquelle: Wikipedia, WDR

Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 4 491 Abonnenten.



Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


'Der vornehme Club der Scheinheiligen: Öffentlicher Brief an Fernsehdirektor Schönenborn zum Presseclub am 9. April 2017' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht