Jörg Schönenborn

Die enthemmte Mitte und die marktgängigen Appelle an niedere Instinkte: Mord & Totschlag im Öffentlich Rechtlichen: Offener Brief an den WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn

Lieber Jörg Schönenborn,

ich finde, es ist an der Zeit: lassen Sie das Publikum in Frieden mit dieser ekligen Inflation von crime, entertainment & sonstiger verdummender Zerstreuung. Ich meine es ernst: Ich plädiere für eine gründliche PROGRAMMÄNDERUNG ab sofort: die Welt verroht, und wir brauchen weder dümmliche Drehbücher noch brutale Nahaufnahmen in der fiction von Messern, die in fette Bäuche oder zarte Mädchenkörper gerammt werden, wir brauchen keine unendlichen Kamerafahrten durch Pathologie-Räume, irres Gemetzel, bescheuerte Dialoge.

Was glauben Sie, wo dieser Müll mental endet? Sehen Sie nicht, wie gefährdet wir sowieso schon sind in dieser rasanten auch charakterlichen Orientierungslosigkeit? Und die Verlierer – global und lokal – mit welcher Perspektive sind sie geneigt, sich an Regeln zu halten, die sie gleichzeitig ausschließen?

Ist die ARD dermaßen verantwortungslos, dass Sie uns allen diese Unmengen an Gewalt auftischt, nur um der scheiß Quote willen?

Es ist klar, dass Sie damit auch schleichend eine Hemmschwelle senken, mit diesen verrohenden „Angebotsdrogen“. Das ist keineswegs Ihre Aufgabe, dafür werden Sie von uns sehr ungern finanziert.

Stop!!! Und: Reden Sie mit dem zahlenden Publikum, stellen Sie sich. Es gäbe ganz andere Möglichkeiten, das Programm sinnvoll zu füllen, mit Informationen. Ich habe nichts gegen Komik, aber bitte ernsthaft, keine Verachtung a la Böhmermann. Laden Sie mal meinen Freund, den großen Schauspieler Günter Lamprecht ein, der kann den ZuschauerInnen berichten von dem Amoklauf eines DEUTSCHEN Jungen mit den Waffen seines Vaters am 1. November 1999, wo 5 Tote dann das Resultat waren – und Lamprecht und seine Frau lebensgefährlich verletzt in ihrem Blut lagen. Günter hat danach vor Schmerzen nachts wochenlang im Krankenhaus nicht schlafen können, hat sich damals schlaflos durch die TV-Programme gezappt, was sah er: nur GEWALT! ( Im STERN von Januar 2000 können Sie unser Interview mit ihm über diesen Horror lesen)

Bitte leiten Sie diesen Aufruf an den passenden Chef im ZDF weiter, damit es zu einer konzertierten Aktion zumindest im Öffentlich Rechtlichen kommt.

Ich hoffe sehr, Sie werden aktiv, die vernünftigen BürgerInnen werden es Ihnen danken, Marianne Bäumler

Dr. Marianne Bäumler
Journalistin

Bildquelle: www.wdr.de

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


'Die enthemmte Mitte und die marktgängigen Appelle an niedere Instinkte: Mord & Totschlag im Öffentlich Rechtlichen: Offener Brief an den WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn' hat einen Kommentar

  1. 26. Juni 2016 @ 22:05 Claudia Liebers

    Dank und Anerkennung der Autorin für diese fordernden Zeilen: Es gibt sie also doch noch – Menschen, die nicht nur stumm resignieren! Dennoch wissen wir, dass kritik- und anspruchslose Teile des Publikums dem Wunschbild der TV-Macher entgegenkommen. Es ist bequem, gleichgültige Zuschauer zu bedienen, die sich mit reißerischen Effekten zufriedengeben. Vielleicht halten sich die Medienschaffenden gerne tumbe Abnehmer, müssten sie doch ansonsten gesellschaftspolitisch relevante Kost auftischen – und das ist anstrengend. – Wenigstens die öffentlichen TV-Anstalten sollten die Gebühren für mehr Qualität anstatt Masse nutzen.

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